Beim ‚Sacre‘ scheidet sich erneut die Spreu vom Weizen

WDR Sinfonieorchester Cristian Măcelaru, Dirigent, Karen Gomyo  Kölner Philharmonie, 10. Juni 2022

Foto: © Tillmann Franzen

Kölner Philharmonie, 10. Juni 2022

Elnaz Seyedi – A mark of our breath (Uraufführung) – Kompositionsauftrag des WDR – Miniaturen der Zeit –

Dmitri Schostakowitsch – Konzert Nr. 1 a-Moll op. 77 für Violine und Orchester

Igor Strawinsky – Le sacre du printemps

Zugabe: Samuel Carl Adams – Diptych

WDR Sinfonieorchester
Cristian Măcelaru, Dirigent
Karen Gomyo, Violine

von Daniel Janz

Da sind wir also wieder hier in Köln – das in letzter Zeit schwächelnde WDR Sinfonieorchester und der ‚Sacre du printemps‘, der hier fast ein Dauergast ist aber leider auch oft genug zum Reinfall wurde. Das auch noch angereichert mit Musik von Schostakowitsch und einer Uraufführung weckte im Vorfeld sowohl hohe Erwartungen als auch Sorge. Eine Mischung, die so oder so aber verspricht, ein Abend voller Spannung zu werden. Kein Wunder also, dass das Publikum an diesem Sommerabend bemerkenswert zahlreich erschienen ist, um mitzuerleben, wie sich Orchester und sein rumänischer Chefdirigent Cristian Măcelaru (42) schlagen.

Als erstes Werk des Abends präsentieren sie eine Uraufführung der inzwischen renommierten Komponistin Elnaz Seyedi (40) aus Teheran. Ihr Werk „a mark of our breath“ (zu Deutsch: „eine Spur unseres Atems“) entstand unter der Reihe „Miniaturen der Zeit“ als Auftragsarbeit des WDR. In diesem möchte sie laut ihren eigenen Worten: „die Zerstörung des scheinbar Ursprünglichen“ durch „die menschlichen Stimmen – als gleichzeitig gespielt und gesungen in den Blechbläsern“ ausdrücken. Eine Thematik, die – so beschreibt es das Programm – im Zusammenhang mit „Nachhaltigkeit“ sowie der „Coronakrise“ stehen soll.

Die Musik vermittelt von Beginn an die Vorstellung von etwas Ursprünglichem. Der einleitende Cluster erzeugt einen statischen, eintönig gleichen Eindruck – ganz so wie das Wendland, in dem Seyedi das Werk 2021 komponierte. Im Gegensatz zu ihrer Beschreibung wird diese Statik jedoch nie durchbrochen. Das Orchester sticht zwar häufig durch Staccati aus allen Instrumentengruppen dagegen an. Zerstörung lässt sich hier aber beim besten Willen nicht entdecken. Viel eher werden diese vielen kleinen Effekte gegen das Grundklanggemisch gefühlt endlos wiederholt. Die Folge – nach etwa 2 Minuten wirkt die Musik wie Einheitsbrei, wird durchschaubar und reizlos. Dadurch verklingt auch der abschließende Blechbläsereinsatz wie ein weiterer Einwurf von vielen. Im ganzen Stück gibt es keine rhythmische Komponente, auch Melodik oder erkennbare Harmoniewechsel sind komplett abwesend. Variation ein und desselben Klanggemischs ist aber nur bedingt tragfähig. Dem Rezensenten ist das jedenfalls zu wenig Substanz, um 8 Minuten Musik zu füllen.

Im Gegensatz zu dieser Uraufführung verarbeitet die Musik von Schostakowitsch all diese Aspekte in sehr abwechslungsreicher Form. Sein 1947 komponiertes erstes Violinkonzert landete zunächst nach einem kritischen Artikel des sowjetischen Regimes in der Schublade, bevor es 1955 – nach Stalins Tod – dann seine Uraufführung in Leningrad erlebte. Auch hier vermittelt der Einstieg eine gewisse Statik. Tiefe Bässe und ein grummelnder Grundklang durch Tuba und Tamtam haben etwas Bedrohliches, werden jedoch durch die stets nach oben strebende Solovioline in ein immenses Spannungsverhältnis zwischen Tragik und Hoffnung gezogen.

Ursprünglich hätte die Rolle des Solisten von Leonidas Kavakos aus Athen gefüllt werden sollen. Krankheitsbedingt musste er sich jedoch von Karen Gomyo (38) vertreten lassen. Dabei ist die aus Tokyo stammende Virtuosin alles andere, als zweite Wahl. Ihr Einstieg zu den tief dreinpreschenden Streichern ist nicht nur anmutig sondern auch voller Ernst. Man merkt sofort: Sie performt die Musik nicht nur, sie empfindet sie tief und würdevoll. Dadurch verleiht sie dieser düsteren Komposition beschwingten Ausdruck; hier ist ein wahres Künstlerherz zugange.

Quelle: homepage der Künstlerin, https://www.karengomyo.com/media/

Schostakowitschs erstes Violinkonzert verlangt auch nichts Geringeres, als Perfektion. In den kontrastreichen Wechseln zwischen in Musik gegossener Ewigkeit, vergifteten Tanzrhythmen und der schweren Passacaglia im dritten Satz, die allzu schnell trocken werden kann, verlangt er sowohl der Solovioline, als auch dem Orchester alles ab. Und hier brilliert Gomyo. Ihre Solokadenz zu Beginn des vierten Satzes zelebriert sie regelrecht – ihr gehört nicht nur die Bühne, sie lebt die Musik. An keinem Zeitpunkt wird es träge oder langweilig, selbst die zähen Stellen erklingen voller Tragweite.

