Elphi HH: Energie, Frische und Begeisterung

Yaroslav Shemet, Neue Philharmonie Hamburg,  Elbphilharmonie Hamburg, 26. Januar 2020

Jungdirigent Yaroslav Shemet führt die Neue Philharmonie Hamburg in kraftvoll-lebendigen Interpretationen zu Höchstleistungen.

Elbphilharmonie Hamburg, 26. Januar 2020
Fotos: Oleksandr Panasiu (c)

Neue Philharmonie Hamburg
Yaroslav Shemet,
Dirigent

Wolfgang Amadeus Mozart
Ouvertüre zu »Le nozze di Figaro« KV 492
Joseph Haydn
Sinfonie D-Dur Hob. I/104 »Salomon« / 7. Londoner Sinfonie
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zu »Coriolan« op. 62
Felix Mendelssohn Bartholdy
Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 »Italienische«

von Sebastian Koik

Es soll ein überaus hochklassiger Abend werden, und das Publikum in der Elbphilharmonie erlebt vermutlich den Beginn einer großen Karriere! 

Am 26. Januar 2020 hat Jungdirigent Yaroslav Shemet mit der Neuen Philharmonie Hamburg sein Debüt in der Elbphilharmonie. Der Abend beginnt mit Mozarts Ouvertüre zu »Le nozze di Figaro«, einem quirlig-sprudelnden Stück Musik voller Vitalität und reich an scharfen dynamischen Kontrasten. 

«Weder vorher noch nachher ist der natürliche, unbändige Lebenstrieb nach seiner heiteren, daseinsfrohen Seite so unmittelbar in Töne umgesetzt worden wie hier. Bewegung in der höchsten Potenz ist alles an diesem Stück», beschrieb der deutsche Musiktheoretiker Hermann Abert vor etwa 100 Jahren die Ouvertüre.

Und diese so an Bewegung reiche Musik interpretiert das Orchester voller Lebenslust und Energie! Es zaubert Mozarts Musik vor jugendlicher Kraft strotzend spritzig und vorwärtstreibend in den Saal. Die Lautstärkewechsel beeindrucken.

Das zweite Stück ist Joseph Haydns 104. Sinfonie, auch  »Salomon« oder 7. Londoner Sinfonie genannt. Mit den zwölf Londoner Sinfonien erreichte Joseph Haydns sinfonisches Schaffen seinen absoluten Höhepunkt und zugleich seinen Abschluß. Diese 104. Sinfonie ist zugleich die allerletzte Sinfonie, die Haydn komponierte und ein Meisterwerk. Joseph Haydn erfüllte darin das Ideal einer Kunst, die bei allem Streben nach Eingängigkeit niemals banal klingt. Es ist Musik, die den einfachen Musikliebhaber genauso erfreut wie den erfahrenen Kenner.

Nach der Eröffnungs-Fanfare agiert das Orchester in der langsamen Einleitung zum 1. Satz in himmlisch weichem Klang herrlich zart und lyrisch. Der Kontrast zur bald darauf folgenden geballten Energie, Lebendigkeit und Frische beeindruckt den ganzen Saal. Der Dirigent Yaroslav Shemet überträgt seine deutlich sichtbare natürliche Lust auf Musik und Spielfreude direkt und hörbar auf das Orchester. Die Neue Philharmonie Hamburg musiziert höchst lebendig und kraftvoll, geradezu funkensprühend. Alle Instrumentengruppen sind auf Zack und begeistern mit knackig-präzisem ansteckend musikalischem Spiel. Das Publikum ist längst dem Willen und der Kunst von Dirigent und Orchester hörig und folgt gebannt.

Im langsamen zweiten Satz spielen die Musiker sehr, sehr weich und warm. Eine seelische Gemütlichkeit breitet sich aus, man fühlt sich Zuhause. Doch in all dem ist in jedem Moment lebendige Spannung drin. Die Musiker entfachen einen Sog, dem man höchst bereitwillig und fast willenlos folgt. Fein,  sowie plötzliche Dynamik- und Stimmungswechsel gelingen dem Orchester unter Yaroslav Shemet höchst beeindruckend. Einzig die Fagotte klingen gelegentlich etwas unsauber.

Im dritten Satz begeistern die Streicher mit herrlich präzisem gemeinsamem Pizzicato. Das Spiel der Musiker ist höchst lebendig und energiereich, der Klangkörper agiert sehr zupackend. In den langsamen und leisen Stellen klingt das Orchester wunderbar weich und lässt der Komposition viel Raum zum atmen.

Ganz zu Beginn des vierten Satzes wackeln die Streicher leicht – ihr einziger kleiner Mangel an diesem beeindruckenden Abend. Die abrupten Tempo-Wechsel gelingen der Neuen Philharmonie Hamburg unter Yaroslav Shemet exzellent. Und immer, immer wieder ist das Publikum begeistert von der Energie und Spielfreude, die die Musiker unter dem jungen Dirigenten in den großen Saal zaubern. Herr Shemet und seine Musiker interpretieren das alte Haydn-Stück mit so viel Leben, dass man fast meint, es zum ersten Mal zu hören. – Denn: So lebendig, so kraftvoll, so frisch, so zart, so balanciert und alles in allem so gut und so stimmig wie an diesem Abend in der Elbphilharmonie hat es wohl kaum Jemand je gehört.

Der Applaus nach der Halbzeit ist entsprechend gewaltig laut und lang.

