Georg Zeppenfeld: „Hans Sachs steht mir näher als Wotan“

Exklusiv-Interview Georg Zeppenfeld  klassik-begeistert.de

Foto:  © Matthias Creutziger

Exklusiv-Interview mit dem Bass Georg Zeppenfeld – Teil 1

von Jolanta Łada-Zielke

Die Salzburger und Bayreuther Festspielgäste bewundern Georg Zeppenfeld nicht nur für seine  schöne, tiefe Bassstimme, sondern auch für seine großartige Diktion. Seit Ende April 2022 erlebt ihn das Publikum der Staatsoper Hamburg als Landgraf Hermann in der neuen Tannhäuser-Inszenierung von Kornél Mundruczó und unter der Leitung von Kent Nagano.

Nach dem Abschluss seines Konzert- und Operngesangsstudiums in Detmold und Köln kamen seine ersten festen Engagements an den Opernhäusern Münster und Bonn, dann von 2001 bis 2005 an der  Semperoper Dresden. Heute tritt er in Dresden als Gast auf und 2015 wurde ihm der Titel des Kammersängers verliehen. Seine berühmtesten Rollen in der Semperoper sind Hans Sachs, Ramfis und Sarastro. Diese Partie führte er unter Claudio Abbado in Baden-Baden, an der San Francisco Opera, der New Yorker MET, der Wiener Staatsoper, bei den Salzburger Festspielen (unter Harnoncourt), am Royal Opera House Covent Garden in London, der Oper Zürich und der Bayerischen Staatsoper auf. Als Konzertsolist sang er bis heute Basspartien in Oratorien von Barock bis Spätromantik.

Neben den Rollen in den größten Verdi- und Wagner-Opern gehören zu seinem Repertoire: König Filippo (»Don Carlo«), Kaspar (»Der Freischütz«), Alidoro (»La Cenerentola«), Wassermann (»Rusalka«), Peneios (»Daphne«), Rocco (»Fidelio«), Don Alfonso (»Così fan tutte«), Baculus (»Der Wildschütz«), Arkel (»Pelléas et Mélisande«) und Lord Sidney (»Il viaggio a Reims«).

In den diesjährigen Bayreuther Festspielen singt Georg Zeppenfeld vier Partien: König Heinrich der Vogler, Daland, König Marke und Hunding.

klassik-begeistert: Herr Zeppenfeld, haben Sie wirklich an Ihrer herausragenden Diktion lang und mühsam gearbeitet?

Georg Zeppenfeld: Beim Gesang macht man sich erstmal bewusst, was man eigentlich tut, wenn man auf der Bühne spricht. Wie man in meiner ursprünglichen Heimat Südwestfalen sagt, sind wir ziemlich „mundfaul“. Das heißt, wir arbeiten vorne relativ wenig, machen kaum den Mund auf, und die Stimme bleibt hinten. Diese tiefgesetzte Aussprache ist dialektbedingt,  gehört zu dem dortigen Sprachkolorit, und hat auch mit einem dazugehörigen „Stallgeruch“ zu tun. Wenn ich wieder hinkomme und mich zehn Minuten lang mit Einheimischen unterhalte, rutscht meine Stimme dahin, wo sie immer war. Natürlich hat das jeden von meinen Gesangslehrern am Anfang zur Verzweiflung gebracht. Sie hatten eine anspruchsvolle Aufgabe, mir klarzumachen, was ich anders machen muss. Ich habe lange gebraucht, aber zumindest gewusst, was ich erreichen muss. Es geht nicht nur darum, einen Artikulationspunkt vorne zu finden; die Stimme muss auch dahin projiziert werden. Je nach den physiognomischen Gegebenheiten kann es ein ziemlich weiter Weg sein, den die Stimme vom Kehlkopf über die Kopfmitte bis nach vorne zurücklegen muß. Erst wenn man das überbrückt, kann man singen.

Georg Zeppenfeld als Hans Sachs 2020 © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

klassik-begeistert: Wenn wir beim Thema Aussprache sind: Gab es in Deutschland immer die Tendenz, die Werke mit lateinischem Text in der Aussprache zu singen, aus welchem Land der Komponist stammt? Bei Vivaldi oder Verdi auf Italienisch, mit weich artikulierten Konsonanten und bei den deutschen Komponisten hart?

Georg Zeppenfeld: Solange ich auf dem Feld tätig bin, merke ich, dass man sich bemüht, den Zustand herzustellen, den der Komponist kennengelernt hat und ihn in seinem Werk berücksichtigen wollte. In dem Bereich gibt es unterschiedliche Auffassungen. Für manche Dirigenten ist es klar, dass man bei Beethovens „Missa solemnis“ den Text so deutsch wie möglich artikulieren muss, also „deutsches Latein“. Ich habe gehört, was Herbert Blomstedt dazu sagte. Er erklärte, Beethoven habe das Werk im frühen 19. Jahrhundert in Wien komponiert, wo Italienisch als die Musiksprache über allem stand, und dementsprechend solle man den Text Italienisch aussprechen. Ich habe hinsichtlich der Aussprache lateinischer Texte eigentlich keine Präferenz. Das ist nur eine Information, die man abfragt, wie es der Dirigent haben möchte, und dann einigt sich man auf etwas. Man fragt auch häufig den Chorleiter, wie der Chor das Stück studiert hat und passt sich daran an.

