Bruce Liu und das CBSO lassen Tschaikowski aufblühen

CBSO, Kazuki Yamada, Bruce Liu, Klavier  Kölner Philharmonie, 9. März 2026

Kazuki Yamada conducting the City of Birmingham Symphony Orchestra © Andrew Fox

Ein sehr gutes Meisterkonzert unter Leitung von Kazuki Yamada in Köln. Dennoch fehlt etwas Magie.

William Walton (1902-1983)Orb and Sceptre. Coronation March

Pjotr Tschaikowski (1840-1893) –
Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23

Modest Mussorgsky (1839-1881) – Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung von Maurice Ravel)

Bruce Liu, Klavier
City of Birmingham Symphony Orchestra

Kazuki Yamada, Dirigent

Kölner Philharmonie, 9. März 2026

von Brian Cooper

Im Vorfeld dieses Meisterkonzerts stellte die Westdeutsche Konzertdirektion (WDK) ihre neue Saison vor. Auch die KölnMusik wird kommende Woche die Philharmonie-Saison 2026/27 präsentieren und ist damit zwei Monate früher dran als sonst. Aficionados der guten Musik, der feinen Klassik, werden also bald ihre – welch altmodische Redensart! – Kalender zücken.

Ganz so fein wie noch einige Tage zuvor in Amsterdam das Concertgebouworkest klang das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) unter seinem Chef Kazuki Yamada an diesem Abend in Köln freilich nicht, aber erstens ist ein solcher Vergleich unfair, und zweitens darf das CBSO, vor auf den Tag genau zwei Jahren in Köln zu Gast, zu Recht zu den besten Englands gezählt werden. Es war ein sehr guter Abend mit einem charismatischen Music Director.

Verschiedene Orchester und die WDK sind für ihren Mut zu loben, immer wieder unbekanntes Repertoire ins Programm aufzunehmen. Schließlich müssen auch Karten verkauft werden, und wo die Kölner in den Genuss kamen, das kurze Stück Orb and Sceptre von William Walton zu hören, wurde anderswo, etwa in Hamburg, auch dessen Erste Sinfonie aufgeführt. Das könnte Leute, die die Sinfonie nicht kennen, abschrecken. Diejenigen, die sich hingegen darauf einlassen, könnten sehr positiv überrascht sein.

Kazuki Yamada hat seine erste CD mit dem CBSO – und sein Debüt bei der Deutschen Grammophon – ganz dem Werk Waltons gewidmet. Ein tolles Statement. (Eine Besprechung der CD folgt bald.) Überhaupt wird gerade relativ viel Walton gespielt, obwohl wir kein Walton-Jahr haben. Klaus Mäkelä wird kommenden Januar mit dem Chicago Symphony Orchestra auf dessen Europatournee Belshazzar’s Feast spielen, mit Thomas Hampson als Solist. Die Vorfreude ist groß.

Kazuki Yamada conducting the City of Birmingham Symphony Orchestra © Andrew Fox

Orb and Sceptre ist ein perfekter Einstieg in einen Konzertabend eines britischen Sinfonieorchesters. Walton schrieb es anlässlich der Krönung Königin Elisabeths der Zweiten im Jahre 1953. Festlich und voller Pomp, mit einem wunderbar lyrischen Mittelteil, wurde es vom CBSO souverän dargeboten. Die Hörner spielten schwelgerisch, und das Schlagwerk (mit Snare Drum, Becken, Tamburin, großer Trommel und natürlich Pauken) war eine Wucht. In diesem kurzen Stück schwingt auch ein Element unterschwellig mit, das jeglicher Britishness eigen ist: Humor.

