Die Wiener in Hamburg: großartige Stimmen und die vermutlich erste Klobürste auf der Bühne der Elbphilharmonie

Wolfgang Amadeus Mozart, Le Nozze di Figaro, Konzertante Aufführung der Wiener Staatsoper,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Thies Rätzke (c)
Elbphilharmonie
, Großer Saal, 15. September 2018
Wolfgang Amadeus Mozart, Le Nozze di Figaro (1786)
Konzertante Aufführung der Wiener Staatsoper

Adam Fischer – Dirigent
Gerald Finley – Conte d’Almaviva
Olga Bezsmertna – Contessa d’Almaviva
Erwin Schrott – Figaro
Andrea Carroll – Susanna
Svetlina Stoyanova – Cherubino
Ulrike Helzel – Marcellina
Sorin Coliban – Don Bartolo
Peter Jelosits – Don Curzio
Michael Laurenz – Don Basilio
Rafael Fingerlos – Antonio
Mariam Battistelli – Barbarina
Orchester der Wiener Staatsoper
Chor der Wiener Staatsoper

von Ricarda Ott

Das Orchester und der Chor der Wiener Staatsoper samt einiger Ensemblemitglieder zu Gast in der Elbphilharmonie Hamburg – und fast schien es, als wäre das gesamte Wiener Opernpublikum mitgereist. Überall auf den Gängen hörte man feinstes Wienerisch und die distinguierten Herrschaften begrüßten sich überraschend humorvoll: „Ach, Ihr auch auf der Hochzeit des Figaro?“

Man kannte sich also, war mit einem Kreuzfahrtschiff angereist – dies war eine geschlossene Veranstaltung eines Reiseanbieters –, kannte routiniert das Sich-fein-machen-für-die-Oper-am-Samstag und kannte selbstverständlich auch den Figaro, eine der bekanntesten Opern von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Und doch war nicht alles wie gewohnt.

Konzertant stand im Programmzettel, doch es war vielmehr eine halbszenische Aufführung dieser Verwechslungskomödie in reinster Buffa-Manier von drei Stunden Spieldauer. Und sie wirkte auf der weiten, schlichten Konzertbühne des Großen Saals ohne Bühnenbild, ohne Kostüme und kaum Requisite positiv gesprochen entschlackt und reduziert, der Musik und dem Gesang dienlich.

Weniger positiv gesprochen, und dieser Eindruck überwog, wirkten die Protagonisten auf der Bühne in der Andeutung eines szenischen Spiels verloren, und elementare Momente der Komik, ja das ganze Ausmaß der Verwechslung, verpufften meist ungenutzt. Da halfen weder vereinzelte Requisiten – wer kam auf die irrwitzige Idee, den Conte mit einer Klobürste zu bewaffnen? –, noch die halbherzige Miteinbindung des Bühnenrunds, der unteren Gänge und die gänzlich ignorierte, doch effektvoll einsetzbare Saalbeleuchtung.

Trotz des sicherlich vollen Terminkalenders der Gäste ließ das Konzept noch Raum für Verbesserungen. Da haben wir schon unterhaltsamere Opernabende erlebt in diesem, für die Gattung zugegebenermaßen nicht einfach zu bespielenden Saal.

In Sachen Musik war der Abend jedoch ein Genuss. Das Orchester und der 24-köpfige Chor der Wiener Staatsoper unter der Leitung des ungarischen Dirigenten Ádám Fischer und die Sängerinnen und Sänger zeigten allesamt eine astreine Leistung.

Kaum möglich scheint es, die besten Leistungen innerhalb des Sängerensembles einzeln hervorzuheben. Doch allein schon der starken Präsenz ihrer Rollen (und ihrem schauspielerischen Engagement) geschuldet, überstrahlten insbesondere Andrea Carroll als Susanna und Erwin Schrott als Figaro den Abend. Beide interpretierten ihre Arien äußerst frisch, agil und klangschön. Während bei der US-amerikanischen Sängerin die Klarheit ihres Soprans beeindruckte, war es bei Erwin Schrott, der seit Jahren auf den größten Bühnen weltweit zuhause ist, eine markante Kernigkeit, die dem Charakter seiner Stimme Ausdruck verlieh.

Zweimal schien an diesem Abend die Zeit im Saal still zu stehen, nämlich dann, wenn Olga Bezsmertna die musikalisch anspruchsvollen Arien der Contessa („Porgi, amor, qualche ristoro“, Akt II, und „Dovo sono i bei momenti di dolcezza e di piacer?“, Akt III) gab, Brava! Auch der weltweit gefeierte Bassbariton Gerald Finley zeigte eine Leistung auf höchstem Niveau.

Svetlina Stoyanova in der Hosenrolle des Cherubino, Ulrike Helzel, die aufgrund eines krankheitsbedingten Ausfalls kurzfristig die Rolle der Marcellina übernahm und Sorin Coliban als Don Bartolo erweiterten diese bestens aufgelegte Sängerschar: wie an einer Perlenkette glänzt an diesem Abend eine Nummer nach der nächsten.

Die Mitglieder des Orchesters präsentierten bereits während der genialen Ouvertüre überzeugend und unmissverständlich, was in Sachen spielerischer Leichtigkeit, professioneller Technik, Präzision und Engagement am Abend geboten werden würde. Wann immer das Orchester hervorblitzte – mal im Kollektiv bei pompösen Ensemblestellen (zum Beispiel am Ende des 1. Aktes) oder aber solistisch wie zum Beispiel die Solo-Oboe als Begleitung der Contessa bei ihrer oben bereits erwähnten zweiten großen Arie – kamen Klasse und Renommée des Klangkörpers zur Geltung.

Ádám Fischer führte alle Beteiligten unaufgeregt und solide durch den Abend, hatte nicht zuletzt aber auch mit der Art der Aufführung zu kämpfen. Das Orchester wie gewohnt vor sich, die Sänger jedoch ins Publikum agierend im eigenen Rücken, hakte das musikalische Zahnrad immer wieder und musste ein ums andere Mal von Fischer mit deutlichen Gesten in Ausgleich gebracht werden.

Dennoch bleibt es musikalisch und stimmlich gesehen ein gelungener Abend, der Lust macht auf die Heimat unserer Gäste, auf große Abende im Haus am Ring.

Ricarda Ott, 16. September 2018, für
klassik-begeistert.de

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