Die KI konterkariert die Walküre II

Richard Wagner Die Walküre II, Christian Thielemann  Bayreuther Festspiele, 5. August 2026

Bayreuther Festspiele Die Walküre 2026 © Enrico Nawrath

„Keiner ging – doch einer kam: siehe, der Lenz lacht in den Saal!“

Musikalisch geht der mit dem im Rheingold begonnenen Festspielhöhenflug weiter. Christian Thielemann zaubert mit dem auf höchstem Niveau spielenden Festspielorchester ein wahres Wagner-Wunder. Feinfühlig in den Tempi, immer umsichtiger Begleiter seiner Sänger und Sängerinnen, entfaltet er einen wunderbar luziden Klang, ohne dabei die großen Ausbrüche und Steigerungen zu vernachlässigen.

Richard Wagner
Die Walküre II

Festspielorchester Bayreuth
Christian Thielemann, Dirigent

Marcus Lobbes und Nils Corte,
Kuratorium / Künstlerisch-technische Konzeption

Bayreuther Festspiele, 5. August 2026

von Axel Wuttke

Es wird nicht besser. Die Unzulänglichkeiten dieser KI als Medium für eine Ring-Inszenierung sind so offenkundig, die Bilder so sinnfrei, einfältig und banal, dass es teilweise zum Fremdschämen ist. Auffallend sind die immer wiederkehrenden Projektionen von Geröll, Müll, schimmligen Flächen und Metallschrott. Mit welchen Informationen muss man die KI bestücken, damit bei Siegfrieds Ausspruch „Siehe, der Lenz lacht in den Saal“ Ruinen, Gerümpel und undefinierbare Metallgegenstände erscheinen?

Denn die KI kann ja auch anders. Sie kann auch sinnvolle, geheimnisvolle und schöne Bilder erzeugen, die atmosphärisch zur Handlung passen und den Zuschauer mit in das Stück nehmen und nicht, wie die meiste Zeit, durch Abstruses vom Stück fernhalten. Leider verschwinden die guten Bilder schneller als die Überflüssigen.

Bayreuther Festspiele Die Walküre 2026 © Enrico Nawrath

Ansonsten gibt es wieder viele Zitate aus alten Ring-Inszenierungen, vor allem von Chereau und Kupfer. Aber auch aus der Walküre von 2021, in der Hermann Nitsch sich farblich ausgetobt hat.  Zwischendrin erscheint „Wälsungenblut“-Autor Thomas Mann, das ist wohl ein Fingerzeig, dass da eine Verbindung besteht. Wer hat es gewusst? Später ist Lenin noch zu sehen, abgemagerte Menschen, Soldaten und bei Wotans Abschied, warum auch immer, darf auch Adolf Hitler und seine Entourage nicht fehlen. Die hatten auch Verbindungen zum Wagner-Clan. Hat das jemand gewusst? Aber man soll sich ja nicht einfach zurücklehnen und etwas genießen, sondern auch was lernen! Woher kommt eigentlich die mittlerweile weitverbreitete Meinung, dass das Publikum ungebildet und stets und ständig belehrt werden muss? Selbst von einer KI!

Musikalisch geht der mit dem im Rheingold begonnenen Festspielhöhenflug weiter. Christian Thielemann zaubert mit dem auf höchstem Niveau spielenden Festspielorchester ein wahres Wagner-Wunder. Feinfühlig in den Tempi, immer umsichtiger Begleiter seiner Sänger und Sängerinnen, entfaltet er einen wunderbar luziden Klang, ohne dabei die großen Ausbrüche und Steigerungen zu vernachlässigen. Das Publikum danke für diese Leistung mit Jubelstürmen und Fußgetrampel.

Michael Volle singt, nein er ist Wotan. Wie er die Verwandlung vom fröhlichen zum verzweifelten und wütenden Gott nachvollziehbar macht, ist einmalig. Jedes Wort ist bei ihm zu verstehen und wird mit Sinn gefüllt. Er teilt sich seine Kräfte klug ein, so dass er auch für Wotans Abschied noch die nötigen Reserven hat und diesen mit wunderbarem Legato gestalteten kann. Eine zu Herzen gehende Darbietung.

Mit großer stimmlicher und sprachlicher Autorität gestaltet Anna Kissjudit eine unversöhnliche Fricka, deren Vorhaltungen Wotan nichts entgegensetzten kann. Durch ihre große, tragfähige, im Kern warme Stimme, erlebt man eine Gestaltung weit ab von den gängigen Klischees der zickigen und keifenden Göttergattin. Eine großartige Interpretation.

Bayreuther Festspiele Die Walküre 2026 © Enrico Nawrath

Camilla Nylund überzeugte als Brünnhilde durch die Schönheit ihres lyrisch grundierten, in der Höhe sich klangvoll öffnenden Soprans. Die Wandlung von der übermütigen Wotan-Tochter zur Verzweifelten und Ausgestoßenen gerät ihr äußert packend. Auch ihre Textverständlichkeit ist vorbildlich.

Wie zu erwarten, gestaltet Klaus Florian Vogt mit großer Textverständlichkeit und vielen zarten lyrischen Tönen einen jugendlichen, an den dramatischen Stellen heldisch auftrumpfenden, Siegmund. Auch er teilt sich die Rolle klug ein, um mit feinsten Abstufungen die Wandlungen der Figur in jedem Moment glaubhaft zu machen. Ein Höhepunkt bildet die Todesverkündung, bei der er und Camilla Nylund durch ihre berührenden Interpretationen die Zeit stillstehen ließen.

Nicht ganz auf diesem Niveau agiert die Sieglinde von Elza van den Heever. Ihr Sopran gerät immer wieder bei den Registerwechseln aus dem Fokus, klanglosen Phrasen sind die Folge. Auch ihre Diktion, vor allem im zweiten Akt, ist unzulänglich.

Als aggressiver Gegenspieler Siegmunds ist Mika Kares mit seiner kraftvollen Stimme und dem herrlich bösartigen Ausdruck ein furchteinflößender Hunding.

Bayreuther Festspiele Die Walküre 2026 © Enrico Nawrath

Die Walküren sind stimmgewaltig und machen das Wilde und unbändige der Figuren klangschön erlebbar. Sehr individuell in den Stimmfarben, fügten sie sich doch zu einem dynamisch abgestuften, homogenen Gesamtklang.

In den überbordenden frenetischen Schlussjubel für die Künstler mischten sich einige Buhs, die sicherlich der Produktion zugedacht waren und den Kostümen, die nun auch noch mit Feddern ergänzt sind und die Künstler wie überfahrene, in Verwesung befindliche Vögel erscheinen lassen.

Axel Wuttke, 6. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Siegmund: Klaus Florian Vogt
Hunding: Mika Kares
Wotan: Michael Volle      
Sieglinde: Elza van den Heever
Brünnhilde: Camilla Nylund  
Fricka: Anna Kissjudit
Gerhilde: Martina Welschenbach
Ortlinde: Brit-Tone Müllertz
Waltraute: Karis Tucker  
Schwertleite: Freya Apffelstaedt
Helmwige: Magdalena Hinterdobler  
Siegrune: Alexandra Ionis
Grimgerde: Marie Henriette Reinhold  
Rossweisse: Natalia Skrycka

Richard Wagner, Das Rheingold II, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 4. August 2026

Halbzeitbilanz: Richard Wagner, Das Rheingold II, Die Walküre II Bayreuther Festspiele, 4. & 5. August 2026

Richard Wagner, Das Rheingold, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 27. Juli 2028 PREMIERE

Richard Wagner, Die Walküre, Klaus Florian Vogt, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2026

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