Mozart mit Attacke: Pablo Heras-Casado bürstet „Titus“ gegen den Strich

Wolfgang Amadeus Mozart, La clemenza di Tito  Wiener Staatsoper, 9. März 2026 (Premiere)

Pablo Heras-Casado © Fernando Sancho

Reduzierte Bilder, offene Bühne, satter Klang. Bei der Neuproduktion von Mozarts „La clemenza di Tito“ setzt Regisseur Jan Lauwers an der Wiener Staatsoper auf viel Freiraum. Dirigent Pablo Heras-Casado formt die Musik mit Kraft. Das Sänger-Ensemble ist solide, ohne große Sternstunden.

Wolfgang Amadeus Mozart, La clemenza di Tito

Opera Seria in zwei Akten
Text  Pietro Metastasio
in einer Bearbeitung von Caterino Tommaso Mazzolà

Wiener Staatsoper, 9. März 2026 (Premiere)

von Jürgen Pathy

Dass die Neuproduktion von Mozarts „Titus“ kein Aufreger wird, war im Vorfeld klar. Regisseur Jan Lauwers knüpft bei seiner Arbeit an bereits von ihm bekannte Inszenierungen an. Große freie Fläche bis weit nach hinten in den Bühnenraum, ein Parkettboden, kaum Requisiten. Im Mittelpunkt des Regisseurs steht der Ausdruck, den er in Form von Tanz bewältigen lässt.

Sein Zugang zur Arbeit mit den Sängern: Vorgefertigte Personenführung findet bewusst nicht statt. Stattdessen setzt er auf die Intuition der Sänger, denen er die Bühne als freie Bewegungsfläche anbietet. Das wirkt irgendwie erfrischend unaufgeregt, weil der Fokus damit klar auf der Musik liegt. Ästhetik vor jeglicher Zurschaustellung politischer Themen oder Belehrung, das ist zur Abwechslung eine erfreuliche Begleiterscheinung. Statt Buhs gibt es dafür am Ende verhaltenen Zuspruch.

Mokhoabane lässt sein Potenzial aufblitzen

Überhaupt mangelt es bei dieser Premiere an Aufregern. Dass Katleho Mokhoabane eine erste tragende Rolle im Haus erhält, war längst schon an der Zeit. Das Format seiner lyrisch, geschmeidig geführten Stimme blitzt zwar nur vereinzelt auf. Die Milde, die Güte des Herrschers lässt der gebürtige Südafrikaner mit seinem weichen Timbre jedoch klar erkennen. Bedenkt man eines: Mokhoabane ist ein junger Tenor, der im Opernstudio der Wiener Staatsoper seine ersten Sporen verdient hat, darf man davon ausgehen, dass er sein volles Potenzial peu à peu noch ausschöpfen wird.

Tito Katleho Mokhoabane © Marcella Ruiz Cruz

Die restlichen Rollen spielen sich eher mit Vehemenz und Dominanz in den Mittelpunkt. Hanna-Elisabeth Müller steht als Vitellia mit viel Kraft und Ausdruck auf der Bühne. Cecilia Molinari als Annio und Florina Ilie als Servilia zeigen hingegen mehr Willen, ihre Stimmen differenzierter in die Auslage zu stellen. Während Matheus França als Publio alles solide erledigt, stiehlt die wohl wichtigste Partie allen anderen die Show.

Dass man einen Sesto stimmlich derart voluminös formt wie Emily D’Angelo, ist eher eine Seltenheit. Das ist gewöhnungsbedürftig, findet beim Publikum jedoch den größten Anklang. Der jungen Mezzosopranistin ist der stärkste Applaus des Abends sicher.

Satter Klang mit Potenzial in den Secco-Rezitativen

Dass man Subtilität gegen jugendlichen Drang nach vorne eintauschen kann, zeigt auch Pablo Heras-Casado am Pult des Wiener Staatsopernorchesters. Wer mit einer traditionellen Vorstellung von Mozart ins Haus gekommen ist, wurde sicher überrascht.

Mozarts 1791 uraufgeführtes Spätwerk ist eine Mischung aus Wiener Klassik und Barock. Da erwartet man keine Klangwogen wie bei Puccini, findet jedoch überraschend Erfreuliches: in der zackigen Konturengebung der Arien, die energisch nach vorne drängen und in der Durchschlagskraft der Pauke. Die Bezeichnung „Neuerfindung Mozarts“ wäre vielleicht zu viel des Guten, doch diese satt grundierte Lesart bringt durchaus einige frische Impulse ins Spiel.

Dass man die Secco-Rezitative hingegen spannender gestalten könnte, ist ein möglicher Ansatzpunkt für die Folgevorstellungen. Ein einziges Buh zum Ende für den Staatsopernchor, der Luft nach oben hat.

Jürgen Pathy, 11. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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