Schweitzers Klassikwelt 26: Leonard Cohen – Ein Leben in Gesprächen

Schweitzers Klassikwelt 26: Leonard Cohen – Ein Leben in Gesprächen

Haben wir es bei Leonard Cohen, * 1934, der im November 2016 von uns gegangen ist, in erster Linie mit einem Song-Writer, einem Dichter oder doch auch mit einem Sänger oder gar mit einem Philosophen zu tun? Der Verfasser dieser Rezension hat nur Erfahrungen mit den frühen Alben seiner ersten Songs, die er privat für Musiktherapien empfahl.

von Lothar Schweitzer

In unsrer „Bio“-Serie hatten wir es bis jetzt mit genau und gewissenhaft recherchierten Biografien und mit sehr persönlich gehaltenen Autobiografien zu tun. Um vom Leben eines Künstlers mehr zu erfahren, bietet sich eine dritte Vorgehensweise an, nämlich das Interview als ausschließliche Quelle, also die Darstellung eines Lebens in Gesprächen. In unserem Fall liegen sechs in einem Buch gesammelte Befragungen durch fünf Personen vor, die ebenfalls einen künstlerischen Background aufweisen. Einmal fand eine Wiederbegegnung nach drei Jahren statt. Leonard Cohen gab die Interviews, als er zwischen 54 und 60 Jahren zählte. Beim letzten im Buch abgedruckten Interview war er bereits 75 Jahre alt.

Von Rama – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 fr, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5084264

Für Leonhard Cohen war der Übergang vom Genre des Gedichts zu dem des Lieds fließend. Es ging ihm darum, etwas mit Schönheit und Rhythmus auszudrücken. Lyrik war nicht „in“. Öffentliche Anerkennung bedeutete vierhundert verkaufte Lyrikbände. An der McGill University in Montreal bildete Leonard Cohen mit Gleichgesinnten einen Kreis. Ihr Leben war die Lyrik. Sie publizierten ihre Lyrikbände selbst. In der Studentenzeitschrift warben sie für Subskription. So kam das nötige Geld zusammen, um drucken zu lassen. Sie deponierten ihre Produkte dann in ein paar Buchhandlungen. Sie waren bestrebt, die manierierte Lyrik ihrer Gymnasialzeit durch eine neue Sprache zu ersetzen. In den Literaturseminaren waren diese Werke nicht vorhanden. In Jazzclubs trug Cohen seine Gedichte vor.

Cohen erzählt von seiner Zeit in einem Haus in Griechenland: „Fließend Wasser gab es nicht, man musste das Wasser Tropfen für Tropfen einfangen, man kannte jeden Tropfen persönlich. Zündete man die Lampe an, dann wusste man, dass man sie am nächsten Tag putzen und nachfüllen musste. Alles, was man brauchte, war kostbar. Das war ein schönes Gefühl.“ Diese Zeit prägte ihn offenbar. Er lebte mit Marianne und ihrem Kind zusammen. Er konnte ungestört seine Arbeit machen. „Wenn Essen auf den Tisch kommt, die Kerzen brennen, man gemeinsam Geschirr spült und gemeinsam das Kind zu Bett bringt …“ Cohen bezeichnet die Ordnung als spirituell. „Eine andere gibt es nicht.“

Er wird gefragt, wie er zur Politik stand. Es gab damals die Israel-Krise, den Kalten Krieg. Manche politischen Systeme produzieren wohl mehr Leiden als andere. Aber Cohen hat das Gefühl, dass das Leiden einen tieferen Ursprung hat, dass es dem menschlichen Dasein eingeschrieben ist. Messianische Vorstellungen zogen ihn an. Dass wir im Namen von etwas leben, das höher ist als unsere Habgier, war für ihn verführerisch. Aber im Lebenskampf kam er sich vor wie ein Schiffbrüchiger, der sich an ein Stück Holz klammert und vielleicht mal den Blick hebt und sieht, dass der Himmel blau ist und Vögel vorbeifliegen.