Die zweite Konzerthälfte beginnt mit Ludwig van Beethovens Ouvertüre zu »Coriolan« op. 62. Nach ein paar Wacklern bei den Hörnern geht die zweite Konzerthälfte genauso stark weiter, wie die erste aufgehört hat. Der junge Dirigent wirkt den ganzen Konzertabend überaus locker und vom weltberühmten Saal komplett uneingeschüchtert. Yaroslav Shemet vermittelt große Intensität in Gestik und Mimik und diese Energie überträgt sich auf das Orchester, das sich an diesem Abend außerordentlich hochklassig präsentiert. Die Interpretation ist kraftvoll und spritzig, die Generalpausen sind stark mit überaus exaktem neuen Einsatz. Im langen leisen Ausklang ist sehr, sehr viel Spannung.

Was für ein wunderbarer Konzertabend es bis hierher war! Doch das Beste soll erst noch kommen!

Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, genannt die »Italienische«. Ein sehr häufig gespieltes Stück mit vielen sehr, sehr bekannten Melodien. Was bereits für Joseph Haydns 104. Sinfonie galt, gilt nicht minder für dieses allgemein noch bekanntere Stück: So frisch, kraftvoll und voller Leben haben das wohl selbst die erfahrensten Musikhörer noch nicht gehört!!! Es gibt nicht den kleinsten Moment der Kitschigkeit oder Langeweile zu hören. Die Komposition sprüht unter den Händen von Yaroslav Shemet und seinen Musikern vor Lebensfreude, Energie und Frische. 

Das Allegro im ersten Satz ertönt voller Feuer und Kraft. Die Musik tanzt voller Lebensfreude, brennt, scheint sogar Funken zu sprühen. Die Dynamik- und Tempowechsel gelingen dem Orchester höchst prachtvoll und allzeit souverän. 

Bei seinem ganzkörperlichen Dirigieren gelingt Yaroslav Shemet eine ganz wunderbare und natürlich wirkende Mischung aus Körperspannung und Leichtigkeit. Mit seiner Aufmerksamkeit scheint er bei allen Orchestergruppen gleichzeitig zu sein, kein Detail entgeht ihm. Die komplette Streicher-Fraktion spielt ganz groß auf, mit unfassbarer Präzision, Klangschönheit und Reife! Auch die Soli von Klarinette und Oboe beeindrucken.

Im Andante im zweiten Satz wird der Zuhörer von sanft-warmer Weichheit in Tönen verwöhnt, einer Weichheit, die gleichzeitig voller Feinnervigkeit und Spannung ist. Und was ist das nur für ein herrlich schöner und reifer Streicherklang!!!! Was die Streicher der Neuen Philharmonie Hamburg an diesem Abend in der Elbphilharmonie demonstrieren ist große Klasse!!! Die präzise Basslinie der vier Kontrabässe legt dabei ein beeindruckendes Fundament. 

Auch der dritte Satz erklingt auf Weltklasse-Niveau und man ist immer wieder aufs Neue fasziniert zu welch’ herrlich schönem Leben das bekannte Mendelssohn-Stück hier erweckt wird! Musik, die unter den Händen des höchst talentierten jungen Dirigenten Yaroslav Shemet atmet und erfüllt ist von Spannung, Intensität und gleichzeitig Luftigkeit, Leichtigkeit, Natürlichkeit und unfassbarer Selbstverständlichkeit.

Der vierte Satz beginnt extrem kraftvoll. Auch die schnellsten Passagen des letzten Satzes meistern die formidablen Streicher brilliant. Diese Energie, die dieser junge Dirigent selbst ausstrahlt und in seinem Orchester heraufbeschwört ist außergewöhnlich! 

Wenn der Dirigent es vermag mit seiner Ausstrahlung den Großen Saal der Elbphilharmonie zu füllen und das Publikum zu begeistern, dann ist es auch kein Wunder, dass es ihm auch gelingt seine ihm anvertrauten Musiker mitzureißen und zu Höchstleistungen zu motivieren. Nach dem mächtigen Finale dauert der sehr, sehr laute Applaus und Jubel viele, viele Minuten. Nach zwei Zugaben, noch mehr Gänsehaut-Momenten und danach vielen weiteren Minuten begeistertem Applaus ist dieser wunderbare Konzertabend zu Ende. Der große Saal ist erfüllt von glücklichen Gesichtern!

Viele Zuhörer schwärmen auf dem Nachhauseweg von diesem kraftvoll-schönen Konzertabend mit diesem mitreißenden jungen Dirigenten, der übrigens den ganzen Abend lang alle vier Stücke und die Zugaben auswendig und komplett ohne Partitur dirigiert.

An diesem Abend in der Elbphilharmonie wird Yaroslav Shemet 24 Jahre jung. Er unterrichtet bereits an der Musikakademie in Posen. Die Neue Philharmonie Hamburg dirigierte er bereits vor 10.000 Menschen in Hong Kong. Shemet lebt an diesem Abend am Pult der Elbphilharmonie Begeisterung für Musik vor und spornt seine Musiker in kraftvoll-lebendigen Interpretationen zu Höchstleistungen an. 

Nicht auszudenken, was passiert, wenn dieser begnadete Dirigent erst ein absolutes Spitzenorchester wie die Berliner Philharmoniker dirigiert!

Sebastian Koik, 29. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de  und klassik-begeistert.at

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