"Elektra" als Mogelpackung an der Staatsoper Unter den Linden

Richard Strauss, Elektra,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 3. Februar 2019

Foto: Daniel Barenboim © Peter Adamik
Am Ende tritt Daniel Barenboim auch noch allein vor den Vorhang und nimmt den Applaus mit etwas theatralischer Geste entgegen, ganz „alter König“. Vielleicht wäre es Zeit für einen Nachfolger?

Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 3. Februar 2019
Richard Strauss, Elektra

von Peter Sommeregger

Elektra  Sabine Hogrefe
Chrysothemis  Vida Mikneviciute
Klytämnestra  Waltraud Meier
Orest  Rene Pape
Aegisth  Stephan Rügamer
Dirigent  Daniel Barenboim

Die für Januar/Februar geplante Aufführungsserie von Strauss‘ Elektra an der Staatsoper Unter den Linden stand von Beginn unter keinem glücklichen Stern. Die für die Titelrolle vorgesehene Evelyn Herlitzius musste krankheitsbedingt absagen, als Ersatz konnte Ricarda Merbeth gewonnen werden, die ihrerseits an diesem Sonntag einer Viruserkrankung wegen absagen musste.

© Monika Rittershaus

Die erstmals 2013 in Aix en Provence gezeigte Inszenierung, die letzte Arbeit des großen Regisseurs Patrice Chereau, wurde schon an mehreren Opernhäusern wie der Mailänder Scala und der New Yorker Met gezeigt, jeweils betreut von Vincent Huguet, dem Assistenten des bereits nach der Premiere 2013 verstorbenen Chereau.

Grundsätzlich sollte man die Legitimität dieser Vorgehensweise in Frage stellen. Wenn etwas nicht konservierbar ist, so ist es theatralische Aktion. Chereaus meisterhafte Arbeit, stark auf die immense schauspielerische Begabung und Bühnenpräsenz von Evelyn Herlitzius hin konzipiert, macht den Auftritt für jede andere Sängerin in dieser Inszenierung zum Himmelfahrtskommando. Seit 2016 läuft diese Produktion schon Unter den Linden, bisher immer mit Herlitzius. Kennt man das Video der Aufführung in Aix, kann man von dem aktuellen Zustand der Inszenierung nicht befriedigt sein. Viele wichtige Details sind verloren gegangen, die Produktion hat ihre Dichte und Spannung zu einem guten Teil verloren.

Der kurzfristig als Elektra eingesprungenen Sabine Hogrefe fiel in der sonntäglichen Aufführung die undankbare Aufgabe zu, nicht nur gegen den Schatten von Herlitzius, auch gleich noch gegen den von Ricarda Merbeth antreten zu müssen. Sie bot eine durchaus akzeptable Leistung, ihr Spiel konnte allerdings nicht so recht überzeugen, ihr fehlte die Wucht und Unbedingtheit dieser Rolle, wie Chereau sie auf die Bühne bringen wollte. Man kann eben ein Konzept nicht beliebig auf andere Künstler übertragen.

Ihr zur Seite stand als Lichtgestalt Chrysothemis die litauische Sopranistin Vida Mikneviciute. Sie besitzt einen sehr schlank geführten, hellen Sopran von schönem Timbre und sicherer Höhe. Leider hat man das Gefühl, sie zehre beim Singen von ihrer Substanz. Wer mit dieser Technik singt, singt nicht lange.

Als einziges Relikt der Originalbesetzung ist Waltraud Meier als Klytemnästra übrig geblieben. Souverän spielt sie die von Todesängsten geplagte Königin als gebrochene Frau. Leider verfügt Meier nur noch über einen Bruchteil ihrer früheren stimmlichen Mittel und muss sich weitgehend in die Mitelllage und den Sprechgesang flüchten, was dieser Rolle viel von ihrer dramaturgischen Bedeutung nimmt.

© Monika Rittershaus

Rene Pape ist ein markanter Orest mit voll strömendem Bass, von dem man sich aber ein wenig mehr Differenziertheit gewünscht hätte. Stephan Rügamer singt den Aegisth passend zu der Rolle mit etwas scharfem Tenor. In den kleinen Rollen begegnet man einigen Sängern einer früheren Generation wie Roberta Alexander, Renate Behle, Olaf Bär und dem gut 90-jährigen Franz Mazura, der anrührend den Pfleger des Orest gibt.

Leider ist das Enttäuschendste an diesem Abend, was aus dem Graben kommt. Die Staatskapelle Berlin kennt und kann ihren Strauss ohne Zweifel, immer wieder gibt es schöne Details zu hören. Daniel Barenboim aber macht keinerlei Anstalten, so etwas wie einen Spannungsbogen aufzubauen, was speziell gegen Ende schmerzlich vermisst wird. Diese Oper endet in der Partitur im Rausch und in Ekstase. Davon war am Sonntag nichts zu bemerken und ließ den Abend etwas dröge ausklingen. Am Ende tritt Barenboim auch noch allein vor den Vorhang und nimmt den Applaus mit etwas theatralischer Geste entgegen, ganz „alter König“. Vielleicht wäre es Zeit für einen Nachfolger?

Peter Sommeregger, 4. Februar 2019, für
klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Richard Strauss, Elektra,
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 3. Februar 2019“

  1. Ich glaube auch, dass nicht zuletzt mit solchen und anderen Gesten, wie der Geschichte mit den Barenboim aus dem Orchester gereichten Blumen, seine Zeit überschritten ist und Berlin einen der so großartig reussierenden „jungen Wilden“ anstellen sollte. Zu lange in einer Position war noch nie gut, das kennt man auch aus Politik und Wirtschaft. Wenn GMD-Posten stark machtpolitisch gesehen werden, kann es auch hier gültig werden.
    Dr. Klaus Billand

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