Wieso wird Otello vom Kriegshelden zum Frauenmörder?

Giuseppe Verdi (1813-1901), Otello, Dirk Kaftan Dirigent  Theater Bonn, Opernhaus, 22. März 2026 

George Oniani, Simone Piazzola © Bettina Stöß

Der italienische Regisseur Leo Muscato hat schon mehrere Opern in Bonn inszeniert. Mit “Otello” von Giuseppe Verdi bringt er allerdings zum ersten Mal ein Drama auf die dortige Bühne. Er verlegt die Geschichte in den Zypernkrieg von 1974 und gibt damit dem Zerfallprozess von Otellos Seele einen zeitgemäßen Hintergrund. Durch seine durchdachte Personenführung gelingt dem Regisseur eine fesselnde Darstellung dieses Dramas.

Giuseppe Verdi (1813-1901)
OTELLO
Dramma lirico in vier Akten (Libretto von Arrigo Boito)

Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Beethoven Orchester Bonn

Bonner Opernchor (Einstudierung: André Kellinghaus)

Inszenierung: Leo Muscato           
Bühne: Federica Parolini
Kostüme: Silvia Aymonino

Theater Bonn, Opernhaus, 22. März 2026

von Jean-Nico Schambourg

Wieso wird Otello vom Kriegshelden zum Frauenmörder? Um dies zu erklären, verlegt der italienische Regisseur Leo Muscato die Geschichte in den Zypernkrieg von 1974 und gibt damit dem Zerfallprozess von Otellos Seele einen zeitgemäßen Hintergrund.

Otello ist ein Außenseiter. Dafür bedarf es keiner schwarzen Hautfarbe wie in der Originalgeschichte von Shakespeare. Otello ist zwar Führer und Held, aber von Anfang an sieht man, dass der Krieg seine Spuren bei ihm hinterlassen hat. Bei der Liebesszene mit Desdemona im ersten Akt bricht er im letzten Moment moralisch zusammen und fängt an zu weinen. Dieses Kriegstrauma erklärt auch seine späteren Zweifel, sein unsicheres Auftreten, seine cholerischen Wutausbrüche und seine Gewaltaktionen gegen seine Geliebte.

Desdemona ist in dieser Inszenierung Kriegsfotografin. Sie ist hier nicht wie so oft gezeigt die blonde, zärtliche, etwas naive Ehefrau. Auch sie erlebt die dunklen Seiten des Krieges direkt mit: gleich zu Beginn, die Angst um den geliebten Mann, der in den Kampf gegen den Feind gezogen ist, später die Trauer der Frauen und Kinder, die ihre Männer und Väter im Krieg verloren haben. Mit Fotos aus friedlicheren Zeiten glaubt sie Otello beruhigen zu können. Lange sucht sie die Schuld für Otellos Gewaltausbrüchen bei sich selbst.

Der Femizid ist in “Otello”, wie so oft auch in der Realität, voraussehbar. Allerdings unternimmt, wie im reellen Leben, niemand aktiv etwas dagegen. Wenn Otello seine Frau vor den Augen aller Anwesenden demütigt und ohrfeigt, sind zwar alle schockiert, drehen sich aber weg. Der Regisseur Muscato unterstreicht dieses Wegschauen, indem er die Sänger einzeln beleuchten lässt.

Kathryn Henry, George Oniani © Bettina Stöß

Jago ist die Personifizierung des absoluten Bösen. Er ist der Strippenzieher in dem Komplott gegen Otello. Dabei ist es ihm egal, welche andere Personen auf der Strecke bleiben. Er braucht eigentlich nur die Schwächen von seinem Vorgesetzten auszunutzen, um seine Rache durchzuführen.

Alle anderen Personen haben in dieser Geschichte nur eine Statistenrolle und werden von Jago wie Schachfiguren zur Realisierung seines Planes bewegt. Sie ergreifen keine eigene Initiative, um das Unheil, was sie sehen kommen, abzuwenden. Sie benehmen sich wie reine Befehlsempfänger und verschwinden in der anonymen Masse.

Die Kostüme von Silvia Aymonino tragen zur visuellen Deutung der allgemeinen und persönlichen Konflikte bei. Alle Soldaten und Soldatinnen haben beige Militäruniformen. Nur Otello und Lodovico, der Gesandte des Vaterlandes, tragen andere Farben. Lodovicos weiße Uniform kann als Zeichen der absoluten Obrigkeit und Macht gedeutet werden. Otello ist den ganzen Abend als Außenseiter in Schwarz gekleidet.

Die Bühne von Federica Parolini besteht vornehmlich aus einem von drei Mauern abgegrenzten Hof mit Blechtüren, in den von der Seite abwechselnd verschiedene Zimmer hineingeschoben werden, wie zum Beispiel Otellos Büro, Desdemonas Dunkelkammer, beider Schlafzimmer. Dies erlaubt eine stets fließende Handlung in abwechselnden Bühnenbildern und versetzt das Publikum in eine reale und beängstigende Atmosphäre.

George Oniani feiert an diesem Abend sein Rollendebüt als Otello. Er passt stimmlich und szenisch perfekt in die Vision des Regisseurs. Sein Otello ist kein Stimmprotz. Im Gegenteil, eine gewisse Zerbrechlichkeit klingt in der Stimme mit. Im Laufe des Abends stößt der Tenor manchmal an seine stimmlichen Grenzen. Alle Töne sind vorhanden, werden aber besonders in den Höhen öfters unter Druck produziert. Aber genau diese vokalen “Fehler” passen zu dem Bild, das man hier von Otello erhalten soll.

Dass der Sänger seine Stimme ansonsten beherrscht, beweist er in seiner Schlussszene, die er auf schöner ruhig gesungener Linie ausführt. Auch mögen einige kleine Huster und Räusper Zeichen sein, dass der Tenor an diesem Abend nicht in totaler gesundheitlicher Topform ist. Nichtsdestotrotz zeichnet er an diesem Abend ein sehr gelungenes Rollenportrait.

Rollendebüt und Europadebüt feiert an diesem Abend die amerikanische Sopranistin Kathryn Henry als Desdemona. Sie nennt eine gute lyrische Sopranstimme ihr Eigen, die sie vor allem in ihrer großen Szene im letzten Akt dem Bonner Publikum vorstellen kann.

GP Otello 50 © Bettina Stöss

Simone Piazzola findet den richtigen Ausdruck für Jagos Sprechgesang. Mit relativ hellem, aber festem Bariton setzt er die Bosheit und Falschheit von Jago meisterlich um.

Alle Sänger passen stimmlich und szenisch perfekt in das Regiekonzept von Leo Muscato, sodass diese Premiere, auch Dank des großartigen Einsatzes des Bonner Opernchores (Einstudierung: André Kellinghaus), ein großer Erfolg ist.

Dieser ist natürlich auch zu großen Teilen der musikalischen Leitung von Dirk Kaftan zuzuschreiben. Vom ersten Ton an holt er alles aus den Musikern des Beethoven Orchester Bonn heraus. Ob krachende Pauken, auftrumpfende Blechbläser oder sanft lyrische Holzbläser und Streichinstrumente, jede musikalische Phrase darf der Zuhörer voll genießen. Dabei hebt der Dirigent immer wieder einige der Schönheiten von Verdis Partitur besonders hervor.

Das Bonner Publikum spendet großen Applaus für diesen gelungenen Opernabend, der szenisch und musikalisch ein echter Leckerbissen ist, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Jean-Nico Schambourg, 23. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Budapest Festival Orchestra, Éva Duda Dance Company, Iván Fischer Opernhaus Bonn, 27. September 2025

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