Georg Zeppenfeld (Hans Sachs), Klaus Florian Vogt (Walther von Stolzing) © Semperoper Dresden/Ludwig OlahSemperoper

klassik-begeistert: Ich habe eine Aufnahme der Bass-Arie aus Bachs Magnificat mit dem Italienisch artikulierten Text gehört. Wie sprechen Sie „Quia fecit mihi magna“ aus?

Georg Zeppenfeld: Auf Deutsch. Bei Bach bin ich sicher, dass man ihn nicht viel italienisiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Leipzig zu Bach Zeiten italienisches Latein beim Singen verwendete.

klassik-begeistert: Viele Komponisten haben die Hauptpartien für Tenöre geschrieben. Die Bässe bleiben als Könige, Väter, Wächter oder Bösewichter im Hintergrund. Fühlen Sie sich als Bass unterschätzt?

Georg Zeppenfeld: Nein, eigentlich nicht. Diese Rollenverteilung hat historische Gründe. Am Anfang der Opera widerspiegelte die Höhe der Stimmlage die Position der betreffenden Person innerhalb der Gesellschaftsordnung. Die höchste Stimmlage, der Sopran – und zwar als Soprankastrat! –  wie bei Nerone in  Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“, gehörte damals der Hauptfigur (dem König). Dann ging man nach ständischer Ordnung bis unten zu den volksnahen Typen, den Bösewichtern oder eben alten, weisen Männern, wie dem Seneca in derselben Oper. Das waren dann die Bässe. Darauf hat sich eine Tradition gegründet, die später durchbrochen wurde.

Bei Verdi befinden sich schon sehr verschiedene interessante Basspartien, wie Fiesco, König Filippo oder Zaccaria. Außerdem finde ich es spannend, eine facettenreiche Figur in der Kürze darstellen zu müssen. Wenn man nicht so viel Ausbreitungsfläche wie ein Tenor hat, der viele Arien in einer Oper singt, sondern eine einzige Arie, oder eine konzentrierte Szene, dann muss man in sie alles reinpacken, was aus der Figur auszulesen ist. Diese Aufgabe finde ich sehr spannend. Es gibt einige traumhafte, extrem kurze Basspartien, wie König René in „Iolanta“, oder Fürst Gremin in „Eugen Onegin“ von Tschaikowsky. Man kann sie so schön wie möglich aufführen und das Publikum damit beeindrucken.

klassik-begeistert: Und Sarastro? Das ist kein negativer Held.

Georg Zeppenfeld: Das sagen Sie. Bitte führen Sie die Regie (lacht). Meistens stellen Regisseure Sarastro als einen verkappten Bösewicht dar. Jedenfalls erlebe ich ihn fast immer so.

klassik-begeistert: Manche assoziieren „Die Zauberflöte“ mit den Freimaurern und aus diesem Grund halten sie alle Charaktere dort für Bösewichte.

Georg Zeppenfeld: Das Stück wird manchmal freimaurerisch gedeutet, es muss das aber nicht sein. Der Grundgedanke der Freimaurer war, die Menschen im ethischen Sinne zum Besseren zu führen. Man verwendet jedoch dazu das Mittel von Angst und Schrecken, um den Menschen erstmal zu erschüttern. Dann kann man ihn in eine neue, wertmäßige Ordnung umsetzen. Sarastro ist eine Figur mit Licht und Schatten, zumindest aus der Perspektive einer Person, die ihm gerade ahnungslos gegenübersteht und in die freimaurerische Gesellschaft eingeführt werden soll.

klassik-begeistert: Welche Rolle ist für Basssänger so wichtig, dass sie einen Durchbruch in ihrer Karriere bedeutet? Hans Sachs oder eher Wotan/Wanderer?

Georg Zeppenfeld: Viele empfinden die Rollen des Wotan als sehr verlockend, ich eher nicht. Zum Einen: es ist eine dramatische Bassbariton-Partie und ich bin lyrischer Bass. Zweitens: bei den meisten für mich erfüllenden Partien habe ich viele Anknüpfungspunkte gefunden, die mich persönlich berührt oder gereizt haben. Dies hat mich manchmal herausgefordert, mich mit einer Figur zu beschäftigen, für die ich mich stimmlich nicht unbedingt als Idealbesetzung empfinde. Bei Wotan finde ich solche Anknüpfungspunkte weniger. Zwar schließe ich nicht aus, dass sich meine Meinung irgendwann einmal ändern könnte, im Moment sehe ich mich aber nicht als Wotan. Übrigens hat mir diese Rolle noch niemand angeboten. Die Kollegen fragen oft, ob und wann ich Wotan singen werde, oder warum ich ihn noch nicht singe. Von den Veranstaltern kommt bisher keine Anfrage und ich hätte sie auch nicht als naheliegend empfunden. Ich habe mich lange geziert, bevor ich den Sachs angenommen habe. Das war die Idee von Christian Thielemann, dem ich dafür dankbar bin, weil ich in Hans Sachs sehr viel von mir finde. Der Machtmensch Wotan lässt um sich herum alles in die Brüche gehen, weil er sich in die tragischen Verträge verstrickt hat, um seine Macht zu festigen. Ich sehe in mir wenig davon und deswegen möchte ich mich noch nicht damit auseinandersetzen.

Interview: Jolanta Łada-Zielke, 12. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lesen Sie bitte morgen den 2. Teil des Gesprächs.

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