Mit diesem „Rosenkavalier“ hat sich Christian Thielemann selbst noch einmal übertroffen

Richard Strauss, Der Rosenkavalier, Christian Thielemann, André Heller  Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. März 2026

Christian Thielemann© Matthias Creutziger

Es war eines jener Musiktheatererlebnisse, die so singulär sind, dass sie unvergesslich in die Geschichte eingehen. Ohnehin ist Christian Thielemann als Strauss-Dirigent unübertroffen, jeder „Rosenkavalier“ unter seiner Leitung ist fulminant, ob nun vor 20 Jahren an der Deutschen Oper Berlin oder später in Baden-Baden oder Dresden. Kein anderer Dirigent unserer Zeit kommt da auch nur annähernd heran. Das ist meine Bilanz nach rund 40 Aufführungen dieser Oper in meinem Leben.

Richard Strauss
Der Rosenkavalier

Komödie für Musik in drei Aufzügen (1911)

Musik von Richard Strauss
Text von Hugo von Hofmannsthal

Musikalische Leitung: Christian Thielemann

Inszenierung: André Heller

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. März 2026

von Kirsten Liese

Aber nun, in der von mir besuchten zweiten Berliner Festtagsaufführung an der Staatsoper, ging die Magie über alles bislang Erlebte noch einmal hinaus. Im Sport würde man von einer persönlichen Bestleistung sprechen, denn nur sich selbst kann der geniale Dirigent Thielemann noch übertreffen.

Es geht hierbei um hauchfeine Nuancen bis hinein in kürzeste Phrasen mit wenigen Tönen, die unterschätzen mag, wer die Partitur nicht in ihren kammermusikalischen Finessen ergründet so wie beispielhaft im Moment allseitiger Verlegenheit, wenn Octavian nicht länger verdrängen kann, sich zwischen der Marschallin und Sophie entscheiden zu müssen. „Ich weiß gar nicht …“, setzt er an und die sich im Verzicht übende Marschallin entgegnet im Flüsterton „Ich weiß auch nix“ –  und nach einem Takt Generalpause „gar nix“.

Der Partitur nach geht es dann weiter mit dem Gänsehaut-Terzett „Hab mir’s gelobt“ im dreifachen Pianissimo, aber an diesem Abend beansprucht die im Saal hängende Ratlosigkeit ihren Raum, wird es gefühlt eine Minute noch einmal ganz still im Saal, bevor der Kapellmeister dazu den Einsatz gibt. Herzklopfen stellt sich ein, niemand im Saal wagt zu atmen, fast wirkt es aus dem Moment heraus improvisiert, als wenn die drei trefflichen Protagonistinnen, die ihre Rollen vollendet durchleben, das brauchten, um eines der magischsten Terzette, die je geschrieben wurden, in all ihrer Schönheit so empfindsam anstimmen zu können.

Jeder im Saal ließ sich davon infizieren, und natürlich von der filigranen Zerbrechlichkeit, gepaart mit Noblesse, die der Zauberer Thielemann der Berliner Staatskapelle verordnete.

Weitere solche farblich-dynamischen Wechsel auf engstem Raum ließen sich – um das Pferd von hinten aufzuzäumen – in den fünf Takten vor der Wiederaufnahme des träumerischen Schlussduetts erleben, wenn Thielemann die verzückte Stimmung des verliebten jungen Paars in der Überleitung zu den Worten Faninals „Sind halt aso, die jungen Leut“ auflöst, um die Musik verlangsamt in ein sehr leises, fahles Piano für das finale, melancholisch angehauchte „Ja, ja“ der Marschallin zu überführen. Ein unwiederbringlicher Moment, wie er nur live im Theater unter einem genialen Dirigenten zu haben ist.

Traumbesetzung

Nicht aber nur mit seinem Orchester hat sich Thielemann in die tiefsten, sublimen Gefilde einer Musik begeben, die mozartische Leichtfüßigkeit mit rauschhafter Walzerseligkeit verbindet, sondern zugleich eine Besetzung zusammengestellt, die sich aktuell nicht besser denken ließe.

Ich bin sehr verwöhnt, habe zahlreiche exzellente Marschallinnen auf der Bühne erlebt, darunter zahlreiche, die die Partie unter Christian Thielemann sangen. Allen voran Renée Fleming erinnerte mit ihrer Vornehmheit in Stimme und Auftreten 2009 in Baden-Baden an so legendäre Silberfürstinnen wie Elisabeth Schwarzkopf oder Lisa della Casa. Dem entgegen standen in jüngerer Zeit Bestrebungen anderswo, die Partie jünger zu besetzen, schließlich ist die Marschallin der Handlung nach eine Frau von höchstens 32 Jahren.

Julia Kleiter steht irgendwo dazwischen, bringt reife Überlegenheit in ihre Rolle ein, nimmt ihr aber mit helleren stimmlichen Färbungen etwas von der Damenhaftigkeit einer Grande Dame über 50.

Von intimer Zartheit ist ihr Sopran und von kristalliner Klarheit in den Monologen „Kann mich auch an ein Mädel erinnern“ und „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding‘“, die sie bei alledem textverständlich singt, nachdenklich über die schwindende Begehrlichkeit einer Frau im fortschreitenden Alter räsoniert.

Nikola Hillebrand singt wie zuvor schon in Dresden eine Bilderbuch-Sophie mit ihrer schwerelosen, strahlklaren Höhe und dem großen Liebreiz ihres Soprans, den es für ätherische Höhen wie in den Duetten „Wie himmlische, nicht irdische, wie Rosen vom hochheiligen Paradies“ und „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“ braucht.

