Magdalena Kožená, Vera-Lotte Boecker © Monika Rittershaus
Die größte Aufmerksamkeit galt der Berliner Staatskapelle, die vor wenigen Tagen als bestes Orchester mit einem Award der Zeitschrift „Oper!“ ausgezeichnet worden war. Ihr schöner, zu der böhmischen Musik passender warmer Klang und die Klasse jeder einzelnen Sektion war nicht zu überhören, farbenreich brachte sie die Partitur zum Leuchten. Seitens der dynamischen Gestaltung blieb allerdings noch Luft nach oben. Ted Hufmans Inszenierung wartet mit fantasiereichen Kostümen und virtuoser Akrobatik auf.
Leoš Janáček „Das schlaue Füchslein“
Musikalische Leitung: Sir Simon Rattle
Inszenierung: Ted Hufman
Bühne: Nadja Sofie Eller
Kostüme: Astrid Klein
Einstudierung Chor: Dani Juris
Staatsopernchor, Kinderchor der Staatsoper
Staatskapelle Berlin
Staatsoper Unter den Linden, 28. Februar 2026, Premiere
von Kirsten Liese
„Am Ende der Oper weine ich, weil sie eine tiefe Wahrheit erzählt“, sagt Simon Rattle. Mir geht es ähnlich, aber auch, weil „Das schlaue Füchslein“ den grausamen Umgang der Menschen mit den Tieren berührt. – Zu einer Zeit, in der noch kein Bewusstsein dafür herrschte, wieviel Leid in einem Pelzmantel steckt.
Jedenfalls kommt mir keine zweite Oper in den Kopf, die Mitgefühl mit den Bewohnern des Waldes derart explizit zum Ausdruck bringen würde wie dieses bezaubernde Werk von Leoš Janáček, dessen Aufführungsgeschichte in Berlin bedeutsame Stationen erlebte.
Wie Walter Felsensteins legendäre Inszenierung an der Komischen Oper – 1956 (!) und damit in Zeiten, in denen der tschechische Komponist auf dem internationalen Parkett noch wenig Beachtung fand – verschrieb sich Jahrzehnte später Katharina Thalbach in ihrer Regiearbeit an der Deutschen Oper einer naturalistischen Lesart, die mit einer sehr opulenten Ausstattung aufwartete.
An der Berliner Staatsoper als dem einzigen Berliner Opernhaus war das Füchslein bislang noch gar nicht zu sehen, dafür bildet es nun den sehr gelungenen Abschluss eines Zyklus des Komponisten. – In einer glückreichen, ansprechenden Inszenierung von Ted Huffman, die mit wenigen Requisiten minimalistisch, aber mitnichten steril anmutet und überzeugend mit der Musik harmoniert.
Die Partitur ist gleich schon zu Beginn reich an lautmalerischen Klängen, in denen sich die Schönheit der Natur in ihrer Artenvielfalt und ihrem immerwährenden Kreislauf des Lebens widerspiegelt, wie auch der Hauch von Melancholie angesichts der Sehnsucht nach Liebe, die vielfach unerfüllt bleibt.

Ein einsamer Erdhaufen weckt bei mir zunächst Assoziationen an Samuel Becketts Drama „Glückliche Tage“, in dem nur der Kopf einer Frau aus einem solchen Haufen ragt. Aber mit etwas Fantasie mag man darin auch einen übergroßen Pilz erkennen, der dem Regieteam wohl vorschwebte. Immerhin ein grüner Vorhang auf Nadja Sofie Ellers sparsam ausgestatteter Bühne deutet darauf hin, dass wir uns im Wald befinden. So lasse ich mir moderne Opernregie gefallen. Es bleibt so manches abstrakt und skizzenhaft, aber es ist alles da, was es braucht und richtet sich nichts gegen die Musik. Allein das ist in heutigen Zeiten viel.
So skizzenhaft die wie lose miteinander verknüpften Szenen bisweilen anmuten, gelingen dem Regisseur zahlreiche Momente spielerischer Leichtigkeit und zarter Poesie. Und hier und da auch ein kleiner Hingucker wie der Dürerhase im Miniaturformat an einer Wand der Schenke.
Starke choreografische Elemente
Seine Kraft entfaltet die Produktion vor allem aus starken choreografischen Elementen, wenn der Wald zum Leben erwacht, ihn seine zahlreichen Bewohner bevölkern, Frösche, Füchse, Hase, Bär, Heuschrecke und Schnecke, denen Kinder und Akrobaten fantasiereich Gestalt geben. Viele von ihnen laufen mit angewinkelten Beinen auf Händen, andere schlagen Räder oder hüpfen munter durcheinander. Und die weniger fassbaren Wesen der Lüfte machen an zwei Seilen mit virtuoser Akrobatik wie aus einer Zirkusarena Staunen. Die mit der Staatsoper kooperierende Staatliche Ballett- und Artistikschule bildet dafür zusammen mit Mitgliedern des Opernstudios und dem Kinderchor der Berliner Staatsoper eine imposante Phalanx.

