75. Jubiläum: Der Freiburger Bachchor eröffnet das Jahr mit der Johannespassion

Freiburger Bachchor, Freiburger Bachorchester, Hannes Reich,  Münster Unserer Lieben Frau, Freiburg, 16. März 2019

Foto: Freiburger Bachchor © Baschi Bender
Münster Unserer Lieben Frau, Freiburg, 
16. März 2019
Johann Sebastian Bach: Johannespassion

Magdalena Harer                Sopran
Henriette Gödde                  Alt
Philipp Nicklaus                  Tenor
Thomas Stimmel                 Bass (Christusworte)
Simon Robinson                  Bass
Freiburger Bachchor
Freiburger Bachorchester
Leitung           Hannes Reich

von Leah Biebert

Ernst blicken die Apostel von ihren steinernen Sockeln auf die Sängerinnen und Sänger hinab. Die kraftvollen Klänge von Johann Sebastian Bachs Musik schallen durch das Freiburger Münster; über den Köpfen des Freiburger Bachchors das monumentale Triumphkreuz, die vergoldete Figur Jesu Christi glänzt im Scheinwerferlicht. 75-jähriges Bestehen. Das Jubiläumsjahr wird mit Aufführungen von Bachs Johannespassion eröffnet.

Historisch akkurate Inszenierungen von (Musik-)Theater sind heutzutage nicht in Mode, lieber werden die Stücke mit allen Mitteln der „Aktualisierung“ auf die Bühne gebracht. Ein Stück weit paradox, dass es sich bei der Konzertmusik genau andersherum verhält: Historische Aufführungspraxis steht hoch im Kurs, hat schon längst ihren Weg in den alltäglichen Diskurs gefunden. Auch das mit Laute und Traversflöten bestückte Freiburger Bachorchester schließt sich dem an. Bachs Vertonung wird heutzutage meist als Konzertmusik aufgeführt, hat seinen ursprünglichen Platz aber im Gottesdienst. Und so findet am Abend vor der Darbietung im Konzerthaus auch eine Passionsaufführung im Freiburger Münster statt. Musikdramatisch ist die Passionsgeschichte auch eine Tragödie: Jesus stirbt am Kreuz. Von seiner Auferstehung konnten die Menschen im Moment seiner Kreuzigung noch nichts wissen.

Philipp Nicklaus (Tenor) mimt an diesem Abend den Evangelisten, der den biblischen Bericht vorträgt. Begleitet vom Continuo erzählt er eindringlich von den Ereignissen oder schwelgt in deren Tragik. Für den Jesus-Part ist Thomas Stimmel (Bass) zuständig; mit feierlichem Ernst trägt er die Christusworte vor. Simon Robinson (Bass) als Pontius Pilatus zeigt im Gegensatz zu Stimmel nicht die resolute Präsenz, die seine Rolle fordert; möglicherweise sind gesangliche Schwächen aber der Akustik des Freiburger Münsters geschuldet, denn gerade in den Mittellagen kommen die Töne nicht gut heraus, wirken verschluckt. Dies äußert sich vor allem in Henriette Göddes Arie „Von den Stricken meiner Sünden“. Im Gegensatz zum Elan der Instrumentalisten zeigt sich die Altistin in den Koloraturen atemlos, insgesamt beinahe etwas gelangweilt. Aber sowohl Gödde wie auch Magdalena Harer (Sopran) steigern sich in der zweiten Hälfte der Passion.

Das Timbre in Harers Stimme, wenn sie die Arie „Zerfließe mein Herze“ vorträgt, zeugt von der Erschütterung angesichts Jesu Tod. Das Fastentuch des Freiburger Münsters hängt hoch am Chor des Münsters hinter den Sängerinnen und Sängern – das größte erhaltene Artefakt dieser Art erzählt ebenfalls die Leidensgeschichte Christi. So trägt das Münster selbst zur eindrücklichen Wirkung der Passion bei. Das zentrale Bild: Jesus am Kreuz, Maria und Johannes zu seinen Füßen, über ihm die Inschrift „INRI“, „Jesus von Nazareth, König der Juden“, eben noch vorgetragen vom Evangelisten.

Und im abschließenden Choral erstrahlt der Chor, Stellvertreter für die christliche Gemeinde, unisono – der kraftvollste Teil des Abends. Zu Bachs Zeiten wurden die Choralmelodien von der Gemeinde mitgesungen, aber so weit ist es mit der historischen Aufführungspraxis noch nicht gekommen. Die letzten Töne verhallen in den heiligen Räumen des Freiburger Münsters. Es ist vollbracht und das Jubiläumsjahr kurz nach Anbruch der Fastenzeit eingeläutet.

Leah Biebert, 17. März 2019, für
klassik-begeistert.de

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