Sommereggers Klassikwelt 70: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) – Klangkörper der ersten Liga

Sommereggers Klassikwelt 70: Das BRSO München – Klangkörper der ersten Liga

Sir Simon Rattle, Foto: © Astrid Ackermann

Man darf damit rechnen, dass sich Sir Simon würdig in die Reihe der berühmten Orchesterleiter einreihen wird. Dafür sei ihm schon einmal vorab viel Glück und gutes Gelingen gewünscht!

von Peter Sommeregger

Das im Jahr 1949 aus ehemaligen Mitgliedern des Reichssenders München hervorgegangene Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) wurde unter dem Dach des 1948 gegründeten Bayerischen Rundfunks etabliert. In dem berühmten Dirigenten Eugen Jochum fand man einen prominenten ersten Chefdirigenten, der mit allen Vollmachten ausgestattet die Bildung dieses neuen Klangkörpers vorantreiben konnte. Auf Grund seiner Kompetenz und Prominenz konnte Jochum viele prominente Musiker aus aller Welt für das Orchester gewinnen.

Von Beginn an wollte Jochum sein Orchester nicht nur als Rundfunkorchester eingesetzt wissen, schon ab 1949 fanden regelmäßig öffentliche Konzerte statt. Schnell wurde die neue Formation zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Münchner Philharmoniker und das Bayerische Staatsorchester, das hauptsächlich das Münchner Nationaltheater bespielt.

Mit den musica viva Konzerten wurde eine anspruchsvolle Konzertreihe mit Werken zeitgenössischer Komponisten begründet, die zumeist ihre eigenen Werke dirigierten, wie Igor Strawinsky, Darius Milhaud und Pierre Boulez.

Bis 1960 leitete Jochum das Orchester und begründete einen hohen Qualitätsanspruch, der sich nicht zuletzt in der Auswahl der ihm nachfolgenden Dirigenten niederschlug.

Im von Geburt böhmischen Rafael Kubelik, Sohn der Violin-Legende Jan Kubelik, fand man einen ebenbürtigen Nachfolger, der das Orchester nicht weniger als 18 Jahre, bis zu seinem Rückzug aus gesundheitlichen Gründen, leitete. Kubelik, der über ein internationales musikalisches Netzwerk verfügte, erweiterte das Repertoire des Orchesters um die Werke slawischer Komponisten. Eine besondere Affinität entwickelte er zu der Symphonik Gustav Mahlers. Mit seinem Orchester entstand zeitgleich mit Leonard Bernstein der erste komplette Zyklus von Mahlers Symphonien auf Schallplatte. Die Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon-Gesellschaft führte zu zahlreichen Einspielungen für das Gelb-Label, die teilweise bis heute Referenz-Charakter haben.

Als Kubelik seinen Rückzug von der Spitze des Orchesters ankündigte, begann die Suche nach einem neuen Chefdirigenten. Man fand ihn in dem aus der Sowjetunion emigrierten Kirill Kondraschin, der zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Bernard Haitink das Concertgebouw-Orchester Amsterdam leitete. Der Vertrag mit ihm war bereits unterschrieben, als Kondraschin plötzlich am 7. März 1981 nach einem Konzert in Amsterdam starb.

Mit der Suche nach einem neuen Chef ließ man sich in München Zeit. Der Brite Colin Davis, auf dessen Amtsantritt das Orchester noch Jahre warten musste, übernahm schließlich 1983 die verwaiste Stellung. Auch ihm gelang es in seiner neunjährigen Tätigkeit, dem Klangkörper wieder neue Impulse zu geben, so führte er Kompositionen von Berlioz und Sibelius erstmals beim Orchester ein. Tourneen durch die USA und Japan förderten das internationale Renommee der Münchner.

Als Nachfolger vom inzwischen geadelten Sir Colin Davis trat 1993 Lorin Maazel das prestigeträchtige Amt an. Auch er behielt diese Position neun Jahre lang, in dieser Zeit legte er einen Schwerpunkt auf weitere technische Perfektionierung des Orchesters, seinen musikalischen Akzent legte er auf die Pflege der Komponisten der Wiener Klassik, sowie Richard Strauss und Gustav Mahler.

Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Carnegie Hall in New York. Foto: (c) BR / Astrid Ackermann

Ab 2003 leitete der lettische Dirigent Mariss Jansons, ein Schüler Hans Swarowskys und Herbert von Karajans, das Orchester. In seiner Zeit unternahm das Orchester wieder zahlreiche Tourneen, die bis nach China führten. Jansons Vertrag wurde insgesamt fünfmal verlängert, die letzte Verlängerung war bis 2024 vorgesehen, aber Jansons verstarb unerwartet im Dezember 2019, sein letztes Konzert mit dem Orchester leitete er am 8. November 2019 fern von München in der New Yorker Carnegie Hall.

Der Intendant Ulrich Wilhelm und der Dirigent Sir Simon Rattle bei der Vertragsunterzeichnung am 3. Januar 2021, Foto: © BR

Als Nachfolger kam natürlich wieder nur ein Dirigent der Spitzenklasse in Frage, nach relativ kurzer Suche wurde vor wenigen Tagen ein Vertrag mit Sir Simon Rattle geschlossen, der sein Amt allerdings erst in der Saison 2023/24 antreten wird, dem Orchester aber schon längere Zeit als Gastdirigent verbunden ist. Ein interessantes Projekt ist ein konzertanter Ring des Nibelungen von Richard Wagner, dessen erste Teile bereits aufgeführt und für CDs mitgeschnitten wurden.

Man darf damit rechnen, dass sich Sir Simon würdig in die Reihe der berühmten Orchesterleiter einreihen wird. Dafür sei ihm schon einmal vorab viel Glück und gutes Gelingen gewünscht!

Peter Sommeregger, 12. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt 69: Jacqueline du Pré – die Unvollendete

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Sophies Welt (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Radek, knapp (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag.
Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Sonntag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.