Zeitgemäße Musik – der Soundtrack zur Krise (IV):
This is (not) America…

Zeitgemäße Musik – der Soundtrack zur Krise (IV): This is (not) America…

Foto: © Richard Grant

George Floyd starb vor laufenden Handykameras, während der Polizist, der ihn mit desinteressierter Miene erstickte, alle Warnungen der Umstehenden ignorierte (die es nicht wagten, einzugreifen). Brutale Gewalt gegen Afroamerikaner ist in den USA traurige Normalität. Doch dieser Fall wurde zum Auslöser von Massenprotesten. Inmitten einer Pandemie tun Trump und viele Polizeikräfte nun alles, um die Situation weiter zu eskalieren. Wer die Berichte verfolgt, sieht Entsetzliches. Zeit für ein paar passende Songs.

von Gabriele Lange

Ich habe an der Münchner Universität junge Amerikaner unterrichtet. Sie waren mehrheitlich aus der weißen Oberschicht. Sie waren sich ihrer Privilegien bewusst. Das Bildungsniveau dieser jungen Menschen lag deutlich unter dem gleichaltriger anderer Studenten. Einzelne von ihnen behandelten mich wie Dienstpersonal („My father pays a fucking amount of money for this” als Argument, warum ich eine bessere Note geben sollte…). Und sie blickten auf deutlich begabtere und fleißigere, aber arme, nicht-weiße Kommilitonen aus ihrer Heimat herab.

Ich habe lange in einem amerikanisch geführten Unternehmen gearbeitet und auf Reisen US-Amerikaner aller Hautfarben kennengelernt. Kluge, nicht so kluge, spannende und weniger interessante Leute.

Ich habe Freunde in den USA. Gebildete, sensible Menschen. Einer davon hat mich mit der Welt der Oper vertraut gemacht. Er ist nicht weiß.

Als Trump gewählt wurde, war ich entsetzt. Heute … fehlen mir die Worte. Aber es gibt Musik.

Pastoral scene of the gallant South

Strange Fruit, Billie Holiday

Southern trees bear a strange fruit
Blood on the leaves and blood at the root
Black bodies swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees

Gerade mal 23 Jahre alt war Billie Holiday als sie 1939 „Strange Fruit“ das erste Mal sang. 23 Jahre alt und unfassbar mutig. Man erwartete von ihr Liebeslieder. Oder Songs über verlorenes Glück. Auf jeden Fall Unterhaltung. Und dann … geht es um Lynchmorde in den Südstaaten. Direkt. Unerbittlich. Entsetzlich. Das war das erste Lied, das ich von Billie Holiday hörte. Ich zog dann los und kaufte jede Aufnahme von ihr, die ich kriegen konnte. Kaum ein Stück Musik hat mich jemals mehr hypnotisiert und erschüttert. Auch Nina Simone hat es mehrfach gesungen – kühler, grausamer als Billie. Wer mehr über die Erfahrungen schwarzer Frauen aus der Bürgerrechtsbewegung erfahren möchte, kann mit der wunderbar geschriebenen mehrbändigen Autobiografie von Maya Angelou anfangen. 1. Band: „I know why the caged bird sings“ (auch in Deutsch. „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“).

For this could be the biggest sky…

This is not America, David Bowie (Oliver Cosmann)

This is not America
A little piece of you
The little peace in me
Will die
For this is not America

Wer im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, bekam ab dem Babybrei eingetrichtert: Amerika ist unser Freund. Wer das schöne Bild ankratzte, auf Rassismus hinwies, gegen den Vietnamkrieg und später die Nachrüstung protestierte, bekam pauschal die Keule „Antiamerikanismus“ um die Ohren gehauen. Aber man konnte die Rolle der Befreier würdigen und dennoch seine Augen geöffnet halten. Vor allem mit dem zweiten Bush-Präsidenten und seinen Kriegen wurde ein kritischerer Blick auf die Probleme der Freunde jenseits des Atlantiks langsam Mainstream. Der Engländer David Bowie verbrachte einen Großteil seines Lebens in den USA. Und er war nicht blind.

Oliver Cosmann, der Bowies „This is not America“ gecovert hat, besitzt nicht die intensive, vielfarbige Stimme David Bowies, die so viele Gefühle gleichzeitig wecken konnte. Aber das ist eine schöne, traurige Interpretation, die sehr gut zur aktuellen Lage passt. Noch deutlicher drückt es Trent Reznors harter Remix eines anderen Bowie-Songs aus: „I’m afraid of Americans”

Doch – das ist Amerika …

This is America, Childish Gambino

 

Don’t catch you slippin‘ now
Look at how I’m livin‘ now
Police be trippin‘ now
Yeah, this is America

Zwei Jahre ist es her, da veröffentlichte Donald Glover aka Childish Gambino diesen Song – und dieses verstörende, vielschichtige Video. Dieser wilde Mix aus Klischees über Schwarze, brutaler Alltagsrealität in den USA, Waffengewalt, Konsumirrsinn, voller Anspielungen und Symbole, erschließt sich Zuschauern außerhalb der USA allerdings ohne Erläuterungen nur zum Teil.

