Lieses Klassikwelt 1/2019: Angst in Toronto

Lieses Klassikwelt 1 / 2019,  klassik-begeistert.de

Handschellen am Flughafen im kanadischen Toronto… Der Schock sitzt tief. So unwirklich mir das alles im Nachhinein vorkommt: Nach Kanada werde ich nie wieder reisen. Nach Amerika sowieso nicht. Nicht einmal eine Pressereise zur New Yorker Met oder zu einem Konzert mit Riccardo Muti und dem Chicago Symphony Orchestra könnten mich umstimmen. Ich sorge mich eher um die Künstler, die dort arbeiten.

von Kirsten Liese

Vor wenigen Jahren ging Stefan Arzberger, weiland Primarius des Leipziger Streichquartetts, in New York durch die Hölle. Der Künstler wurde durch eine fatale Begegnung gleichzeitig zum Opfer und Täter. Zum Verhängnis wurde dem Geiger, dass er sich auf eine transsexuelle Prostituierte einließ, die ihm an der Hotelbar unbemerkt KO-Tropfen in einen Cocktail träufelte um seine Kreditkarten und seinen Laptop stehlen zu können. Wenige Stunden später verhaftete die Polizei Arzberger, nachdem er eine wildfremde Frau vor ihrem Zimmer im Hotel zu würgen versuchte.

Bis heute kann er sich an dieses gräuliche Ereignis und die zehn Stunden davor nicht erinnern. Fahrlässig versäumte es die Polizei, ihn beizeiten auf Drogen zu untersuchen. Zwar konnte Arzberger es mithilfe einer horrenden Kaution erwirken, recht schnell aus dem menschenunwürdigen Gefängnis herauszukommen. Aber sein Pass wurde konfisziert, 15 Monate musste er in New York bleiben, und für die Anwaltskosten musste er seine wertvolle Geige verkaufen.

Alles hat dieser Mann damals verloren: sein Quartett, seine Frau, sein wertvolles Instrument, seine Reputation. Nun hat sich Arzberger tatsächlich wegen Körperverletzung schuldig gemacht. Aber liest man Reportagen über die Zustände in amerikanischen Gefängnissen und die Gründe, warum Leute dort eingesperrt werden, erschließt sich schnell, dass es reicht, unschuldig zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, um in allergrößte Schwierigkeiten mit einer korrupten Justiz zu geraten.  Zudem sind viele dieser Gefängnisse reine Folteranstalten, weshalb etwa auch der Filmemacher Roman Polanski vor Jahrzehnten seine Chance ergriff, aus einem solchen zu fliehen.

Schon in Zeiten von Obama und G. W. Busch gab es in den USA überdies Privatgefängnisse, in die Unschuldige eingesperrt wurden, um als billige Arbeitskräfte missbraucht zu werden.

Was ich nicht wusste: Dass es in Kanada ähnlich zugeht, sonst wäre ich kürzlich kaum zum Filmfestival nach Toronto gereist. Mir wurde es zum Verhängnis, dass ich den Ausgang nicht gleich gefunden habe. Auf einmal war ich versehentlich in einem Raum, in dem sich eine lange Schlange vor einem Gepäckschalter gebildet hatte, allerdings kein gewöhnlicher Check-In. Als ich kehrt machte, stellte sich ein Officer in meinen Weg und wies mich an, ich dürfe nicht kehrtmachen, sondern müsse da hinausfinden, wo ich herkäme. Aber dort, wo ich herkam, gab es definitiv keinen Ausgang. Für 20 Minuten stellte ich mich gleichwohl in die merkwürdige Schlange, die sich keinen Zentimeter bewegte.

Reiflich müde nach einem 9-Stunden-Flug und einer – arbeitsbedingt – sehr kurzen Nacht von nur drei Stunden, hatte ich die Faxen dicke und nahm einen neuen Anlauf. Diesmal rannte der Officer aggressiv auf mich zu und schrie mich an, er habe mir doch gesagt, ich dürfe hier nicht hinaus. Da platzte mir der Kragen und ich schrie zurück, was der Unsinn solle, im Nebenraum sei kein Ausgang und er solle mich jetzt endlich rauslassen, ich müsse mich bis 19 Uhr noch akkreditieren.