Füchslein Schlaukopf im Tutu
Das titelgebende schlaue Füchslein Schlaukopf aber ist im Tutu (Kostüme: Astrid Klein) mehr Mensch als Tier, träumt es doch von der Verwandlung in ein schönes junges Mädchen, bevor es im Wohnzimmer des Försters aufwacht.
Vera-Lotte Boecker singt und spielt die Titelpartie mit der gefordert strahlenden Höhe großartig. Glaubwürdig durchlebt sie die Höhen und Tiefen ihres füchsischen Daseins – die traurige Gefangenschaft beim Förster (profunder Bariton: Svatopluk Sem), Wildern im Hühnerstall, Liebe und Hochzeit, Familienleben im Kreise vieler Kinder, gewieftes Überwinden von Fallstricken und Tod.

Die Menschen – in dem Stück überwiegend Männer – treten mit ihren Gewehren gröber in die Szene, geben zwar ihrer verloren gegangenen Liebe Ausdruck, üben sich vor allem aber in Selbstmitleid. Im Gegensatz zu den vermenschlichten Füchsen, die ihnen vormachen, dass Liebe doch gar nicht so kompliziert ist, vorausgesetzt, man öffnet sein Herz.
Magdalena Kožená als Fuchs
Magdalena Kožená in Hosenrolle gibt den Artgenossen, in den sich die Füchsin verliebt, mit warmem glutvollen Sopran als einen fröhlichen, dem Lebenskampf mit Optimismus trotzenden Partner. Endlich eine geeignete Rolle für sie in einem Musikdrama des verehrten Komponisten ihrer Heimat, dessen große Frauenrollen Jenůfa und Katja Kabanova sie allzu gerne gesungen hätte, wie sie mir einmal sagte, aus Respekt vor der hohen Tessitura aber bislang nicht anrührte.
Überhaupt ist zur Premiere samt einiger solistischer Kinderstimmen eine sehr gute Ensembleleistung zu erleben.
Die größte Aufmerksamkeit galt am Premierenabend allerdings der Berliner Staatskapelle, die vor wenigen Tagen als bestes Orchester mit einem Award der Zeitschrift „Oper!“ ausgezeichnet worden war. Ihr schöner, zu der böhmischen Musik passender warmer Klang und die Klasse jeder einzelnen Sektion war nicht zu überhören, farbenreich brachte sie die Partitur zum Leuchten. Seitens der dynamischen Gestaltung blieb allerdings noch Luft nach oben. Daran erkennt man eben doch den Dirigenten. Auch wenn es individuelle Empfindungen sind, wie ein Piano oder Pianissimo zu klingen hat – so leise wie bei Christian Thielemann an intimen, spannungsreichen Stellen wird es bei Simon Rattle an keiner Stelle. Das hat an diesem Abend, besonders in der lyrischen Liebesszene ein wenig gefehlt.

Verdienten herzlichen Beifall gab es dennoch für die allemal sehens- und hörenswerte Produktion in dem fast vollbesetzten Haus, das Besuchern ohne Auto die Anfahrt angesichts eines neuerlichen Streiks der Berliner Verkehrsbetriebe erschwerte. Vielleicht blieben einige Plätze deshalb leer.
Jedenfalls setzt die Berliner Staatsoper mit diesem gelungenen letzten Teil des Janáček -Zyklus ihren ungebremsten Erfolgskurs, angefangen von der „Schweigsamen Frau“ über die Ring-Wiederaufnahme und den epochalen „Wozzeck“ fort. Für mich ist sie jetzt schon das Opernhaus des Jahres.
Kirsten Liese, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Leoš Janáček, Das schlaue Füchslein Oldenburgisches Staatstheater, 24. Oktober 2025
Leoš Janáček, Das schlaue Füchslein, Elbphilharmonie, 23. November 2021
Matthias Pintscher, Das kalte Herz Uraufführung Staatsoper Unter den Linden, Berlin 11. Januar 2026