Von der Seele der Musik

Seelenleben, Gürzenich Orchester Köln, François-Xavier Roth, Dirigent,  Kölner Philharmonie, 9. Mai 2022

Foto: Roth Francois Xavier, © Marco Borggreve

Kölner Philharmonie, 9. Mai 2022

Gürzenich Orchester Köln
François-Xavier Roth, Dirigent

Antoine Tamestit, Viola

Leoš Janáček – „Des Spielmanns Kind“ (1912)
Morton Feldman – „The Viola in my Life IV“ (1971)
Richard Strauss – „Ein Heldenleben“ op. 40 (1898)

Zugabe: Johann Sebastian Bach – Prelude aus Cellosuite Nr. 1 in G-Dur in Bearbeitung für Solo-Viola

von Daniel Janz

„Seelenleben“ – das ist ein Titel, der tief blicken lässt. Unter ihm versammelt sich das Gürzenich Orchester Köln unter Chefdirigent François-Xavier Roth (50), um in psychoanalytischer Präzision drei Komponisten zu präsentieren, die sehr unterschiedlich ihr Innerstes auszudrücken vermochten. Seien es Morton Feldmans sphärische Klänge in „The Viola in my Life“ oder die Heldengeschichte in Richard Straussens „heroischer Sinfonie“… diese Werke dürfen heute für sich selbst sprechen.

Den Anfang macht jedoch eine frühromantisch klingende Orchester-Ballade von Leoš Janáček. Obwohl er sie im Jahr 1912 komponierte – zu dieser Zeit schrieben andere bereits atonal –, erinnert ihr Klang eher an Schumann, als an Zeitgenossen, wie Richard Strauss oder den (zu diesem Zeitpunkt jüngst verstorbenen) Gustav Mahler. Sei es bei dem süßlich säuselnden Einstieg der ersten Violine zu den Holzbläsern, tänzerischen Glockenspieleinwürfen oder verspielten Holzbläsermotiven, denen gegenüber dramatische Zwischenspielen im Tutti für Abwechslung sorgen – dieses Werk hat etwas Leichtes, Beschwingtes, das dieses Orchester auch fokussiert herausarbeitet.

Der Nachteil dieser Musik ist, dass ihr ein roter Faden fehlt. Denn Janáček  bediente sich – ebenfalls im Gegensatz zu Strauss – nicht markanten Leitmotiven oder wiederkehrenden Melodien. Verbindet man diese Komposition also nicht mit einer Handlung, so wirkt sie selbst bei einer guten Vortragsweise, wie heute Abend, schnell beliebig. Sie hat zwar ihre Wirkung. Über das Prädikat „netter Unterhaltungsmusik“ reicht diese aber nicht unbedingt hinaus.

Die Komposition des amerikanischen Komponisten Morton Feldman wirkt da wie ein schroffer Gegensatz. Mit dem Werk „Viola in my Life IV“ für Orchester und Solo-Viola verband der 1987 verstorbene Komponist vermutlich starke autobiografische Züge, als er (frei übersetzt) verlauten ließ: „Bist du im Alter von 45 Jahren berühmt für eine Sache und möchtest eigentlich eine andere? Wenn du all dies erlebt hast, dann wirst du die viola in my life verstehen.“

Aus der Musik selbst geht diese starke Introspektion nicht direkt hervor. Hier überwiegen vor allem atmosphärisch ruhige Klänge, die immer wieder mit klappernden und rasselnden Geräuschen angereichert werden. Das träge Spiel der Viola – empfindsam vorgetragen vom französischen Bratschisten Antoine Tamestit (42) – unterlegte Feldman häufig mit clusterartigen Orchesterklängen. Egal, ob Tamestit gegen diese Klangtrauben der anderen Musiker anspielt oder in einsamer Manier seine Fähigkeiten beweisen darf – seine Viola kommt stets klar zur Geltung.

Im Gegensatz zu Janáčeks Musik fehlt dieser Komposition jedoch das melodische Element fast durchgängig. Bei einem Werk mit Solist ist man eigentlich klare Verläufe, Virtuosität und Dramatik gewöhnt. Doch hier überwiegen vor allem langgezogene Liegetöne oder zaghafte Anstriche – selbst beim Soloinstrument. Wo Janáček immerhin melodisch abwechslungsreich gearbeitet hat, wirkt Feldmans Musik fast sphärisch/statisch. Die Folge: Irgendwann tritt Langeweile ein, was man auch daran festmachen kann, das ab etwa der Hälfte das Publikum merklich unruhiger wird und die Musik mit immer mehr Hust- und Raschelgeräuschen stört.

