Sommereggers Klassikwelt 37: Constanze Mozart – die unterschätzte Witwe

Sommereggers Klassikwelt 37: Constanze Mozart – die unterschätzte Witwe

von Peter Sommeregger

Bild: Maria Constanze Cäcilia Josepha Johanna Bailón Alosia Weber
5. Januar 1762, Zell im Wiesental

Die landläufige Meinung über die Witwe des wahrscheinlich größten musikalischen Genies aller Zeiten ist eher negativ besetzt. Wusste Constanze Mozart überhaupt, mit wem sie da verheiratet war? Als oberflächliche Person, welche die angeschlagenen Finanzen ihres Gatten durch Badekuren noch weiter belastete, oberflächlich war, und diesem Genie mehr schadete, als nützte?

Wer sich die Mühe macht, und seriöse Quellen zu Rate zieht, trifft auf eine völlig unterschiedliche Person. Die 1762 geborene Tochter Franz Fridolin Webers, der am Mannheimer Theater beschäftigt war, hatte noch drei Schwestern, die sämtlich musikalisch erzogen wurden. Mozart kam bei seinen Mannheimer Aufenthalten 1777 in Kontakt mit der Familie und verliebte sich erst in die zweitgeborene Aloisia, die ihn allerdings abwies.

1781 traf Mozart erneut auf die inzwischen nach Wien übersiedelte Familie Weber. Aloisia war inzwischen verheiratet und zu einer berühmten Sängerin aufgestigen. Ganz pragmatisch warb der Komponist nun um die jüngere Constanze, die er schließlich 1782 heiratete.

Mozarts Korrespondenzen und zeitgenössischen Berichten nach wurde die Ehe glücklich und gab dem bis dato etwas ruhelosen Mann familiären und auch erotischen Halt. Constanze Mozart hatte in den folgenden Jahren sechs Kindern das Leben geschenkt, allerdings überlebten nur zwei Söhne das Säuglingsalter. Sechs Kindbetten in acht Jahren beeinträchtigten die Gesundheit der Mutter allerdings erheblich, bei den eingangs erwähnten Badekuren suchte Constanze Erholung und Linderung ihrer Beschwerden.

Sängerisch begabt waren offenbar alle vier Weber-Schwestern, Josepha und vor allem Aloisia hatten bedeutende Karrieren über Wien hinaus, Josepha wurde später in der Uraufführung der Zauberflöte die erste Interpretin der Königin der Nacht, für Constanze komponierte Mozart das anspruchsvolle Sopransolo in der großen Messe c-moll, das sie auch in der Erstaufführung erfolgreich interpretierte.

Mozarts früher und unerwarteter Tod 1791 ließ die Witwe in ungeordneten finanziellen Verhältnissen zurück. Mozart hatte zwar gerade gegen Ende seines Lebens blendend verdient, bevorzugte aber einen großzügigen Lebensstil und lebte stets über seine Verhältnisse. Constanze musste sich mit existenziellen Sorgen herumschlagen, schließlich hatte sie auch für die minderjährigen Söhne Carl Thomas und Franz Xaver und deren Erziehung zu sorgen.

Es spricht für ihr Verantwortungsgefühl gegenüber dem reichen Werk ihres Mannes, dass sie nicht versuchte, aus den zahlreich vorhandenen Autographen schnellen Profit zu schlagen, sondern von Anbeginn an für eine seriöse Herausgabe einer Gesamtausgabe der Werke Mozarts warb und stritt. Mit der Hilfe von Freunden und Gönnern Mozarts bewältigte sie die ersten schwierigen Jahre nach dem Tod des Gatten. Mutig unternahm sie Konzertreisen in mehrere Städte, darunter Berlin, wo sie bei Benefiz-Konzerten für die Werke Mozarts warb und selbst als Sängerin auftrat. Wenig bekannt ist auch die Tatsache, dass Constanze Mozart in Wien einen eigenen musikalischen Salon führte, in dessen Rahmen bedeutende Musiker auftraten, unter ihnen Beethoven. Der jüngere Sohn Franz Xaver zeigte eine deutliche musikalische Begabung, die zu fördern Constanze nicht müde wurde.

Hilfreich war für sie dabei, dass ihr in dem Mozart-Forscher Georg Nikolaus Nissen, einem dänischen Diplomaten, ein kluger Berater zur Seite stand .Er war nach Wien gereist, um für eine geplante Biographie Mozarts nach Quellen zu suchen, so entstand der Kontakt zur Witwe. Dass er später ihr zweiter Ehemann wurde, mit dem sie eine wohl glückliche Ehe führte, verbesserte natürlich Constanzes Lebensumstände erheblich. Die Biographie Nissens, unter Mitwirkung Constanzes entstanden, aber erst 1828  nach Nissens Tod 1826 erschienen, ist bis heute ein wichtiges Quellenwerk für die Mozart-Forschung.

Der Sohn Franz Xaver hatte ein erfolgreiches Musikerleben, es sind zahlreiche Klavierkompositionen von ihm erhalten. Er starb 1844 in Karlsbad, war aber leider wie sein 1858 verstorbener Bruder Carl Thomas kinderlos geblieben, womit der Stamm der Familie Mozart  erlosch.

Mehrere Jahre lebte das Ehepaar Nissen in Kopenhagen, bevor es sich nach ausgedehnten Reisen in Salzburg niederließ. Auch ihren zweiten Ehemann überlebte Constanze noch um 16 Jahre. Sie starb 1842 in Salzburg, wo sie ihre letzte Ruhestätte in einem bis heute erhaltenen Grab fand.

Peter Sommeregger, 25. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

 

 

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