Tadzios Schwestern und der jüngere Aschenbach (Foto: RW)
Lennard Giesenberg überzeugte als Tadzio. Er gab der Rolle die notwendige unbeschwerte Jugendlichkeit, verbunden mit offener Herzlichkeit dem älteren Aschenbach gegenüber, der seine Zeit einsam am Lido von Venedig verbringt. Optisch ähnelte er dem jungen Edvin Revazov, der diese Rolle vor 23 Jahren kreiert hatte.
Tod in Venedig, ein Totentanz von John Neumeier
Frei nach der Novelle von Thomas Mann
Bühnenbild: Peter Schmidt
Musik: Johann Sebastian Bach und Richard Wagner (vom Band)
Am Klavier: Mari Kodama
Hamburgische Staatsoper, 22. Januar 2026
von Dr. Ralf Wegner
Auch bei dieser 102. Aufführung dieses Balletts von John Neumeier war das Hamburger Opernhaus bis zum letzten Platz gefüllt, jedenfalls sah ich keine leeren Sitze. Gleiches gilt für die bereits beendeten Serien der Neumeierballette Die Möwe, Die Kameliendame oder Nussknacker, während die noch von Demis Volpi initiierten Mehrteiler The Times are Racing und Slow Burn offensichtlich kaum Publikum finden. Die für April und Mai geplanten Serien sind bisher nicht einmal zu einem Drittel gebucht, während die dazwischen geplanten Vorstellungen des Neumeierballetts Nijinsky bereits zu gut Zweidrittel Kundschaft fanden.
Die Hauptpartie des Gustav von Aschenbach tanzen in der jetzigen Serie Edvin Revazov und auch Matias Oberlin. Christopher Evans, den wir zuletzt mit dieser Partie erleben durften, war nicht besetzt. Evans hatte uns vor einem Jahr in Aschenbachs Seele blicken lassen. Was er durchlebte, war die Qual der unerfüllbaren Sehnsucht nach etwas tief Verdrängtem. Evans Darstellung führte zu einer, wie ich damals schrieb, die Seele erschütternden Betroffenheit, die stumm machte.
Matias Oberlin war es als Aschenbach nicht vergönnt, zu einer solchen tiefen, Einblick in das Innere zulassenden Entäußerung vorzudringen. Er tanzte alles richtig, auch mit dem notwendigen psychologischen Gespür, aber seine Darstellung wirkte noch wie erlernt und am Vorbild ausgerichtet interpretiert. Den seelischen Zerfall darzustellen vom herrisch-zackigen, dominanten Choreographen zum sich selbst in Frage stellenden, von der Sehnsucht nach etwas bisher nicht Erlebtem überwältigten Menschen war Oberlin noch nicht gegeben.

Lennard Giesenberg überzeugte als Tadzio. Er gab der Rolle die notwendige unbeschwerte Jugendlichkeit, verbunden mit offener Herzlichkeit dem älteren Aschenbach gegenüber, der seine Zeit einsam am Lido von Venedig verbringt. Optisch ähnelte er durchaus dem jungen Edvin Revazov, der diese Rolle ja vor 23 Jahren kreiert hatte.
Das Wanderer-Doppelpaar war wegen der unterschiedlichen Größe mit dem schlanken, eher mittelgroßen Emiliano Torres und dem hochgewachsenen athletischen Florian Pohl ungünstig besetzt. Die tänzerische Umsetzung der wechselnden Figuren war zwar nicht zu bemängeln, Pohl war jedoch als effeminiert clownesker Tanzpartner oder als Aschenbach erotisch umwerbender Dionysos nicht mehr recht glaubwürdig. Bisher waren diese beiden von den Zwillingen Bubeníček kreierten Rollen eigentlich immer mit gleichgroßen Tänzern besetzt gewesen.

Mit dem ersten Teil des Balletts hadere ich immer noch, das geht aber offenbar dem Titelhelden genauso. Richtig Fahrt nimmt Neumeiers Choreographie mit dem Ball im Hôtel des Bains auf. Wie John Neumeier hier jedem der auftretenden Paare eigene Rolleninterpretationen auf den Leib choreographierte, ist nach wie vor überzeugend und perfekt durchdacht bis in die Fußspitzen. Wie die sonst meist als Furie oder Derwisch beeindruckende Ida Stempelmann sich hier mit stupender Eleganz quasi in Zeitlupe mit ihrem Partner nach hinten zurückzog, machte schon den ganzen ersten Akt sehenswert. Wie immer überzeugten auch Tadzios Schwestern mit ihrem quirligen, liebreizenden Auftreten (Azul Ardizzone, Ghanima Choffat, Paula Iniesta).
Weitere Rollen oblagen Ida Praetorius als Aschenbachs Assistentin, seiner Mutter sowie später Tadzios, Gabriel Barbosa als Friedrich der Große, Charlotte Larzelere als Barbarina, Futaba Ishizaki und Daniele Bonelli als Aschenbachs Konzepte, Evan L’Hirondelle laut Besetzungszettel als jüngerer Aschenbach, der im Spiel seine Mutter wortwörtlich anbellte, sowie Francesco Cortese als Tadzios sprungkräftiger Freund Jaschu. Daneben machte unter den Jungen am Strand der Aspirant Jiwei Sui mit seinen Sprüngen und Drehungen auf sich aufmerksam.

Das kenntnisreiche Publikum enthielt sich während der Vorstellung jeglichen Zwischenbeifalls (wenngleich weiter hinten recht oft gehustet wurde) und wartete damit auch bis zum endgültigen Schließen des langsam herunterfahrenden Vorhangs. Wie immer ergriff das Schlussbild, der in die Ferne ins Publikum blickende Tadzio hebt beide Hände, ein Fernglas bildend, vor die Augen, während Aschenbach langsam an seiner Seite herabsinkt und mit gebrochenem Herzen stirbt.
Langanhaltender Jubel belohnte die Leistungen des Hamburger Balletts. Jemand aus der ersten Reihe überreichte allen Protagonisten eine langstielige rote Rose. Gabriel Barbosa und Matias Oberlin wurde jeweils ein Blumenstrauß zugeworfen. In den Jubel einbezogen wurde auch die Leistung der Pianistin Mari Kodama.
Dr. Ralf Wegner, 23. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Tod in Venedig, Ballett von John Neumeier Die zweite Besetzung, Staatsoper Hamburg, 12. Februar 2025
Giuseppe Verdi, La Traviata Hamburgische Staatsoper, 11. Januar 2026