Wenn man Gershwin hört, erlebt man das pulsierende Leben Amerikas

Thilo Wolf Jazz Quartett, Münchner Rundfunkorchester, Enrique Ugarte,   Prinzregententheater München, 19. Februar 2020

Bildquelle: Thilo Wolf

Prinzregententheater München, 19. Februar 2020

Gershwin Melodies – Ein Abend mit Klassikern von George Gershwin

Thilo Wolf Jazz Quartett und das Münchner Rundfunkorchester unter Enrique Ugarte

von Petra Spelzhaus

Die symphonische Besetzung des Münchner Rundfunkorchesters betritt die Bühne des restlos ausverkauften Prinzregententheaters, die Herren formvollendet im Frack, Dirigent Enrique Ugarte im weißen Jackett. Das Orchester beginnt äußerst schwungvoll mit der Ouvertüre zum 1930 erstmals aufgeführten Broadway Musical „Girl Crazy“, das einst Ginger Rogers zum Star machte. Das Werk nimmt sogleich mit Anspielungen an „I got Rhythm“ an Fahrt auf. Es wird bluesig-melancholisch, dann swingig, es folgen Samba-Rhythmen. Weitere berühmte Gershwin-Klassiker wie „But not for me“ oder „Embraceable You“ klingen an. Der Dirigent schwelgt, die Musiker grinsen zufrieden, das Publikum wippt mit.

Gewidmet ist der Konzertabend dem Künstler, den das Time Magazine 1925 als den „bedeutendsten lebenden Komponisten der USA“ gefeiert hat: George Gershwin.

Drei weitere Herren in eleganten Anzügen betreten die Bühne: Thilo Wolf, Markus Schieferdecker und Jean Paul Höchstädter vom Thilo Wolf Jazz Quartett. Nach einem kraftvollen Beginn des Rundfunkorchesters setzt Wolf am Flügel ein, man wähnt sich in einem Western-Saloon. Das weltberühmte „Summertime“ aus der Oper „Porgy and Bess“ gehört zu den meistgecoverten Songs mit über 52.000 professionellen Aufnahmen. Dieses Arrangement des Bandleaders hat es in sich: Das Symphonieorchester verschmilzt mit der Jazzband, Geigen im „Traumschiff-Sound“ begleiten die Jazzer, die Streicher produzieren mit den Holzbläsern eine flirrende Atmosphäre bis das Blech den Klassiker in ein bombastisches Ende führt.

Durch den Abend führt Clemens Nicol, bekannt als Sprecher und Moderator des Bayerischen Rundfunks. Er würzt die Pausen zwischen den Musikstücken mit Anekdoten zum Künstler, zu den Werken und mit kurzen Interviews mit Thilo Wolf und Enrique Ugarte.

Das folgende „The Man I love” diente nicht nur als Erkennungsmelodie für Gershwins wöchentliche CBS-Radioshow, die 1934/35 ausgestrahlt wurde, sondern soll auch sein persönliches Lieblingsstück gewesen sein. Norbert Nagel betritt die Bühne und komplettiert das Jazz-Quartett. Nach einem Piano-Intro übernimmt er mit seinem klaren, weichen Tenorsaxophonspiel das Thema. Die Band bestimmt den Groove, Streicher und Bläser begleiten. Es folgt ein Piano-Saxophonsolo, nach einem Break setzt des Orchesters ein, das Stück endet kollektiv.

Der Standard „Fascinating Rhythm“ wird vom Piano-Trio virtuos als Uptempo Swing interpretiert.

“I got Rhythm” aus dem Musical “Girl crazy” entwickelte sich über viele Coverversionen zum Jazzstandard. Die als „Rhythm Changes“ bekannt gewordene Akkordfolge dürfte fast jedem Jazzmusiker geläufig sein, dient sie doch als Grundlage für diverse weitere in der Bebop-Ära entstandene Jazzsongs. In der Interpretation im Prinzregententheater entwickelt sich das Orchester zur swingenden Rhythmusgruppe. Man wähnt sich im bunten wilden Treiben auf den Straßen New Yorks, der Heimat Gershwins.