Dabei haben sich die Spieler auf der Bühne nichts vorwerfen zu lassen, denn ihre Vortragsweise ist tadellos. Sei es François-Xavier Roth, der mit seinem Dirigat das Zusammenspiel seiner Musiker präzise anleitet, oder auch Antoine Tamestit, der sein Instrument mit herausragender Sensibilität geradezu singen lässt. Und als hätte es den Beweis gebraucht, dass er auch der Virtuosität mächtig ist, bedient er als Zugabe anschließend keinen Geringeren als Johann Sebastian Bach. Dessen Cellosuite in Bearbeitung für Solo-Bratsche führt er in der Klarheit eines ganz großen Künstlers auf. Spätestens hier besteht kein Zweifel mehr an seinem Können. Daher auch das Résumé: Es gibt dankbarere Komponisten, für Solisten und Orchester, als Feldman.

Wirklich beeindrucken kann das Orchester dann mit „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss als Hauptwerk. Von Anfang an bestechen die Musiker unter ihrem Chefdirigenten durch einen vollen Klang – besonders die Hörner strahlen durchgängig – und eingängig vorgetragene Melodien, die im Wechsel einen Helden, dessen Widersacher und dann des Helden Gefährtin darstellen. Nicht weniger als 50 Minuten brauchte Strauss, um in seine Musik eine geradezu epische Handlung zu zeichnen. Und wie schon vor 120 Jahren kann dieses Werk auch heute begeistern.

Grund dafür ist (neben der in sich bereits lebhaften Komposition voller Assoziationen, Bilder und auch dutzender schamloser Selbstzitate) eine besonders lebendige Aufführung unter François-Xavier Roth, der den Musikern heute Abend ein besonders präzises Timing abringt. Das beginnt bei exakt pointierten Einsätzen, egal ob solistisch oder im Tutti, und geht bis in die Pausen, die Roth besonders klar herausarbeitet. Der erfreuliche Nebeneffekt: Dadurch verhilft er den einzelnen Musikabschnitten zu noch mehr Gewicht und unterstreicht die von Strauss vorgegebene Handlung besonders plastisch. Und nebenbei demonstriert er damit auch, dass das Gürzenich Orchester in Köln das WDR Sinfonieorchester im Niveau inzwischen aussticht. Dessen Aufführung von Straussens Heldenleben, die der Rezensent erst im vergangenen November miterleben durfte, lag trotz hervorragender Einzelleistungen qualitativ weit hinter der heutigen Darbietung.

Tatsächlich kratzt das Gürzenich Orchester damit heute am Glanz der Perfektion. Einzig der Abschnitt des Helden Wallstatt, in der sich Straussens Held seinen Widersachern im offenen Kampf entgegenstellt, gelingt anfangs etwas zu schüchtern. Hier hätte es von Beginn an mehr Durchschlagskraft haben dürfen. Doch im Verlauf steigern sich die Künstler dann doch zu einer offenen musikalischen Schlacht. Darüber hinaus auch grandios: Die in Sidney geborene Konzertmeisterin Natalie Chee (46) an der ersten Violine, die des Helden Gefährtin mal grazil, mal stur und dann wieder traumhaft zärtlich inszeniert. Am Ende erhält sie dafür auch einen verdient stürmischen Sonderapplaus.

Es ist damit in Summe ein gelungener Abend, der sich dem reich erschienenen Publikum bietet und einer, der in dieser Form gerne wiederholt werden darf. Es verwundert ein wenig, dass nach dieser fulminanten Leistung nicht in Stehenden Ovationen geklatscht wird. Aber auch so dauert der abschließende Applaus mehrere Minuten und zeichnet damit zurecht ein Orchester aus, das unter François-Xavier Roth wirklich Heldenhaftes geleistet hat. Das macht Freude auf mehr!

Daniel Janz, 10. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

WDR Sinfonieorchester, Silvestrov, Haydn, Schostakowitsch, Kölner Philharmonie, 11. März 2022

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Robin Ticciati, Leif Ove Andsnes, Klavier, Kölner Philharmonie, 7. Februar 2022

WDR Sinfonieorchester Köln, Cristian Măcelaru, Dirigent, Denis Kozhukhin, Klavier Kölner Philharmonie, 4. Februar 2022

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