Kristjánssons faszinierende Interpretation von Schuberts „Winterreise“ geht zutiefst ans Gemüt

LiedFest Bremen I: Franz Schubert, Die Winterreise  Sendesaal Bremen, 22. Februar 2026

Benedikt Kristjánsson©  2022 Benedikt Kristjansson

Benedikt Kristjánsson  Tenor
Ammiel Bushakevitz  Klavier

Sendesaal Bremen, 22. Februar 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Tenor Benedikt Kristjánsson wollte Schuberts „Winterreise“ in voller Tiefe erfassen und verstehen. Und hat deshalb diesen Liederzyklus anlässlich der Bonner Beethoventage anno 2022 in 24-stündiger Dauerschleife gesungen.

Am Sonntag, 22. Februar war der aus Island stammende Sänger mit ebendiesem Werk beim neuen Format LiedFest im Sendesaal Bremen zu erleben. Auf eigenen Wunsch (und auch mit deutlicher Zustimmung des Auditoriums) trägt er es ohne Pause vor. Und, was eher selten der Fall sein dürfte, auch von Anfang bis Ende auswendig. Mit Ammiel Bushakevitz hat er einen äußerst nuanciert begleitenden Pianisten dabei, der mit feinfühligem Anschlag die Aussagen der Liedtexte stimmungsvoll unterlegt, ohne auf Dominanz zu drängen.

Lied 1 „Gute Nacht“ ist nicht nur eine Art zusammenfassender Prolog, sondern lässt bereits ein hohes Maß an stimmlicher Schattierung und emotionaler Tiefe bei Kristjánssons exzellenter Ausführung erkennen; die ausgezeichnete Akustik des Raumes unterstützt dabei jede noch so feine Abstufung. Die unterstreichende, zumeist eher sparsame Gestik und Mimik des Sängers wirken wie das Hinabtauchen in wehmütige Erinnerungen; er lebt und erlebt geradezu das, was er singt.

Mit bestechend präziser Artikulation: Der Text ist durchgehend bestens verständlich. Warmtönig timbriert gestaltet er die lyrischen Passagen, kann aber andererseits auch eindringlich und zupackend energisch und mit stimmlicher Schärfe agieren. Immer jedoch steht die Textaussage im Vordergrund, die der Sänger mit markantem Impetus, mit ausgeprägter Gefühlsinnigkeit oder aber mit melancholischer Schlichtheit nachvollziehbar macht.

Ammiel Bushakevitz © Milena Krammer
Jäh zerstörte Trugbilder

Lied 5 „Der Lindenbaum“, als kompositorisch deutlich abgemildertes Volkslied der wohl bekannteste Teil des Zyklus, erinnert im sehr bedächtig angegangenen Vortrag des Duos an ein romantisches Traumbild, dessen Idylle von „kalten Winden“ jäh zerstört wird, um kurz darauf wieder im leisen Rauschen der Blätter unendliche Ruhe vorzugaukeln. Das geht ans Gemüt, ganz tief unter die Haut – wie so vieles an widerstreitenden Gefühlen, die in Schuberts genialer Vertonung zum Ausdruck gebracht werden.

Beim „lustig rauschenden, wilden Fluss“ (Lied 7) wie auch beim munter „von der Straße her tönenden Posthorn“ (Lied 13) wird das vordergründig Heitere zur bitteren Ironie; der liebliche „Frühlingstraum“ (Lied 11), den Kristjánsson wie ein zart koloriertes Klangbild präsentiert, erweist sich als niemals mehr wiederkehrende Erinnerung einer längst vergangenen Zeit, die von der „trüben, durch heitere Lüfte gehenden Wolke“ der Einsamkeit (Lied 12) umso heftiger konterkariert wird.

Die Zuhörer lauschen gebannt, kaum ein Huster stört das Geschehen, auf jeglichen Beifall zwischen den einzelnen Liedern wird erfreulicherweise verzichtet, so dass der groß angelegte Spannungsbogen zu jedem Zeitpunkt durchgehend erhalten bleibt.

Schauerlicher Gang über den Totenacker

Jedes Lied eröffnet einen neuen szenischen Mikrokosmos; allesamt sind sie geeint unter der zutiefst depressiven, von Hoffnungslosigkeit und unsäglichem Weltschmerz durchdrungenen Stimmung eines unendlich einsamen Menschen. Was Schubert selbst dabei als schauerlich bezeichnete, wird besonders heftig in den letzten Liedern deutlich. So etwa beim Gang über den Totenacker (Lied 21 „Das Wirtshaus“), bei dem der Sänger die intimen Gedanken des wandernden Handwerksgesellen mit packender Intensität pianissimo intoniert, dass einem bei derart plastischem Vortrag geradezu kalte Schauer über den Rücken laufen. Gänzlich unspektakulär, wie weltentrückt und nahezu unakzentuiert, aber deshalb umso bedrückender und eindringlicher skizziert Kristjánsson das finale Bild des Leiermanns.

Schlussapplaus Dr. Gerd Klingeberg

Ungewöhnlich lange verharren die Zuhörenden in totaler Stille. Der zunächst vorsichtig einsetzende Beifall, dann die lang anhaltenden Standing Ovations, muten an wie das Erwachen aus einem düsteren, gleichwohl ungemein fesselnden Traumerlebnis. Die Musiker verzichten zu Recht auf eine Zugabe: Der intensive Eindruck dieser über die Maßen berührenden „Winterreise“ darf und soll keinesfalls verwässert werden.

Dr. Gerd Klingeberg, 23. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Anton Reicha, Grande Symphonie de Salon No. 2 und No. 3 Sendesaal Bremen, 31. Januar 2026

Aaron Pilsan, Klavier Sendesaal Bremen, 8. Januar 2025

Franz Schubert, Winterreise, Johannes Martin Kränzle klassik-begeistert.de, 22. November 2025

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