Bildquelle: Thilo Wolf

Bei „Gershwin in Hollywood“ hat die Band Pause, es wird als Orchesterstück interpretiert. Mit Anspielungen auf berühmte Songs wie „They can’t take that away from me“ oder „Our Love is here to stay” strahlt es eine große Leichtigkeit und Lebensfreude aus. Gershwin selbst hatte nach vielen höchst produktiven Jahren eine unbeschwerte Zeit in Hollywood, wenn er beispielsweise auf Partys am Piano aufspielte oder sich mit Schönberg zum Tennisspiel traf.

Enrique Ugarte streift sein Jackett ab und ersetzt es durch ein Akkordeon, das Instrument, auf dem er es bereits zur Europa- und Vize-Weltmeisterschaft brachte. Thilo Wolf schnappt sich ebensolches Tasteninstrument. Ihre Finger fliegen über die weißen und schwarzen Tasten. Gemeinsam interpretieren sie „It ain’t necessarily so“ aus der Oper „Porgy and Bess“, begleitet von Band und Streichern. Ein weiterer Höhepunkt des Abends.

Als letztes reguläres Stück des Konzerts wird die Rhapsodie „An American in Paris“ von Rundfunkorchester und Jazzquartett interpretiert. Norbert Nagel zelebriert auf seiner Klarinette das Thema, Höchstädter streichelt seine Drums mit dem Besen, Schieferdecker legt mit seinem Bass das Fundament, das Orchester bildet einen schmelzend-swingenden Klangteppich. Der Rhythmus wird auf den Becken angespielt, der große Klangkörper nimmt ihn auf. Klarinette und Schlagzeug solieren im 4-taktigen Wechsel. Nach einem Call and Response zwischen Klarinette und Orchester übernimmt dieses das Thema. Nagel zitiert den Beginn der „Rhapsody in Blue“, ein Gershwin-Klassiker, den wir gerne in Gänze gehört hätten. Das Kollektiv sorgt für ein kraftvolles Finale.

Die Musiker haben sichtlich Spaß an der quirligen swingenden Musik. Die Spielfreude überträgt sich auf das jubelnde und frenetisch applaudierende Publikum, das die Darbietung mit Standing Ovations belohnt. Orchester und Band bedanken sich mit zwei Zugaben.

George Gershwin (1898 – 1937), der aus Brooklyn stammende Sohn russisch-jüdischer Immigranten war ein musikalischer Weltenbummler. Grenzen zwischen klassischer und populärer bzw. Jazzmusik schien es für ihn nicht zu geben. Der Pianist, Komponist und Dirigent schrieb sowohl klassische Konzerte als auch Broadway-Musicals und Filmmusik. Zusammen mit seinem Bruder Ira, der die Texte zu den meisten Stücken verfasste, bildete er ein kongeniales Duo. Ein Höhepunkt war die Oper „Porgy and Bess“ mit Elementen aus der klassischen Musik, Spirituals, Blues und Jazz. Viele seiner Kompositionen wurden zu Jazzstandards. Er galt als Protagonist des Symphonic Jazz, indem er wie kein anderer die afroamerikanische Kultur mit der der zeitgenössischen symphonischen Musik verband. Wenn man Gershwin hört, erlebt man das pulsierende Leben Amerikas.

Das Münchner Rundfunkorchester sprengt mit dem Thilo Wolf-Quartett ebenfalls diese Grenzen zwischen den musikalischen Genres. Und alle haben sichtlich Spaß daran. Da drängt sich die Frage auf: Gibt es überhaupt Grenzen in der Musik?

Das Konzert wurde live im Hörfunk auf BR-KLASSIK übertragen und kann anschließend 30 Tage nachgehört werden: rundfunkorchester.de/konzerte-digital oder br-klassik.de/programm/radio.

Petra Spelzhaus, 22. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de

Thilo Wolf Jazz Quartett
Saxofon, Klarinette, Flöte: Norbert Nagel

Bass: Markus Schieferdecker
Drums: Jean Paul Höchstädter
Klavier: Thilo Wolf

Münchner Rundfunkorchester unter Enrique Ugarte

Moderation: Clemens Nicol

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