Zauberflöte an der Wiener Staatsoper: Im Gegensatz zu Tamino beherrschen die Wiener ihr Metier

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte  Wiener Staatsoper, 25. Juni 2022

Foto: © Michael Pöhn

Wiener Staatsoper, 25. Juni 2022

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte

von Jürgen Pathy

Eine Zauberflöte geht immer. Selbst dann, wenn Prinz Tamino etwas Anlauf benötigt. Sarastro, der vermeintlich böse Priester, etwas zu dominant und herrisch agiert. Und im Publikum der Wiener Staatsoper eine Dame beinahe dem Hustentod erliegt, als wolle sie mit der Kameliendame aus der „Traviata“ in Konkurrenz treten. Das hat vor allem einen Grund: Georg Nigl, der als Papageno ebenso überzeugend in Erscheinung tritt, wie vor rund zwei Wochen schon in Monteverdis „L’Orfeo“.

Mit Wiener Schmäh zum Erfolg

Dass der gebürtige Wiener mit seinem hell timbrierten und glasklaren Bariton stimmlich in allen Belangen zu überzeugen weiß, hat er schon damals bewiesen. Ob Nigl allerdings auch der szenischen Herausforderung gewachsen sein würde, war bislang nicht so klar. Mozarts tollpatschige Figur des Papageno, die muss vor allem aus der Kraft der Komödie, des Schauspiels wachsen. Rein stimmlich betrachtet, würde auch ein mittelmäßiger Sänger diese Partie ansprechend erfüllen. Hauptsache: Der Charakter des etwas naiven, aber liebenswerten Vogelfängers würde eindrucksvoll zur Schau gestellt werden. Nigl beherrscht beides.

„Hoits die Pappn!“, hätte er eigentlich schreien müssen. Ganz im Wiener Dialekt, mit dem er der Partie eine umwerfende Note verleiht, die man sonst eigentlich nur aus der Volksoper Wien gewohnt war. Dort stolpern und „hatschen“ die heitersten und glaubwürdigsten Naturburschen der Stadt über die Bühne. Aber das wäre wohl zu viel des Guten gewesen. Auch, wenn die drei „Goscherten“ im Publikum, die ihm am Ende schamlos ins Wort fielen, es vermutlich verdient hätten. Dem Publikum hat’s zumindest gefallen.

Genauso, wie die uniformierten Exekutiv-Beamten, die in Moshe Leisers und Patrice Cauriers Inszenierung aus dem Jahr 2013, hypnotisiert von den Klängen des Glockenspiels, im Tutu sich der Persiflage ausgesetzt sehen. Szenenapplaus hätte sich auch ein anderer verdient.

Was wäre das Haus nur ohne ihn?

Viel zu selten würdigt man an diesem durchaus gelungen Abend den Sprecher, der in Mozarts 1791 uraufgeführtem Meisterwerk eben nur eine kleinere Rolle zu bewältigen hat. Ensemblemitglied und Paradiesvogel Clemens Unterreiner hat sich seit jeher schon bewährt. Bereits seit 2005, als er sein Debüt am Haus gegeben hatte, zählt der gebürtige Wiener zu den Fixsterne der Wiener Staatsoper. Was Unterreiner allerdings seit Ausbruch der Pandemie leistet, ist gewaltig und lässt einen immer wieder mit offenem Mund zurück.

Hatte man gedacht, seine eigenen Aussagen seien nur Koketterie, belehrt er regelmäßig eines Besseren. Unterreiner, der nicht müde wird, zu betonen, er sei eben ein Bariton von enormer Bandbreite, der von den extremen Tiefen bis in die Höhen alles beherrsche, wächst von Vorstellung zu Vorstellung über sich hinaus. Begonnen hat das bereits bei der „Götterdämmerung“. Dort hat er als Gunther eindrucksvoll Zeugnis davon abgelegt, wie heldenhaft und wortdeutlich sein Bariton das Haus durchfluten kann. Als Sprecher setzt er nun nochmals eins drauf. In einer für einen Bariton doch tief angesiedelten Tessitura, wirkt seine Stimme dennoch enorm tragfähig und markdurchdringend bis ins letzte Eck.

