Malte Schöning, Foto: © Malte Schöning

In der Arena di Verona verhallen die letzten Töne von Verdis AIDA. Opernliebhaber drängen auf den Piazza Brá, um den Heimweg anzutreten und werden überrascht: Malte Schöning schafft einen spontanen Moment der Verbundenheit und spielt ein kurzes Konzert umsonst und für alle. Hunderte Menschen bleiben stehen, tanzen und singen mit, als er leidenschaftlich Con te partirò von Andrea Bocelli interpretiert und anschließend AIDA performt – seinen eigenen Song mit deutsch- englischem Text. Die Geschichte dahinter geht unter die Haut.
Provokant stellt er luxuriöse Kreuzfahrtträume im Mittelmeer dem existenziellen Kampf ums Überleben gegenüber. Privileg trifft Ohnmacht. AIDA ist kein ästhetischer Zufall, sondern ein bewusst gesetztes Kontrastbild. Schöning nutzt den Opernmythos nicht als Referenz, sondern als Reibungsfläche. Das Mittelmeer erscheint hier nicht als Postkartenmotiv, sondern als moralischer Bruchraum. Die erste Single des Hamburger Jung ist ein flammendes politisches Statement.
Entstanden aus der Begegnung mit einem Holocaust-Überlebenden, dem als jüdisches Kind dieFlucht vor den Nationalsozialisten gelang, erzählt der Text in emotionalen Bildern von dessen Vision einer Welt ohne Grenzen, Rassismus und Ungleichheit – und konfrontiert diese Vision mit der Gegenwart. „Uns hat nur der Zufall privilegiert“ wird hier nicht als Anklage formuliert, sondern als nüchterne Erkenntnis. Das wirft die unausgesprochene Frage auf: Welche Konsequenz ziehe ich daraus?
Musikalisch arbeitet Schöning mit Reduktion statt Überwältigung. Die Arrangements sind transparent und schnörkellos. Keine Effekthascherei, kein Sounddesign als Selbstzweck, keine emotionale Manipulation. Stimme, E-Gitarre und Text tragen die Musik und schaffen Raum – für Nachdenklichkeit, für Schmerz, aber auch für einen Blick nach vorn, für Hoffnung. AIDA wirkt nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung.
Schöning bewegt sich dabei zwischen Singer-Songwriter-Tradition, kunstliedhafter Klarheit und moderner Popästhetik. Das klingt nicht konstruiert, sondern echt und mitreißend. Aus dem Kind, dessen Familie von den Nazis ermordet wurde, wird ein Mann, der den Glauben an eine bessere Welt trotz alledem nicht aufgegeben hat. Das Stück konserviert das bewegende Schicksal eines Zeitzeugen, der nie wieder nach Deutschland zurückkehrte und „außer dem Mantra ‘Nie wieder’ nie wieder die Sprache sprach“.
Neuanfang ist nicht nur das zentrale Motiv der EP, die im April erscheinen soll, sondern auch das persönliche Ziel des Hamburger Musikers. In London. Dort, wo er seiner Freundin auf einem romantisch dekorierten Hausboot den Antrag machte. Slow Dance heißt das zweite Stück, das nach Jahren einer Beziehung auf Distanz den unbändigen Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft beschreibt.
Der dritte Titel trägt den Namen Lieblingsort auf Zeit. Hier scheint schließlich Schönings‘ Liebe zur klassischen Musik durch das Arrangement hindurch, die er in der Elbphilharmonie für sich entdeckte – Requiem von Giuseppe Verdi. In einer Kollaboration mit dem aufstrebenden Filmkomponisten Raphael Fimm aus Wien rahmen Cello und Violine den Verlust von Schönings Großvater musikalisch ein – ein Stück, das persönlichem Erinnern, Trauer und dem sehnlichen Wunsch nach einer letzten bewussten Umarmung Ausdruck verleiht. Das Motiv des Neubeginns ist hier als thematisches Konzept der EP nur noch in Ansätzen erkennbar. Im Zentrum steht das, was nach dem Abschied von einem geliebten Menschen bleibt: „Hast mir gezeigt was wirklich wichtig ist // Pass auf auf die, die du liebst und genieß den Augenblick“.
Diese EP funktioniert nicht als Nebenbeimusik. Sie fordert Aufmerksamkeit. Konzentration.
Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Sie ist kein Soundtrack für den Alltag, sondern ein Werk für
bewusste Rezeption. Für Hören statt Konsumieren. Für Denken statt Scrollen.
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In the Arena di Verona, the final notes of Verdi’s AIDA fade away. Opera lovers stream onto Piazza Brà to head home—and are caught off guard: Malte Schöning creates a moment of connection, performing a short concert free of charge and open to everyone. Hundreds of people stopspontaneously, dance, and sing along as he passionately interprets Con te partirò by Andrea Bocelli, followed by AIDA—his own song with German-English lyrics. Provocatively, he juxtaposes luxurious Mediterranean cruise dreams with the existential struggle for survival. Privilege meets powerlessness. The story behind it is deeply moving.
AIDA is not an aesthetic coincidence but a deliberately chosen image of contrast. Schöning does not use the opera myth as a reference point, but as a surface of friction. The Mediterranean appears here not as a postcard motif, but as a moral rupture zone. The debut single by the Hamburg-born artist is a blazing political statement. Born from an encounter with a Holocaust survivor—a Jewish child who managed to escape the National Socialists—the lyrics paint emotional images of that man’s vision of a world without borders, racism, and inequality, and confront this vision with the present day. “We were only privileged by chance” is not phrased as an accusation, but as a sober realization. It raises the unspoken question: What consequences do I draw from this?
Musically, Schöning opts for reduction rather than overwhelm. The arrangements are transparent and unadorned. No gimmickry, no sound design for its own sake, no emotional manipulation.
Voice, electric guitar, and lyrics carry the music and create space—for reflection, for pain, but also for looking ahead, for hope. AIDA does not work through volume, but through attitude.
Schöning moves between singer-songwriter tradition, art-song-like clarity, and modern pop aesthetics. It doesn’t sound constructed, but genuine and compelling. From the child whose family was murdered by the Nazis emerges a man who, despite everything, has not given up faith in a better world. The song preserves the moving fate of a witness to history who never returned to Germany and who, “apart from the mantra ‘never again, never again,’ no longer spoke the language.”
New beginnings are not only the central motif of the EP scheduled for release in April, but—by Schöning’s own account—also his personal goal in London. The place where he proposed to his girlfriend on a romantically decorated houseboat. Slow Dance, the second track, describes the irrepressible longing for a shared future after years of a long-distance relationshipn the third song, Schöning’s love for classical music finally shines through the arrangement—music he discovered for himself at Hamburg’s Elbphilharmonie: Giuseppe Verdi’s Requiem. In a collaboration with emerging Viennese film composer Raphael Fimm, cello and violin musically frame the loss of Schöning’s grandfather—a piece that gives voice to personal memory, grief, and the aching wish for one last conscious embrace. Here, the motif of new beginnings is only faintly recognizable as a conceptual thread of the EP. At the center is what remains after saying goodbye to a loved one:
“You showed me what really matters // Take care of those you love and cherish the moment.”
This EP does not function as background music. It demands attention. Focus. A willingness to engage. It is not a soundtrack for everyday life, but a work meant for deliberate reception. For listening instead of consuming. For thinking instead of scrolling.
von Andreas Schmidt