Trotz sehr guter Kritiken in der New York Times als Romanschriftsteller waren insgesamt viertausend verkaufte Exemplare für den Lebensunterhalt zu wenig. Er wollte es mit der Aufnahme einer Country- und Western-Platte versuchen. Auf dem Weg nach Nashville hörte er zum ersten Mal von Joan Baez, Bob Dylan und Judy Collins und begriff, dass da etwas anderes im Entstehen war. Er fühlte eine Geistesverwandtschaft und pendelte fortan zwischen Montreal und New York. Leonard Cohen wurde zum Interpreten und Sänger seiner eigenen Lyrik.

Dr. Spelzhaus Spezial 9: Joan Baez zum 80. Geburtstag klassik-begeistert.de

Die Kritik war mit seinem „Gekrächze“ nicht einverstanden. Dadurch glaubte er aus seinem Gesang Selbstmitleid herauszuhören. Mir persönlich gefiel sein Bariton. Durch seine Kinder Adam und Lorca, die sich seine Lebensgefährtin Suzanne Elrod wünschte, lernte er, nicht mehr die Hauptperson im Drama des eigenen Lebens zu sein. Nach Ausbruch des Jom-Kippur-Kriegs 1973 meldete er sich spontan freiwillig und sang Verletzten vor.

Wenn Christian Fevret seinen Interviewpartner zitiert, hört er öfters: „Auch das habe ich gesagt?“ Cohen erläutert, dass vieles nicht dogmatisch gemeint ist, sondern dass er bloß Menschen grüßt, denen es genauso geht.

Cohen kommt auf den Propheten David zu sprechen, der sang, um sein Gemüt zu besänftigen. Seine Ausdrucksformen sind Metaphern für Ängste und Mysterien der Liebe, für tiefe menschliche Nöte und Bedürfnisse. Er verweist auf das erste Kapitel der hebräischen Bibel. Aus Chaos und Trostlosigkeit scheidet der Geist Festland und Wasser. Das Rohmaterial, aus dem man einen Song oder sein Leben schafft, muss keineswegs Marmor oder Gold sein, nicht Luxus ist der Ausgangspunkt, sondern Armut. Der Dichter und Sänger begreift nicht das Schreiben von Liedern und bekennt, er weiß nicht, woher diese Eigenschaften kommen, der Trostlosigkeit entgegenzutreten.

Cohen ist der Dünkel fremd, anders als andere zu sein. „Alle Leute, denen ich begegnet bin, haben immer von den gleichen Dingen gesprochen: der Suche nach Liebe, der verlorenen Liebe, Herausforderungen, an denen sie gescheitert sind, Dingen, auf die sie stolz sind, Menschen, von denen sie verraten wurden, und Menschen, die treu geblieben sind.“

Noch 1991 korrigiert Leonard Cohen: Er sei weder Buddhist noch interessiere ihn Zen. Er ist nur einem älteren Mann begegnet, einem alten Zen-Meister. Er hat ihn schätzen gelernt und liebt es, mit seinem alten Freund bei einem Glas zusammen zu sein.

Paul Zollo, Quelle: Youtube

Paul Zollo ist ein um fast eine Generation jüngerer Kollege, aber auch Journalist, der seinem Interview den Titel „Im Turm des Gesangs“ gab. Ihn interessieren vor allem Probleme der Inspiration. Cohen nimmt ihn ins obere Stockwerk mit und zeigt ihm „Version um Version um Version“ der Songs auf dem aktuellen Album. Neugierig fragt der Jünger(e), was am Anfang steht, zuerst die Melodie oder der Text, und erhält die Antwort, sie werden zusammen geboren, kämpfen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Sobald der Song „in die Mühle kommt“, wird er von allem bearbeitet. Cohen versucht sowohl, ihn zu ignorieren als auch high zu werden. Der Song ist komplett fertig. Er hört sich ihn an. Irgendetwas stimmte mit dem Text nicht, irgendetwas nicht mit der Melodie, irgendetwas nicht mit dem Tempo. Irgendwo war da eine Lüge. Er wusste, dass er ihn nicht singen konnte.

