Der neue "Lohengrin" in Bayreuth ist ein Vergnügen

Richard Wagner, Lohengrin, 25. Juli 2018,  Bayreuther Festspiele, Festspielhaus

Fotos: Bayreuther Festspiele 2018, Enrico Nawrath (c)
Richard Wagner, Lohengrin,
Bayreuther Festspiele, Festspielhaus, 25. Juli 2018

Konzertgänger auf Reisen: „Lohengrin“ in Bayreuth

Ein Gastbeitrag von Albrecht Selge (www.onlinemerker.com)

Als der Konzertgänger eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem Frankfurter-Allgemeine-Bayreuther-Festspiele-Korrespondenten verwandelt. Als solcher hatte er (in Vorbereitung einer Bayreuther Gesamterlebnis-Reportage, die in der nächsten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erscheinen wird) das Vergnügen, dem neuen Lohengrin beizuwohnen. Denn ein Vergnügen war es, in fast jeder Hinsicht.

Der, nach Alvis Hermanis‘ Absprung, relativ spät an Bord gekommene Regisseur Yuval Sharon betont Elsas Emanzipationsgeschichte, als die er die Auflehnung gegen das Frageverbot versteht. Der Erfolg zeigt sich darin, dass Elsa in einer völlig blauen Welt am Ende orange wird (Achtung, Komplementärfarbe).  Diese Idee führt im dritten Aufzug zu nicht unerheblichen Bild-Text-Scheren und kollabiert in der doch sehr verblüffenden Wiedererscheinung des Thronerben Gottfried als knallgrüner Kermit der Frosch.

Aber das klingt allzu mäklerisch. Der Ansatz wirkt, so zusammengefasst, brachialer und plakativer als er ist. Denn es dominiert das pure Optische, in Gestalt der Visionen des Künstlerpaars Rosa Loy und Neo Rauch. Der Regisseur scheint hier eher das dritte Rad am Biciclett. Loy/Rauchs Inszenierung ist voller Poesie und Spannung, und alles ist aus der Musik heraus gedacht. Blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung sei laut Nietzsche das Vorspiel mit den soundsovielfach geteilten Streichern (was auf Ligetis Atmosphères vorausweise, wie es manchmal heißt), und überaus blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung ist die Bilderwelt der Inszenierung. Die Ansiedlung in einem seltsam autoritären Insektenmilieu verfremdet Wagners Nationalrummelschlagseite vorteilhaft. Der beflügelte Zweikampf in hoher Luft zwischen Lohengrin und Telramund ist hübsch.

Elektrizitäts-Metaphorik spielt eine Rolle, aber zum Glück nicht im Sinne von Oper als Kraftwerk der Gefühle, sondern als Fundus, aus dem die ulkigsten Requisiten zum Einsatz kommen. Eher Umspannwerk der Gefühle?

Theatervollblüter werden bemängeln, dass es an Personenführung mangele. Man stakst so herum, der Einzelne stakst, die Masse stakst. Neo Rauch ist kein Personenführer, überhaupt kein Führer, sondern ein Maler. Das zeigt sich am eindrucksvollsten in der ersten, nächtlichen Hälfte des zweiten Aufzugs, der Szene zwischen Ortrud und Telramund (und später Elsa). Ein großes, wolkiges Gemälde, vor dem sich manchmal unten Bilder verschieben, wie im mehrdimensional zweidimensionalen Barocktheater; doch noch stärker wird das Gemälde verändert durch die minimal bewegten Darsteller, die gleichsam zu changierenden Lichtimpulsen werden. Ein verzaubertes Gemälde. Großartig.

Anja Harteros füllt Sharons gedanklichen Ansatz mit sängerischem Leben: Im ersten Akt noch etwas angestrengt wirkend, zeichnet sie eine Elsa ohne Lieblichkeit, eine starke dramatische Persönlichkeit. Das stellt Wagners Drama vielleicht auf den Kopf, aber es steht. PiotrBeczała, der als Einspringer den Luftikus Roberto Alagna ersetzt, der den Text nicht gelernt hat, ist weder Einspringer noch Ersatz, sondern sowas von erste Wahl. Weich, geschmeidig, legato, quasi südländisch, aber eben kein Armen-Italiener aus dem Osten. Die Gralserzählung macht er zum Zeugnis eines Martyriums.

Der Heerrufer Egils Silins verkörpert seine Rolle perfekt, wie auch der zurecht allseits gepriesene Georg Zeppenfeld als König und der hervorragende Chor. Großes Aufsehen erregte das Comeback von Waltraud Meier als Ortrud, eine intensive sängerische Ehrenrunde vor dem Ruhestand, der eine wohlverdiente Welle der Sympathie entgegenschlug, selbst wenn Meiers Höhen kein reines Vergnügen mehr sind. Problematisch schien Tomasz Konieczny als Friedrich von Telramund, ein Sänger von enormer Wucht, aber doch auch wüstem Klangbild.

Christian Thielemann leuchtete. Schien der sphärische Anfang noch einen Tick zu wohlsortiert, fand die Musik in einen ruhigen, freien Fluss: subtil und theatralisch zugleich, was von tiefer Vertrautheit zeugt, aber keiner Routine.

So kurz die ersten nächtlichen Eindrücke. Beim Verlassen des Festspielhauses bläut der Himmel zur blauen Stunde, als hätte Neo Rauch ihn gepinselt. Jetzt erstmal die seriösen Kritiken und Tiefenanalysen kommen lassen; und am Sonntag nicht vergessen, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit der großen Bayreuth-Reportage zu kaufen!

Albrecht Selge, 26. Juli 2018

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.