Eine Primadonna führt ins Paradies

Projekt „Eden“, Joyce DiDonato  Auditorium  Grafenegg, 2. September 2022

Foto: Joyce DiDonato © Florian Kalotay

Auditorium  Grafenegg, 2. September 2022

Projekt „Eden“

Ensemble Il Pomo d’Oro
Joyce DiDonato

Dirigent: Maxim Emelyanychev

von Herbert Hiess

Wer bei einem Recital mit Joyce DiDonato ein „normales“ Konzert erwartet, wird sowieso bald eines Besseren belehrt. So auch an diesem Abend in Grafenegg. Und dieses Mal waren nicht nur ein Ensemble, Dirigent und die Sängerin am Podium; nein – das Podium wurde sogar als Bühne umfunktioniert, mit einer interessanten Ausstattung versehen und das Ganze wurde mit Lichtinstallationen verfeinert.

Das Projekt „Eden“ ist, wie der Name schon sagt, dem Paradies, der Natur, der Umwelt, der Schöpfung gewidmet. Interessant war, dass die multifunktionelle Ausstattung am Podium auch wie Rippen gewirkt hat. Und wie bibelfeste Kenner wissen, wurde in der Schöpfungsgeschichte Eva im Paradies durch eine Rippe Adams erschaffen.

Das Konzert begann mit Charles Ives „The Unanswered Question“. Ein Werk, das in  zartesten Dur-Streicherakkorden erklingt, die durch Holzbläserdissonanzen unterbrochen werden. Bei diesem Stück trat Frau DiDonato durch den Zuschauerraum auf, die Ives’ Werk immer wieder mit Vokalisen untermalte.

Danach kam gleich ein wunderschönes Lied der 1960 geborenen britischen Komponistin Rachel Portman mit dem Titel „The first morning of the world“. Die Oscar-Preisträgerin für Filmmusik vertonte hier in dem elementaren Bestandteil des Projektes „Eden“ die unbeantwortete Frage über die Schöpfung der Natur – und wie man sie schätzen und bewahren muss. Ein interessantes Interview mit Frau DiDonato mit Ausschnitten aus dem Lied kann man hier hören:

Weiter ging es mit Barockwerken, dann kam Mahlers „Ich atmet’ einen linden Duft“, um wieder zur alten Musik zurückzukehren. Dann kam ein Werk des Barockkomponisten Josef Mysliveček aus dem Oratorium „Adam und Eva“, dem gleich Aaron Coplands „Nature, the gentlest mother“ angeschlossen wurde.

Das Hauptthema war in dem Projekt nicht nur das Paradies „Eden“, sondern auch dazugehörig die Natur, die Schöpfung, der Mensch.

Joyce DiDonato hat sich hier wieder als Primadonna erwiesen; sie ist stimmlich einfach perfekt, ihr Mezzo reicht von tiefsten Lagen bis in sopranige Höhen. Mehr als beeindruckend ihr Stimmvolumen. Sie füllte das Auditorium mühelos mit ihren Goldklängen. Und nicht nur die Stimme schlägt alles. In Sachen Interpretation ist sie heute fast unerreicht. Man kann sie auf eine Stufe mit der unvergessenen Jessye Norman stellen.

Das merkte man vor allem bei Mahlers Rückertliedern. Nach dem „linden Duft“ kam das berühmte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ als offizieller Abschluss dieses großartigen Abends. Wie sie den Teil „Ich bin gestorben im Weltgetümmel…“ gesungen hat, hat sich tief ins Gedächtnis eingeprägt.

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Und phantastisch neben der Sängerin das großartige Englischhorn des Ensembles „Il Pomo d’Oro“. Der junge Russe Maxim Emelyanychev hat vom Cembalo aus dirigiert und einmal sogar Blockflöte gespielt. Das reduzierte Ensemble hatte natürlich nicht alle Instrumente zur Verfügung; die Harfe wurde beispielsweise vom Cembalo und von der Gitarre gespielt. Ein exzellentes Ensemble, das letztlich auch aus dem Abend ein Ereignis machte.

Vor den Zugaben hatte die Primadonna eine äußerst sympathische Ansprache bezüglich des Paradieses und der Umwelt gemacht; sie lobte begeistert die wunderbare Landschaft um Grafenegg. Das Wesendock-Lied von Richard Wagner „Schmerzen“ war schon Weltklasse. Dann kam ein Budapester Kinderchor zum Zug und sang mit ihr ein wunderschönes, schlagerartiges Lied bezüglich der Zukunft und der Umwelt. Als letzte Zugabe gab es ein unvergessliches „Ombra mai fu“ aus Händels „Xerxes“ (Anm.: Das berühmte Largo), das die Besucher mehr als gerührt entließ.

Herbert Hiess, 3. September 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD Rezension: Joyce DiDonato, EDEN, klassik-begeistert.de

CD-Besprechung „Into the Fire“,  Joyce DiDonato & Brentano String Quartet, 2. Dezember 2020 klassik-begeistert.de

PURE JOY(CE), RECITAL JOYCE DIDONATO, OPÉRA ROYAL DE WALLONIE, LIÈGE (BELGIEN)

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