Große Spielfreude in Frankfurt: Konzertante „Elektra“ mit glänzendem hr-Sinfonieorchester

Richard Strauss, Elektra, Elena Pankratova, hr-Sinfonieorchester,  Alte Oper Frankfurt, 15. März 2019

Foto: © Alte Oper Frankfurt / Norbert Miguletz
Alte Oper Frankfurt
, 15. März 2019
Richard Strauss, Elektra

von Sarah Schnoor

Mit schrecklicher Lichtregie von völlig theatral überaffektiertem Rot zu den ersten Tönen des Orchesters fließend in Orange übergehend beginnt der Abend. Das hr-Sinfonieorchester ist am Anfang noch etwas leise, das kann durchaus akustische Gründe haben, da es quasi keine Podeste gibt und man sich erst in den Saal der Alten Oper reinhören muss.

Als Elena Pankratova auf die Bühne kommt, geht es gleich los. Sie spielt schon vor den ersten Tönen und das bei einer konzertanten Aufführung. Sie singt eher lyrisch, bewegt sich dynamisch oft unterhalb des Fortes, lässt aber trotzdem Gänsehaut aufkommen mit ihren Agamemnon-Rufen, die vom Orchester tragisch unterlegt werden. Sie hat alle technischen Möglichkeiten diese durchaus anspruchsvolle Rolle zu meistern, aber so ganz will sie nicht zur Elektra werden. Es fehlt grad in der Höhe an kräftiger Fülle, ja Gewalt, dafür ist die Mittellage einfach zauberhaft. Ihre Linien sind ein Traum und auch ihr Vibrato ist genau richtig. Auch ohne wirkliches Kostüm oder Bühne, nimmt sie den Raum ein, tanzt ringsum das Grab, aber es bleibt eine schöne, erhabene und nur leicht verstörte Elektra, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Michaela Schuster ist eine Erscheinung. Warm und alle in den Bann ziehend singt sie die Klytämnestra. Mit ihrem tiefen, markanten Timbre klagt sie von ihren Träumen. Schusters Aussprache und Textbetonung sind großartig. Mit offenem Mund bestaunt man ihre Präsenz und Ausdruckskraft in Stimme und Körper. Sie ist im Großen wie im Kleinen verrückt!

Ihre zweite Tochter wird von Allison Oakes gesungen, die für Simone Schneider eingesprungen ist. Sie überzeugt vor allem in der Mittelage mit warmen, offenen Tönen. Ihr Piano ist herrlich, nur nach oben hin wird es leicht schrill. Die drei Frauen bilden einen herrlich desolaten Familienkreis.

Die Balance zwischen Orchester und Sängern ist sehr gut. Die für 111 Musiker gedachte Partitur lässt das Orchester schon zahlenmäßig zu einem herausragenden Bestandteil der Oper werden. Und das ist an diesem Abend ein Glück, denn das hr-Sinfonieorchester spielt sehr gut, steigert sich sowohl solistisch als auch im Gesamtklang sogar noch weiter. Läufe und große Akkorde wirken wie Leichtigkeiten. Andrés Orozco-Estrada sieht zwar beim Dirigieren sehr beschäftigt aus, aber der Klang ist frei.

Die Nebenrollen sind größtenteils solide. Eine absolute Luxusbesetzung ist Michael Volle, der mit seinen wenigen Minuten Orest ein Highlight der Aufführung darstellt. Er strahlt Ruhe und Autorität aus, beginnt recht unberührt und lässt durch seinen Gesang allmählich eine überdeutlich starke Machtfigur mit Liebe für seine Schwester entstehen. Ganz großes Kino. Nachdem Elektra ihr herzzerreißendes „Orest, Orest, Orest“ singt, nimmt er sie beruhigend, ja liebevoll in den Arm, bevor er ihren gemeinsamen Vater rächen geht.

Noch einmal zeigt Pankratova ihre Spiellust. Große Aufregung entsteht in ihr und einer der besten Sätze dieses unglaublich starken Librettos von Hugo von Hofmannsthal kommt fast ironisch klingend aus ihrem Mund: „Ich habe ihm das Beil nicht geben können!“

Doch auch ohne das Beil, das den Vater getötet hat, bringt Orest die Tat fertig und man hört die geniale Michaela Schuster mehrfach so laut schreien, dass es kaum überzeugender sein könnte. Nun sind alle erlöst, froh und Elektra tanzt. Der Chor aus Solisten singt von hinten, Elektra tanzt sich in eine erlöste Ohnmacht und stirbt. Chrysothemis ruft noch nach dem Bruder, aber das Orchester begräbt sie unter enormen Klängen. Alles ist rot. Nach erstem Aufatmen gibt es begeisterten Beifall.

Sarah Schnoor, 17. März 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Andrés Orozco-Estrada
Elektra: Elena Pankratova
Klytämnestra: Michaela Schuster
Chrysothemis: Allison Oakes
Orest: Michael Volle
Aegisth: Michael Schade
hr-Sinfonieorchester

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