Leonard Cohen gebraucht das Bild einer Zollstelle. Diese verlangt für das, was der Künstler gefunden hat, eine Bezahlung. Er bietet seine Erfahrung als Dichter an, ein gebrochenes Herz, ein unstillbares Verlangen. Nein, sie verlangt einen Zustand der Empfänglichkeit, den er nicht selbst herstellen kann.

Die Menschen scheinen eine enge Beziehung, ja ein Verlangen zu Details zu haben. An Details können wir Anteil nehmen, uns erfreuen. Deswegen sollte man nach Cohen nicht vom „Baum“ sprechen, man sollte „der Bergahorn“ sagen.

Gern lässt Leonard Cohen bei der Beschreibung seiner Arbeit Bilder der hebräischen Bibel einfließen. Er erwähnt das Gebot Gottes, einen Altar aus unbehauenen Steinen zu errichten. Offenbar wollte Gott ihn nicht glatt und geschmeidig. Ein Stein auf einem anderen unbehauenen Stein. Und dann geht man auf die Suche nach vielleicht passenden Steinen. Oder er vergleicht die Legende, dass die Thora mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer geschrieben wurde, mit seinem Gefühl am Rechner, leuchtendes Schwarz auf hellem Hintergrund.

Paul Zollo sucht jetzt Informationen über ganz spezielle Lieder. So fragt er nach dem Song „Suzanne“, den er, als er anfing Gitarre zu spielen, als eine der ersten Songs lernte und dachte: „Wie kann jemand einen so schönen Song schreiben?“ Cohen erzählt, wie er in Montreal viel Zeit an der Uferpromenade in der Nähe des Hafens verbracht hatte. Er erinnert sich an die Seefahrer-Kirche mit einer vergoldeten, die Sonnenstrahlen reflektierenden Statue der Madonna. Und er wusste, dass sich hier ein Song verbarg, aber ihm fehlte etwas, um einen Song herauszukristallisieren. Er begegnete Suzanne, der Frau eines Freundes, die ihn „down to a place near the river“ mitnahm. Da kam ihr Name in den Song hinein und danach ging es nur noch darum, über das zu berichten, was sie tat.

Das Lied „Bird on the wire“ nimmt Bezug auf die Errichtung von Telefonmasten auf seiner griechischen Insel. Traurig blickte Cohen aus dem Fenster. Jetzt hat ihn die Zivilisation eingeholt. Da entdeckte er, wie sich Vögel auf die Drähte setzten. Ein Trost.

Alberto Manzano, Foto: Ona Manzano

Im Gespräch mit seinem Biografen Alberto Manzano nimmt die Politik einen größeren Platz ein. Leonard Cohen sieht die Demokratie als Vision, die eigentlich niemand bereit ist, sich zu eigen zu machen. Man müsste bereit sein, die Gleichheit aller Phänomene zu bejahen. Seine Erläuterungen erinnern stark an den Brief des Apostels Paulus an die Galater: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, Unfreie und Freie, nicht Mann und Frau.“ Auch die Ideale der Bergpredigt werden mit der Vision der Demokratie verknüpft.

Zum zweiten Mal in dem Buch kommt es im Gespräch auf den Zen-Meister. Diesmal erfahren wir auch seinen Namen: Roshi Sasaki. Wieder betont Cohen, er habe keine Lehren empfangen, sondern ihm gefiel der ältere Mann als Ganzer. Seine Meditationen auf einem Berg bei Los Angeles bestehen im Genießen der Ruhe, des Weihrauchdufts, der Gemeinschaft, ohne den Geist auf irgendetwas zu richten. Er folgt einfach seinen Liedern und arbeitet an seinen Reimen und Versen.

Manzano zitiert einen oft gehörten Ausspruch: „Wenn man sich schlecht fühlt, gibt es nichts Besseres als Leonard Cohen.“ Ich kann das aus meiner Erfahrung und der Erfahrung von Freunden bestätigen.