Zum Dank dafür, dass das Publikum sie zum Abschluss verdient feiert, tischt sie als Zugabe eine kleine Novität auf. Der Name Samuel Carl Adams (36) – ein aus Kalifornien stammender Komponist – ist hierzulande noch nicht weit verbreitet. Das Werk, das Gomyo hier von ihm zu Gehör bringt, entstand selbst erst 2020, kann aber gerade auch durch die Reduktion auf ein einziges Instrument entzücken. Diese nur wenige Minuten lange Solokomposition erstrahlt voller Glanz und Zauber – immer wieder drängt es Gomyo auf ihrem Instrument in die Höhe, wo sie – wie schon bei Schostakowitsch – wie ein Stern am Himmel der Hoffnung glänzt. Das weckt Vorfreude darauf, was man von diesen beiden Namen noch hören wird.

Als Hauptwerk des Abends begegnet dem Publikum endlich ebenjener „Sacre du printemps“, der inzwischen zu einem der größten Klassiker der letzten 100 Jahre aufgestiegen ist. Strawinskys 1913 komponiertes Werk verursachte bei seiner Uraufführung einen handfesten Skandal. Bis heute gilt es als ein Ausdruck der Moderne und des Primitivismus in der Musik – immerhin vertonte er hier ein heidnisches Ritual inklusive Menschenopfer. Ein Werk, das auch in Köln zum Standard-Repertoire gehört… und das, obwohl die Qualität der Aufführungen in der Vergangenheit hier immer wieder zu wünschen übrig ließ.

Festzustellen ist, dass diese Erfahrungen der letzten Jahre sich auch bei der heutigen Aufführung niederschlagen. Der Einstieg mit dem hohen Fagott-Solo gelingt zufriedenstellend, als aber die anderen Instrumente einsetzen, hapert es immer wieder am Timing – eine der Dauerschwächen unter Măcelarus Dirigat. Seit seinem Antritt 2019 muss man feststellen, dass sich dieser Aspekt verschlechtert hat.

Cristian Măcelaru, © Sorin Popa

Und der ‚Sacre‘ ist in dieser Hinsicht gnadenlos. Immer wieder fällt auf, dass die Musik die ihr innewohnende Lebendigkeit nicht restlos entfaltet – zu oft entsteht stattdessen der Eindruck, dass hier einfach nur vom Blatt runtergespielt wird. So ist spätestens beim „Frühlingsreigen“ auch deutlich, dass sich der Dirigent wieder zu sehr treiben lässt; diese Episode gelingt gehetzt, genauso wie das Ende, das durch die Hektik vertrampelt wirkt. Immer wieder hapert es auch am Rhythmusgefühl: Während Măcelaru in den lyrischen Stellen die Streicher oft zu schnell die Leitmotive runterbrettern lässt, trotten die Bläsermelodien (in einem eigentlich angemessenen Tempo) dagegen an und fallen aus dem Metrum, sodass der Gesamteindruck nicht immer passt. Diese Schwäche zeigt sich auch im zweiten Teil bei der „Anrufung der Ahnen“. Folge: Die thematischen Leitrhythmen erklingen teils undeutlich.

Nun muss man dem Orchester aber zugute halten, dass diese Komposition mit eine der schwersten ist, die man zur Aufführung bringen kann. Und es ist auch weit entfernt von einem Totalausfall, alle Instrumentenklassen – angefangen bei den sauber brillierenden Streichern, immer wieder herausstechenden Holzbläsern und weitestgehend starken Blechbläsern – können überzeugen. Darüber hinaus gelingen in dieser Interpretation sowohl der Einstieg, als auch einige Zwischenpassagen, wie die „Prozession des Weisen“, der „mystische Reigen der jungen Mädchen“ und die „rituellen Handlungen der Ahnen“ sehr gut und auf hohem Niveau. Einzelleistungen, wie die Bassflöte oder das erste Horn können außerdem beeindrucken – genauso wie die Posaunen und Tuben oder herausragend mitreißenden Schlagzeuger, die in der Gesamtheit einen bemerkenswert stürmischen Sonderapplaus erhalten.

Verglichen mit den Aufführungen der letzten Wochen und Monate ist das also eine feststellbare Steigerung und damit auch ein guter Weg, der Hoffnung für die nächsten Konzerte macht. Der Rezensent fühlte sich insgesamt jedenfalls angenehm überrascht und stellt fest, dass dies – trotz gewisser Schwächen – wohl die stärkste Aufführung gewesen ist, die er in letzter Zeit von diesem Orchester miterleben durfte. Gleichzeitig mahnt er aber auch an, dass es weiterhin noch Luft nach oben gibt. Rezensent und Publikum dürfen gespannt sein, ob und in welcher Form das WDR Sinfonieorchester und sein Chefdirigent diese Aufgabe zukünftig meistern werden.

Daniel Janz, 12. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gaukler, Stefan Dohr, Gürzenich-Orchester Köln, Lionel Bringuier  Kölner Philharmonie, 30. Mai 2022

Seelenleben, Gürzenich Orchester Köln, François-Xavier Roth, Dirigent, Kölner Philharmonie, 9. Mai 2022

WDR Sinfonieorchester, Silvestrov, Haydn, Schostakowitsch, Kölner Philharmonie, 11. März 2022

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