Eh‘ ich mich versah, legte mir der Officer Handschellen an, nahm mir mein gesamtes Gepäck inklusive Handtasche ab und sagte, ich sei verhaftet. Ich konnte das nicht fassen. Was hatte ich verbrochen? „You grabbed“ me, sagte der Officer. Wie bitte? Ich hatte ihn nicht angerührt. Er hätte angeblich einen Videobeweis, so der Officer, aber den zu sehen, blieb mir verwehrt. Zwei weibliche Officers kamen hinzu, an die ich mich – inzwischen schon gelähmt vor Angst – hilfesuchend wandte, mir doch bitte zuzuhören, was mir hier Unglaubliches widerfahren sei. Die aber wollten mir nicht zuhören, belehrten mich nur mit einem endlosen Sermon (wohlbemerkt alles in Englisch!) über meine Rechte und Pflichten. Ich müsste nichts aussagen, alles, was ich sagen würde, könnte gegen mich verwendet werden, ich hätte Anspruch auf einen Counseller und einen Anwalt. Dann musste ich mich breitbeinig an die Wand stellen, wurde abgetastet und in eine Zelle geführt. Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, jemals in eine solche Situation zu geraten.

Inzwischen hatte ich richtig große Angst, und das war wohl auch Sinn der Sache. Denn was nun begann, war ein Schmierentheater sondergleichen. Zuerst musste ich die Zelle untersuchen, unter Bett und Tisch schauen, ob ich irgendwelche Gegenstände dort sehen würde. Dann sagte mir eine der beiden Wachteln, sie würde vom Telefon direkt neben der Zelle den Counseller anrufen, auf dessen Rückruf könne ich dann warten. Vermutlich war das ein fingiertes Telefonat, das gar nicht stattfand. Denn zum einen hörte ich keine Stimme, zum anderen erfolgte dieser Rückruf auch nach 40 Minuten nicht. Inzwischen hatte ich dermaßen große Angst, dass die mich womöglich über Nacht einsperren würden. Ich entschuldigte mich mehrfach dafür, den Officer angeschrien zu haben, erklärte das mit Übermüdung, Überreizung und einer Panikattacke. Dann, nach 50 Minuten, kam eine der drei Polizistinnen wieder, die ich am Anfang schon gesehen und an die ich mich hilfesuchend gewandt hatte. Die wurde mir nun als angeblicher Counsellor vorgestellt. Hallo? Ich traute meinen Augen nicht. Als ich der meinen Zustand noch einmal erklärte, schaute die nun zu jenem Officer hinüber, der mir die Handschellen angelegt hatte und sagte: „It’s up to him“.

Wie bitte? Dieser Kerl durfte nun ganz allein entscheiden, was aus mir wird? Aber ich hatte Glück im Unglück. Vermutlich, weil ich mehrfach betonte, dass ich beruflich als Journalistin in Toronto war und er selbst genau wusste, dass er nichts gegen mich in der Hand hatte, nahm er nun – nachdem er mich reiflich erniedrigt und gedemütigt hatte – meine „Entschuldigung“ an. „Bin ich nun frei, wirklich frei“, fragte ich mich mit den Worten Alberichs im „Rheingold“, und tatsächlich hatte der Spuk innerhalb weniger Minuten ein Ende.

Auch ich bin kein Einzelfall. Unterhält man sich darüber mit anderen Menschen, die einmal in Kanada waren, hört man viele ähnliche Horrorgeschichten.

Der Schock über das Erlebnis sitzt tief. So unwirklich mir das alles im Nachhinein vorkommt: Nach Kanada werde ich nie wieder reisen. Nach Amerika sowieso nicht. Nicht einmal eine Pressereise zur New Yorker Met oder zu einem Konzert mit Riccardo Muti und dem Chicago Symphony Orchestra könnten mich umstimmen. Ich sorge mich eher um die Künstler, die dort arbeiten.

Kirsten Liese, Berlin, 27. September 2019

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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

2 Gedanken zu „Lieses Klassikwelt 1 / 2019,
klassik-begeistert.de“

  1. Mir fällt dazu nur folgendes ein: Jedes Kind weiß, dass man der Polizei mit Respekt entgegentritt. Einen Polizisten anzuschreien, ist eine der schlechtesten Ideen überhaupt. Da darf sich dann keiner wundern, wenn er den längeren Arm des Gesetztes zu spüren bekommt – egal ob in Österreich, Deutschland oder den USA.
    Jürgen Pathy

  2. Wir kennen unsere Kollegin Kirsten Liese als höflich und angenehm. Wenn sie laut wird, muss wirklich etwas Schlimmes passiert sein, was sie oben schildert, für uns ein menschenverachtendes, ja widerwärtiges Verhalten der Polizei am Flughafen von Toronto. Wenn schon eine angesehene Journalistin so behandelt wird, wie ergeht es dann erst anderen, erst recht Asylanten, Flüchtlingen…. Deshalb werden wir ihren Artikel mit Erlaubnis in http://www.weltexpresso.de nachveröffentlichen.
    Claudia Schulmerich

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