Die Pandemie trifft die USA schlimmer als jedes andere (reiche) Land. Denn es gibt keine nennenswerte soziale Absicherung. Kaum Schutz und Hilfe bei Krankheit. Wer seinen Job verliert, stürzt oft ungebremst in eine Spirale des Elends. Die Pandemie betrifft die afroamerikanische Bevölkerung ungleich schlimmer als den weißen Mittelstand. Viele von ihnen machen die Jobs ohne Chance auf Homeoffice, haben keine Rücklagen, die Gesundheitsversorgung ist auf Drittweltniveau. Die Todesraten in ihren Vierteln sind bedeutend höher. Sie sind in der Pandemie am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen. Und dann drückt ein weißer Polizist ohne Grund einem Schwarzen die Luft ab. Mal wieder. Der Polizist, der vor einigen Jahren Eric Garner auf vergleichbare Weise umbrachte, wurde nie bestraft.

Die Black Eyed Peas haben vor zwei Jahren einen Song über dieses Klima gemacht. „Get it“ beginnt mit Debussys „Claire de Lune“. So sanft geht es nicht weiter.

Erst kommt die Trauer. Dann die Wut. Und wieder die Trauer.

Why? (The King of Love Is Dead), Nina Simone

We can all shed tears; it won’t change a thing
Teach your people: Will they ever learn?
Must you always kill with burn and burn with guns
And kill with guns and burn – don’t you know how we gotta react?

Nina Simone wollte eigentlich klassische Pianistin werden. Sie erzählte später, dass die Musik von Bach der Grund war, dass sie ihr Leben der Musik widmen wollte. Sie spielte in Bars, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Ein Stipendium hatte sie nicht bekommen. Denn sie war schwarz. Als Jazzsängerin wollte sie sich nicht sehen – das passte für ihren Geschmack zu simpel zum Klischee von einer schwarzen Künstlerin. Die geniale Frau mit dem einzigartigen Stil unterstützte die Bürgerrechtsbewegung. Als Martin Luther King ermordet wurde, starb in vielen die Hoffnung auf einen friedlichen Wandel. Sie sang ein Lied, das ihr Bassist geschrieben hatte: „The King of Love is dead.“ Vier Jahre zuvor hatte sie ihren Zorn über die brutale Niederschlagung der Proteste in den Südstaaten in einen Song gegossen: „Mississippi Goddam“.

Einige Jahre später sang Gil Scott-HeronThe revolution will not be televised”. Eine Revolution wird es wohl auch diesmal nicht geben. Aktuell sieht es eher nach einem Putschversuch gegen die Verfassung aus. Aber der wird „televised“. Es gibt Handykameras. Viele Handykameras.

Während friedliche Demonstranten beschossen, mit Tränengras besprüht, mit Autos angefahren, verprügelt werden und der Wahnsinnige im Weißen Haus immer weiter Benzin ins Feuer gießt, sitze ich hilflos vor meinem Monitor. Wie die Zuschauer bei George Floyds Ermordung. Ich denke an die Freunde in den USA. Und fürchte um ihre Zukunft.

Gabriele Lange, 02. Juni 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Meine Lieblingsmusik 31: Zeitgemäße Musik – der Soundtrack zur Krise (III): WAHNSINN!

2 Gedanken zu „Zeitgemäße Musik – der Soundtrack zur Krise (IV): This is (not) America…“

  1. Liebe Kollegin!
    Wir können uns in Deutschland und in Österreich („Tu felix Austria“) mit unserem Sozialversicherungssystem glücklich schätzen. Ich kenne die Verhältnisse auf den Philippinen, die leider den USA hörig sind. Eine Solidaritätsabgabe ist für diese Leute unvorstellbar. Man muss akzeptieren können, dass der Gesunde den Kranken und der Wohlhabende den Ärmeren, der fast keinen Beitrag leistet, mitfinanziert. Diese Solidarität kennen die Filipinos nur innerhalb der Sippe. Wir können – wohl nur ein ganz klein wenig – Verständnis für diese Denkungsart aufbringen, wenn man bedenkt, dass die Beamten sich gegen eine allgemeine Krankenkasse gewehrt haben, weil sie in ihre Beamtenkasse durchschnittlich mehr einzahlen. Die Filipinos machen sich auch über Straßenverkehrsprobleme keine Gedanken. Bevor bei uns oft darüber gehässige Diskussionen beginnen, sollten wir alle auf uns selbstbewusst stolz sein. Wir machen uns wenigstens Gedanken. Auch über soziale Problemlösungen, und wir sagen nicht einfach lakonisch: „Das sind halt poor people.“

    Lothar Schweitzer

  2. Guten Tag!

    Gegen Rassismus: Gunter Schullers Oper „The Visitation“ in Hamburg im Okt.1966
    unter der Leitung des Komponisten in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt.
    Das ging damals schon unter die Haut mit Mc Henry Boatwright, Tatiana Troyanos,
    Kerstin Meyer, Felicia Weathers, Erwin Wohlfarth, Kim Borg u.a.
    Es war eine großartige Aufführung.
    Hans-B. Volmer

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