Woran das liegt, dafür findet Clemens Unterreiner selbst klare Worte. Vermutlich nicht nur an der ausgefeilten Technik, an der er während der Pandemie hart gearbeitet habe, sondern auch an der Erfahrung und Reife, die der mittlerweile 50-jährige auf die Bühne bringt. An die 100 Partien, die er bislang an der Wiener Staatsoper gesungen hat, machen ihn auch zur unerlässlichen Stütze des Hauses.

Der Prinz wackelt, fällt aber nicht

Davon ist Pavel Petrov noch meilenweit entfernt. Was der junge Weißrusse, der in Wien bereits den Nemorino gesungen hat, als Tamino auf die Bühne legt, gleicht alles anderem als einem Zauber. Möchte man doch annehmen, dass ein ausgebildeter Tenor, der an der Wiener Staatsoper singt, kein Feind des Portamentos sein sollte, hat man sich bei ihm geirrt. Zumindest zu Beginn.

Da fehlte es dem jungen Tenor nicht nur an der gestalterischen Kraft, zwei aufeinander folgende Noten verschiedener Höhen durch ein Glissando miteinander zu verbinden, auch die deutsche Aussprache und das übermäßige Vibrato waren dem Genuss da schwer im Weg. Ob einfach nur der Nervosität geschuldet oder dem mangelhaften Einsingen, ist schwer zu beurteilen. Qualitativ hat Petrov im Laufe des Abends nämlich eine deutliche Steigerung vollzogen und zumindest noch akzeptabel reüssiert. Für einen Tamino am bedeutendsten Opernhaus der Welt dennoch zu wenig.

Zum Glück retten auch noch andere den Abend. Man möchte kaum glauben, dass Hanna-Elisabeth Müller noch keine Elsa gesungen hat. Was sich bei der jungen Deutschen als Pamina in puncto Stimmfarbe und Ausdruck abzeichnet, ist der erfolgreiche Weg hin zu den jugendlich-dramatischen Partien des deutschen Fachs. Eine Arabella steht schon auf der Habenseite, eine Eva in Wien auf dem Plan. Dass das Wiener Publikum dieser glühenden Sopranstimme ebenfalls zustimmt, davon zeugt der Schlussapplaus.

Bolton rudert durch das Werk

Dem konnte auch die etwas unorthodoxe Art, um es charmant zu formulieren, von Dirigent Ivor Bolton nichts anhaben. Um markant und schwungvoll durch Mozarts Zauberflöte zu manövrieren, reichen die spärlich ausgeformten kapellmeisterlichen Fähigkeiten locker aus. Bei einem Werk, das fest im Repertoire der Wiener Staatsoper verankert ist, allerdings noch kein klares Qualitätsmerkmal. „Das spielen die Wiener Philharmoniker auch ohne Dirigenten“, trifft ein Kommentar den Nagel auf den Kopf.

Wem beim Briten, der im Teatro Real in Madrid als Musikdirektor die Geschicke leitet, Harry Potter durch den Kopf schießt, kein Wunder. Wie ein Magier formt Bolton vor seinem Brustkorb imaginäre Kugeln, um sie dann blitzartig über den Graben zu lenken. Die befeuern auch Federica Guida, die als überzeugende Königin der Nacht in feuerrotem Kleid erscheint. Mit schier unmenschlichen Kräften verleiht sie den Koloraturen eine enorme Fülle und viel Körper.

Dass man mit Ileana Tonca noch eine hervorragende Papagena an die Rampe schickt, die in Gestalt einer skurrilen Vogelscheuche die Herzen der jungen Besucher erobert, wertet den Gesamteindruck nochmals auf. Letztendlich versöhnlicher Schlussapplaus.

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