Große Emotionen im Varieté bei Leoncavallos "Zazà"

Ruggero Leoncavallo: Zazà,  Theater an der Wien, 25. September 2020

Foto: © Monika Rittershaus
Svetlana Aksenova (Zazà), Nikolai Schukoff (Milio Dufresne)

„Warum hat sich bis jetzt noch kein Intendant an das Werk gewagt? Die Musik ist großartig, die Handlung sowieso aktuell und bei so einer superben Interpretation wie mit diesem Team sollte das ein Publikumserfolg sondergleichen sein.“

Theater an der Wien, 25. September 2020
Ruggero Leoncavallo: Zazà

Mit Svetlana Aksenova, Nikolai Schukoff, Christopher Maltman u.A.

ORF Radio-Symphonieorchester Wien/Stefan Soltész
Arnold Schoenberg Chor

Regie: Christof Loy

von Herbert Hiess

Eigentlich ist Leoncavallos Libretto nach dem gleichnamigen Schauspiel von Pierre Berton und Charles Simon ein Stoff, wie er schon in hunderten Filmen, Romanen und Theaterstücken vorgekommen ist. Da geht es um eine Frau (hier eben Zazà), die für den älteren „ausgedienten“ Liebhaber (Cascart) mittlerweile unerreichbar ist und die sich in einen windigen Mann (hier der Sänger Milio Dufresne) unsterblich verliebt.

Nun kommt es, wie es kommen muss. Der „Hallodri “Milio verreist immer wieder mit windigen Ausreden, bis dann Cascart darauf kommt, dass dieser Milio eben ein Doppelleben führt. Daheim in Paris hat er eine Ehefrau und Tochter, die natürlich – genauso wie Zazà – von der ganzen Sache nichts wissen.

© Monika Rittershaus

Zu eskalieren beginnt alles im dritten Akt, als Zazà mit ihrer Freundin Natalia nach Paris reist und letztlich unter dem Vorwand, sich in der Wohnungstür geirrt zu haben, die Wohnung Milio Dufresnes betritt. Hier kommt es zu einer der berührendsten Opernszenen, die man in der Opernliteratur hören kann. Da wird sich Zazà ihres eigenen Unglücks als ungewünschtes Kind einer alkoholkranken Mutter schmerzlich bewusst. Dufresnes Tochter Totò öffnet so die Schleusen und das Herz von Zazà und sie erkennt ihre Pflicht, von Milio loslassen zu müssen, um nicht seine Familie zu zerstören.

Der Regisseur Christof Loy hat das ganze ursprünglich fünfaktige Werk auf vier Akte gerafft und in mehr als beeindruckende und berührende Bilder geformt. Natürlich operiert er gerne mit der Drehbühne des Theaters an der Wien, die einen schnellen Szenenwechsel ermöglicht. Schon beim Betreten des Auditoriums ist die Bühne offen und zeigt die Hinterbühne des Varietés und die Künstler beim Proben. Das vieraktige Werk wurde ohne Pause gespielt und war dank der großartigen Regie und der ebenbürtigen Darbietung auch nur keine Sekunde langweilig.

© Monika Rittershaus

Musikalisch hat man diesen Riesenerfolg dem viel zu selten in Wien erscheinenden Dirigenten Stefan Soltész, dem ORF-Orchester und vor allem den auf Weltniveau singenden Künstlern Aksenova, Schukoff und Maltman zu verdanken. Die Russin Svetlana Aksenova hat einen beeindruckenden und (zumindest in diesem Haus) durchschlagsfähigen Sopran, den sie mit einer unvergleichlichen Intensität einsetzte. Unvergesslich die Szene mit Dufresnes Tochter Totò, wo sie eine Frontalattacke auf die Tränendrüsen des Publikums startete. Ihr grandioses Schauspiel gepaart mit der traumhaften Stimme machten aus der ganzen Aufführung ein regelrechtes Ereignis.

© Monika Rittershaus

Dazu kamen noch der Grazer Tenor Nikolai Schukoff als widerlicher Doppelspieler, der mit seinem metallischen und höhensicheren Tenor begeisterte. Seine Stimme erinnert an den jüngeren di Stefano.

Christofer Maltman als Cascart ist eine Institution für sich. Der britische Bariton füllte mit seinem voluminösen und markanten Bariton locker das ganze Haus. Was vor allem beeindruckte, ist das farbenreiche Spektrum seiner Stimme. Spätestens im Duett mit Zazà im zweiten Akt, das an das Duett Violetta-Germont im zweiten Akt von Verdis „La Traviata“ erinnert, konnte er die Herzen des Publikums für sich gewinnen.

© Monika Rittershaus

Letztlich stellt sich die Frage, warum sich bis jetzt noch kein Intendant an das Werk von Leoncavallo gewagt hat. Die Musik ist großartig, die Handlung sowieso aktuell und bei so einer superben Interpretation wie mit diesem Team sollte das ein Publikumserfolg sondergleichen sein. Vielleicht ist aber bei vielen Leuten noch im Kopf der Stehsatz „Was der Bauer net kennt, frisst er net“ vorherrschend. Und da hört es bei Leoncavallo eben beim „Bajazzo“ auf. Da kann man nur hoffen, dass der mutige Schritt des Theater an der Wien hier Schule machen wird und dass man dieses Werk noch viel öfter wird sehen können.

Herbert Hiess, 26. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Simon Boccanegra Wiener Staatsoper, 18. September 2020

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