Sommereggers Klassikwelt 79: Yehudi Menuhin, der Welt-Geiger

Sommereggers Klassikwelt 79: Yehudi Menuhin, der Welt-Geiger

„Auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod ist der Künstler unvergessen, durch sein Mäzenatentum lebt er weiter fort.“

von Peter Sommeregger

Als der weltberühmte Geiger Yehudi Menuhin Anfang März 1999 nach einem Schwächeanfall in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert wurde, nahm die Presse davon kaum Notiz. Allerdings starb Menuhin dann am 12. März und danach gab es kaum ein Medium, das diesem Ausnahmekünstler keinen ausführlichen Nachruf gewidmet hätte.

Ganz abgesehen von seinem berechtigten, Jahrzehnte überdauernden Ruhm als Geigenvirtuose ist allein schon sein bewegter Lebensweg einen Rückblick wert.

Die Eltern des am 12. April 1916 in New York geborenen Yehudi waren chassidische Juden, die aus Weißrussland eingewandert waren. Bereits 1918 zog die Familie nach San Francisco, wo Yehudis zwei jüngere Schwestern geboren wurden. Alle drei Kinder zeigten großes musikalisches Talent, der Junge an der Geige, beide Mädchen am Klavier.

Yehudi hatte schon früh Auftritte als „Wunderkind“, sein Vater fungierte als Manager und Agent des Sohnes. Die sorgfältige Ausbildung übernahmen in den ersten Jahren verschiedene Lehrer. 1926 zog die Familie nach Paris, weil sie dort bessere Lehrer für den begabten Sohn zu finden glaubten, den sie dann auch in dem berühmten George Enescu fanden. Dieser gab Menuhin aber nach einiger Zeit an Adolf Busch weiter, weil er meinte, der Junge müsste auch die „Deutsche Schule“ durchlaufen.

Nach New York zurückgekehrt gab der 14-Jährige sein umjubeltes Konzertdebüt in der New Yorker Carnegie Hall in einem Konzert unter Fritz Busch, dem Bruder seines Lehrers. Im Jahr 1929 erhielt er als Geschenk von einem Mäzen eine Stradivari-Geige. Im gleichen Jahr gastierte er erstmals in Berlin, er trat mit den Berliner Philharmonikern unter Bruno Walter auf. Seine Weltkarriere war nun nicht mehr aufzuhalten. Über die Jahrzehnte erwarb Menuhin mehrere besonders kostbare Geigen, darunter Instrumente von Stradivari und Guarneri. Im Laufe seiner langen Karriere wechselte er immer wieder das Instrument.

Politisch setzte sich Menuhin Zeit seines Lebens für Menschenrechte ein und boykottierte Länder wie das Südafrikanische Apartheid-Regime. Demonstrativ kehrte er 1947 nach Deutschland zurück und konzertierte als erster jüdischer Künstler nach dem Holocaust mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler, was ihm bei einer Israel-Tournee, die er zusammen mit seiner Schwester Hephzibah als Klavierbegleiterin unternahm, Proteste eintrug.

Insgesamt betätigte sich der wohlhabende Künstler häufig als Mäzen und förderte viele Erziehungsprojekte. 1957 gründete er das Menuhin-Festival im Schweizerischen Gstaad, das bis heute alljährlich stattfindet, später in England die Menuhin School.

Ab dem Ende der 1950er Jahre betätigte sich Menuhin immer häufiger auch als Dirigent. Er wurde Chefdirigent des Bath Festival Orchestra, mit dem er auch erste Schallplatten als Dirigent aufnahm. Insgesamt ist die Zahl seiner Aufnahmen als Geiger und Dirigent kaum zu überblicken, sein Vertrag mit der Plattenfirma EMI (inzwischen übernommen von Warner) erstreckte sich über 70 Jahre und ist damit der längste in der Geschichte dieses Mediums. Historische Bedeutung haben seine Aufnahmen mit Wilhelm Furtwängler, die auch ein Dokument der Harmonie zwischen diesen beiden Künstlern sind.

Yehudi Menuhin war zweimal verheiratet und hatte aus diesen Ehen insgesamt zwei Töchter und zwei Söhne, die sämtlich im weiteren Sinn künstlerisch tätig sind. Die Preise und Ehrungen, die der Künstler im Laufe seines Lebens erhielt, sind zahlreich. Die englische Königin Elizabeth II. erhob ihn 1993 zum Baron Menuhin of Stoke d’Abernon in the County of Surrey. In Surrey hat die von ihm begründete Menuhin School ihren Sitz, auf deren Gelände fand Menuhin auch seine letzte Ruhestätte.

Auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod ist der Künstler unvergessen, durch sein Mäzenatentum lebt er weiter fort.

Peter Sommeregger, 17. März 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt 78: Leonie Rysanek, die letzte Primadonna klassik-begeistert.de

Sommereggers Klassikwelt 24: Jonas Kaufmann – Kunst versus Kommerz klassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.