Noch kein Begriff war mir bislang die Dritte im Bunde der Soprane, Patricia Nolz, die mit dem erotisch anmutenden Timbre ihres schlank geführten, großen Mezzos und ihrer exquisiten Rollengestaltung an Größen wie Brigitte Fassbaender, Christa Ludwig oder Sophie Koch erinnert, zudem in die schwärmerische Hosenrolle Leidenschaft, Charisma und komödiantisches Talent einbringt.

Auch die tragikomische Note kommt in dieser Einstudierung nicht zu kurz, für sie sorgt an erster Stelle Peter Rose, dem Partien von älteren Schwerenötern wie auf den Leib geschrieben scheinen, wie zuletzt schon in „Der schweigsamen Frau“ zu bemerken. Als Baron Ochs gibt er nicht zuletzt eine so grandiose Vorstellung, weil er, mittlerweile im Alter von 65 Jahren (!) mühelos auf einem schier endlos anmutenden weiten Atem sein sich über vier Takte ziehendes tiefes E mit profundem Bass singt.

Bei aller Delikatesse in den intimen, leisen Stellen kommt die Wucht in den groß angelegten Szenen nicht zu kurz. Mit allergrößter Präzision musiziert Thielemann mit Chor und Orchester der Berliner Staatsoper, stets dicht im Kontakt mit der Bühne, zudem waltet unter seinen Händen noch an den komplexesten Stellen Transparenz und Durchhörbarkeit.

Aus dem übrigen soliden Ensemble kleinerer Partien ragt Christa Mayer mit ihrem agilen Mezzo als Intrigantin Annina heraus.

Den Berliner Festtagen, die Daniel Barenboim vor 30 Jahren gründete, beschert die einmalige Produktion zum Jubiläum den erhofften Glanz, und Christian Thielemann die ideale Plattform, um Osterfestspiele, die nach einer glorreichen Ära von zehn Jahren in Salzburg unfreiwillig ein abruptes Ende nahmen, fortzusetzen.

Kirsten Liese, 1. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Julia Kleiter
Baron Ochs auf Lerchenau: Peter Rose
Octavian: Patricia Nolz
Herr von Faninal: Roman Trekel
Sophie: Nikola Hillebrand
Jungfer Marianne Leitmetzerin: Daniela Köhler
Valzacchi: Karl-Michael Ebner
Annina: Christa Mayer
Ein Sänger: Andrés Moreno García
Haushofmeister und ein Wirt: Stephan Rügamer

Festtage 2026 Richard Strauss Der Rosenkavalier, Christian Thielemann Staatsoper Unter den Linden Berlin, 31. März 2026

Buchbesprechung: Christian Thielemann, Richard Strauss  Ein Zeitgenosse klassik-begeistert.de, 23. September 2024

Richard Strauss, Capriccio, Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann Salzburg, Großes Festspielhaus, 31. Juli 2024

4 Kommentare zu „Richard Strauss, Der Rosenkavalier, Christian Thielemann, André Heller
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. März 2026“

  1. Zu Ihrer Kritik des „Rosenkavalier“ – ich bin leider nicht in dieser Vorstellung in Berlin gewesen. Lebe seit 11 Jahren in der Nähe von München. Bin selber „Baujahr“ 1943.
    Ich bin Berlinerin, mein Mann war Stimmführer der 2. Violinen des Orchesters der Deutschen Oper. Er freute sich jedes Mal, Herrn Thielemann bei einer Vorstellung einer Strauss- oder Wagner-Oper, besonders beim „Tristan“, zu erleben.
    Ich glaube, das beruhte auf Gegenseitigkeit.
    Jedenfalls habe ich Ihre Kritik mit Begeisterung gelesen.
    Ein frohes Osterfest wünsche ich und bin
    mit freundlichen Grüßen
    Gisela Grabe

  2. Liebe Kollegin Liese!

    Zu Peter Rose. Es freut mich über Peter Rose so Gutes zu lesen. Es kommt auf die Abendverfassung an. Ich hatte vor neun Jahren in der Wiener Staatsoper nicht das Glück. Nur 50% der Ochsen schafften an meinen Abenden die Tiefe. Baron Ochs und Sir Morosus gehören auch zu den tiefsten Basspartien. Wirklich verlässlich erlebte ich nur Michael Eder, Günter Missenhardt, Manfred Jungwirth, Kurt Rydl und Kurt Moll.
    Mit lieben Grüßen

    Lothar Schweitzer

    1. Lieber Kollege,

      aus früheren Jahren würde ich noch Karl Ridderbusch dazu zählen wollen und natürlich den famosen Otto Edelmann, den ich aber leider nur aus Videoaufzeichnungen kenne.
      Aber in der Tat: Roses Leistung im fortgeschrittenen Alter ist wirklich beachtlich. Er hielt auch verdient hohen Beifall.

      Frohe Ostern, Kirsten Liese

      1. Liebe Kollegin Liese!

        Karl Ridderbusch habe ich leider in dieser Rolle nie gehört. Otto Edelmann hat mimisch sehr übertrieben gespielt. Ich hörte in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre alternierend als Baron Ochs auf Lerchenau Oskar Czerwenka und Otto Edelmann. Bei Otto Edelmann merkte man, dass er stimmlich ein Bassbariton war. Und dann kam Ende August in Frankfurt die Saisoneröffnung mit dem „Rosenkavavalier“. Gleichzeitig feierten meine Kolleginnen und ich den Abschluss unsrer Ferialpraxis als PharmaziestudentInnen bei den Höchstwerken. Da erlebte ich bei Manfred Jungwirth zum ersten Mal das tiefe C bei der Verabschiedung von der Feldmarschallin im 1. Akt.

        Lothar Schweitzer

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