"Die Frau ohne Schatten" berauscht unter Jurowski in der Berliner Philharmonie

Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten, Philharmonie Berlin, 1. September 2019

Foto: © Monika Karczmarczyk

Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten
Konzertante Aufführung in der Philharmonie Berlin, 1. September 2019

von Peter Sommeregger

Richard Strauss‘ in den Jahren des ersten Weltkriegs komponierte große spätromantische Oper sollte nach der Uraufführung 1919 in Wien erst einmal ein Schattendasein im Werk des so erfolgreichen Komponisten führen. Vielen galt sie als zu lang, zu verworren, und vor allem: schwer zu besetzen. Tatsächlich gehören die fünf Hauptrollen des Stückes zu den schwersten Partien ihres jeweiligen Stimmfaches.

Vladimir Jurowski bot für die konzertante, dankenswerterweise ungekürzte Aufführung ein Sängerensemble auf, das bis in die kleinen Rollen erstklassig besetzt war. Es war einer jener Abende, an dem die blendend disponierten Sänger den jeweiligen Partner zu Höchstleistungen stimulierten und so eine wahre Sternstunde des Strauss-Gesangs ermöglichten.

Ildiko Komlosi gab der Amme brennende Intensität, ihr ausladender Mezzosopran ist aber durchaus auch zu weicheren Zwischentönen fähig, die zum Teil grellen Schärfen sind schon in der Partie angelegt. Die Kaiserin der Anne Schwanewilms ist anfangs ganz zart, gläsern, steigert sich während des ganzen Abends bis zum Melodram des dritten Aktes, das sie mit kräftiger Sprechstimme hinreißend interpretiert.

Ihr schlanker, völlig schlackenloser und sicher geführter Sopran ist für diese zwischen Geister- und Menschenwelt angesiedelte Figur eine ideale Besetzung. Die unglückliche Färbersfrau, deren Part nicht selten als nur keifendes Weib interpretiert wird, fand in Ricarda Merbeth eine zu größter Differenziertheit fähige Sängerin, für welche die unzähligen Spitzentöne ihrer Partie scheinbar mühelos abrufbar waren. Es gelang ihr darüber hinaus, der Rolle neben aller Gebrochenheit auch die nötige Wärme zu verleihen.

Bei solcher Frauenpower hatten die Männer an diesem Abend keinen leichten Stand. Sieghaft strahlend gestaltete Torsten Kerl den Auftritt des Kaisers, in der Falken-Szene des zweiten Aktes setzte er bedeutend differenziertere Töne ein, um schließlich in der Schluss-Apotheose wieder zu großer heldischer Durchschlagskraft zu finden.

Thomas J. Mayer stattete den Barak mit seinem warmen, tragfähigen Bassbariton bis in die feinsten Details dieser Rolle trefflich aus, ihm war schließlich auch die anrührendste Partie der Handlung anvertraut. Ein wenig blass blieb der Geisterbote des japanischen Basses Yasushi Hirano, hier hätte man sich ein volleres Organ gewünscht. Völlig ungewohnt, aber reizvoll die Besetzung des Hüters der Schwelle, der von dem russischen Countertenor Andrey Nemzer gesungen wurde. Üblicherweise übernimmt diese kleine, aber wichtige Rolle ein Mezzosopran, aber in dieser Besetzung klingt sie tatsächlich interessanter.

Selbst für kleine und kleinste Rollen hatte Jurowski sehr gute Kräfte eingesetzt. Der Rundfunkchor Berlin und der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden lieferten den hohen Qualitätsstandard, den man von ihnen gewohnt ist.

Dies alles wurde aber erst möglich durch die großartige Leistung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter seinem Chef Vladimir Jurowski. Die gewaltige, groß besetzte Partitur geriet unter Jurowskis Händen zu einem schlanken, geschmeidigen, wunderbar ausdifferenzierten Klangteppich, auf dem sich einzelne Soloinstrumente und die Gesangsstimmen optimal entfalten konnten.

Das war reines und großes Opernglück! Eine verquaste Inszenierung des schwierigen Stückes, wie man sie in Berlin gleich an zwei Häusern erleben kann, hat wohl niemand vermisst, da die Sänger zumindest mimisch die Illusion szenischer Aktion herstellten. Liegt die Zukunft der Oper also im Konzertsaal? Der gestrige Abend war jedenfalls ein überzeugendes Plädoyer dafür.

Peter Sommeregger, 2. September 2019, für
klassik-begeistert.de

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