Arthur Kurzweil, Quelle: arthurkurzweil.com

Der nächste Gesprächspartner von Cohen ist Arthur Kurzweil, ein Autor und Publizist, der sich gern als Erzieher sieht und auch als Gastredner in Synagogen eingeladen wird. Natürlich kommen die beiden gleich am Anfang auf Cohens jüdische Wurzeln und die Religion zu sprechen. Wie schon in einem früheren Interview in diesem Buch erfährt man, dass Cohen trotz seiner Bibelkenntnisse kein theologischer Theoretiker ist. Mitglied der Synagoge ist er, kein Gottesdienstbesucher, aber er zündet freitagabends die Kerzen an. Orthopraxie hat er von seinen Eltern mitbekommen, die ihre Geschäfte auf eine ethisch hochstehende Weise geführt hatten. Wir erinnern uns, dass er der Ordnung einen spirituellen Charakter zuweist.

Die Erfahrung, dass viele Menschen für Religion kein Verständnis haben, lässt ihn eine Brücke zur Lyrik schlagen, die in Schulen oft kaputt gemacht werde. Cohen kann in einem wissenschaftlichen Report Poesie entdecken. Er stieß auf Poesie in den Liedern seiner Mutter und in der Popmusik. Mich virtuell in das Zwiegespräch einmischend spüre ich in den naturalistischen Stücken von Tennessee Williams so viel Poesie. Sich als Subjekt sehen und die Lyrik als Objekt ist allein der Blickwinkel des Gelehrten. Wenn in der Synagoge die Thora hochgehoben wurde und von der Gemeinde „Sie ist ein Lebensbaum für die, die sie begreifen“ gesungen wurde, dann lief es Cohen kalt über den Rücken, und er wollte derjenige sein, der die Thora hochhielt.

Zum Abschluss dieses Gesprächs unter gleichsam nahen Verwandten stellt Kurzweil die Frage: „Sind Sie der kleine Jude, der die Bibel geschrieben hat?“ Leonard Cohen antwortet, er weiß, was es braucht, um zu überleben. Er weiß, was ein Volk braucht, um zu überleben. Er habe, da er älter wurde, begriffen, dass wir tatsächlich diejenigen sind, die die Bibel geschrieben haben. Wir müssen in diese biblische Landschaft gehen, denn sie ist der Sieg der Erfahrung. Doch ein selbstbewusstes Volk darf sich nicht exklusiv verhalten. Auch ein großartiges Individuum heißt andere Individuen gut. Das erinnert mich an die vieldiskutierte Vaterunser-Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung.“

Jian Ghomeshi, Foto: en.wikipedia.org

Fünfzehn Jahre nach dem Interview mit Kurzweil wurde das Gespräch mit Jian Ghomeshi, einem ehemaligen Musiker und Rundfunkveranstalter, aufgezeichnet. In der Zwischenzeit ist es zehn Jahre still um Leonard Cohen geworden. Er wird jetzt laut Anhang des Buchverlags doch unter dem Namen Jikan (der Stille) zum buddhistischen Mönch und aus finanziellen Gründen muss er wieder auftreten, weil seine Managerin sein Vermögen in Höhe von mehreren Millionen Dollar veruntreut hat. Davon wird aber nicht gesprochen.

Jeden gelungenen Abend empfindet Cohen als Glück und Gnade. Trotz bestens zusammengeschweißtem Team könnte ein Abend auch stimmungslos missglücken.

Ghomeshis Fragen erscheinen sehr direkt und indiskret, an der Grenze des guten Geschmacks, zum Teil sehr flach. Cohen verweigert, von seinen Tiefpunkten zu erzählen angesichts dessen, was so viele Menschen durchmachen.

Lothar Schweitzer, 12. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Lothar und Sylvia Schweitzer

Ein Gedanke zu „Schweitzers Klassikwelt 26: Leonard Cohen – Ein Leben in Gesprächen“

  1. Vielen Dank für diesen Text, der mich nach langer Zeit wieder an ein ganz besonders bewegendes und heilsames spätes Stück von Leonard Cohen erinnert hat. Es heißt tatsächlich „Come Healing“ (erschienen 2012 auf dem vorletzten Album „Old Ideas“), und ich würde es jederzeit uneingeschränkt zur Musiktherapie empfehlen.

    Stefanie Schlatt

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