Der kanadische Chopin-Gewinner Bruce Liu ist erst Ende 20 und gilt längst als Superstar im Pianistenreigen. Zweifellos ist er ein exzellenter Pianist und stellte in seiner Interpretation des ersten Klavierkonzerts von Tschaikowski eine ganze Palette seines Könnens unter Beweis. Die kraftvollen Akkorde klangen nach dem leicht versemmelten Start des Orchesters großartig, und des CBSO erfrischend luftiges Spiel sorgte unter Yamada dafür, dass der Solist stets gut zu hören war. Die donnernden Passagen spielte der wie einst Radu Lupu auf einem Stuhl (statt auf dem typischen Hocker) sitzende Liu souverän. Zartes Spiel kann er auch phänomenal.

Bruce Liu © Christoph Köstlin

Und dennoch fehlte dem Kopfsatz für meine Begriffe etwas Magisches, Mitreißendes – was aber auch am Stück liegen kann. Es geht zu Beginn volle Kanne in die Vollen, anschließend folgt viel Liszt’scher Leerlauf. Das mag sehr subjektiv klingen, aber ich wünschte mir mehr Aufführungen des Zweiten Klavierkonzerts, das so gut wie nie gespielt wird. Das Erste hingegen hat sogar, die Älteren werden sich erinnern, für eine Joghurtwerbung herhalten müssen, warum auch immer. Es kann mitreißen, wie 2011 mit Trifonov, Gergiev und den Wienern in Köln, aber ich finde es nicht besonders gehaltvoll, auch wenn ich viele andere Werke des Komponisten liebe.

Nach dem bravourös beendeten Kopfsatz brillierte auch im langsamen Satz die Holzabteilung des Orchesters. Fagott und Klarinette griffen das von der starken Flöte (Marie-Christine Zupancic) intonierte Thema auf. Tschaikowski lässt das Orchester hier viel zur Geltung kommen, das Klavier ist auffallend oft „nur“ Begleitung, was Liu prächtig bewältigte. Im Allegro-Teil war feinstes Zusammenspiel zu vernehmen. Highlight der Darbietung war jedoch der letzte Satz. Ein launiger Satz, ein heitereres b-Moll dürfte kaum woanders zu finden sein.

Bruce Liu spielte als Zugabe ein reizvolles Arrangement des „Tanzes der vier kleinen Schwäne“ aus Tschaikowskis Schwanensee.

CBSO Liu © rabaukenhai-Reinhard-A-Deutsch

Sehr gut gelangen nach der Pause Mussorgskys Bilder einer Ausstellung in der kongenialen Ravel’schen Orchestrierung. Hatte die Solotrompete in der einleitenden Promenade noch kleine Wackler, gefiel insgesamt in diesem Werk das Blech, vor allem das tiefe. Yamada bevorzugt eine schöne Tiefe in der Grundierung der von ihm dirigierten sinfonischen Musik. Und das Orchester klingt so einfach nur gut.

Kazuki Yamada holt oft mit großer Geste Nebenstimmen hervor, die man sonst nicht hört, und das macht das Hören eines sattsam bekannten Werks besonders reizvoll. Toll gerieten hier das Saxophon-Solo im Castello, die Wagnertuba in Bydlo – dieser Teil mit beeindruckender Gravitas vorgetragen – und der Marktplatz von Limoges in sämtlichen Abteilungen des Orchesters. Beeindruckend waren zudem die flehenden Choralteile der Holzbläser im Großen Tor von Kiew, wo übrigens eine der herrlich klingenden „Forever Bells“ (Adrian Spillett) des Liverpool Philharmonic Orchestra zum Einsatz kam.

CBSO Liu © rabaukenhai-Reinhard-A-Deutsch

Eine wunderbar gespielte zarte Zugabe gab es aus dem Nussknacker. Auch schön: Es muss nicht immer Elgars Nimrod sein, wenn ein englisches Orchester zu Gast ist.

Brian Cooper, 12. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

William Walton, Orb and Sceptre, CBSO, Kazuki Yamada Alte Oper Frankfurt, 8. März 2026

CD-Rezension: Bruce Liu, Waves klassik-begeistert.de, 30. November 2023

Fazıl Say und das CBSO Alte Oper Frankfurt, 18. Mai 2025

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