Parsifal Erl, Jamez McCorkle © Xiomara Bende
Nach nicht einmal zwei kompletten Spielzeiten der Jonas-Kaufmann-Intendanz ist der Erler Parsifal zu einem Leuchtturm der Parsifalszene aufgestiegen. Dieser Parsifal war ein magischer musikalischer Genuss, an dem sich die Konkurrenz in Wien, München und Dresden messen sollte. Einzig die leblose Regie konnte auch in der Wiederaufnahme nicht überzeugen.
Richard Wagner, Parsifal
Musik und Libretto von Richard Wagner
Orchester und Chor der Tiroler Festspiele Erl
Dirigent: Asher Fisch
Regie: Philipp M. Krenn
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Sebastian Kranner, Anne Elisabeth Holste
Bühnenbild: Heike Vollmer
Kostüme: Regine Standfuss
Licht: Stefan Schlagbauer
Video: Thomas Achitz
Tiroler Festspiele Erl, Festspielhaus, 2. April 2026 PREMIERE
von Johannes Karl Fischer
Wien, München, Dresden: Die Qual der Wahl prägt die Suche nach einem Osterparsifal 2026. Doch abseits des üblichen Großstadtwahns findet man im Tiroler Erl eines der zauberhaftesten Erlebnisse der Wagnerwelt. Hier duftet die Luft noch nach holden Karfreitagsauen, vor malerischen Bergkulissen kann man Parsifals Pilgerwanderung zur Festspielanfahrt gratis dazunehmen. Premiere – natürlich – ausverkauft.
Pape erteilt eine Gurnemanz-Lehrstunde
Stimmlich findet sich mittlerweile die Spitzenklasse der Opernszene am Ufer des Inns ein. Allen voran war René Papes omnipotente Bass-Stimme als Gurnemanz nochmal ein deutliches Upgrade der letztjährigen Besetzung. Seine Textverständlichkeit zeigte sich als Lehrbeispiel des klassischen Operngesangs, die Monologe schmetterte er klar und kommandierend in den Saal. Ein musikalischer Orator Perfectus. Immer wieder holte er an musikalischen Höhepunkten mit seiner Stimme aufs Neue aus, Stellen wie „O Gnade!“ spürte man wortwörtlich im Saal resonieren. Auch im dritten Aufzug starteten seine schier unermüdbaren Kräfte kraftvoll durch, als würde er mit jeder Silbe den heiligen Speer herrschaftsbewusst über Parsifals Haupt schwingen lassen.

McCorkle mit überzeugendem Rollendebüt
Gegenüber dem vielleicht erfahrensten Sänger seines Fachs – man erinnere sich an René Papes Salzburger Sarastro-Debüt mit Sir Georg Solti 1991 (!) – machte auch Jamez McCorkle in seinem Rollendebüt als Parsifal deutlich auf seine Stimme aufmerksam. Mit glühender Leidenschaft stürzte er sich in die Partie, sauber strahlten seine Melodien von der Bühne. Ein bisschen wie ein Liedsänger segelte er durch Wagners schwärmende Musik, mit viel Liebe zum Gesang und regiebedingt wenig Schauspiel holte er das Publikum in den musikalischen Bann dieser einzigartigen Klangwelt und zeigte sich rollentreu kämpferisch gegenüber Kundry.
Apropos Kundry … Ricarda Merbeth bot in dieser fast unsingbaren, irgendwo zwischen Mezzo und Sopran oszillierenden Rolle eine weitere Sensationsleistung. Mit musikalisch passendem Biss setzte sie ihre Noten furchtlos in Musik. Ihre Stimme brillierte in allen vielschichtigen Lagen und fesselte die Gralsritter und das Publikum mit jedem Ton ihres dominierenden Gesangs. Glänzend zeigte sie sich auch von ihrer schauspielerischen Seite, jeder Blick und jede Bewegung ihrer Kundry wirkte durchdacht und wirkungsvoll!

Große und kleine Partien brillant besetzt
Michael Nagy zeigte sich als bewährter wie souveräner Amfortas. Sein bärenstarker, ausdrucksvoller Bariton belebte diese manchmal etwas langatmige Partie und haute das Publikum mit seinen lamentierenden Monologen regelrecht um! Falk Struckmann ließ seine röhrende Stimme Titurels Töne wie ein auferstehender Wotan aus dem Grab des Gralskönigs empor steigen. Auch Audun Iversen zeigte sich kämpferisch als Klingsor. Sein Stimme war ordentlich mit dem bösen Zauber seiner Partie gefüllt und stand einem rollentechnisch deutlich präsenterem René Pape um nichts nach.
Nur was soll uns diese Regie sagen?
Philipp Krenns Inszenierung hatte schon im Premierenjahr nicht wirklich umgehauen und konnte auch in der Wiederaufnahme nicht überzeugen. Eigentlich sollte man ja einer Regie mindestens eine zweite Chance geben, allerdings wirkte das statische Bühnenbild diesmal fast schon leblos.

Personenregie war kaum vorhanden. Im zweiten Aufzug waren auf die weiße, abstrakte Riesenrequisite ein paar bunte Farben geklatscht, was das alles bedeuten soll, bleibt unklar. Die Rahmenhandlung – Parsifal pilgert zum Tiroler Festspielhaus – ist ja ganz nett, ein wirkliches Konzept war hier nicht ersichtlich. Was uns der Regisseur mit diesem Kunstwerk eigentlich sagen will? Das weiß wohl selbst die weltweiseste Kundry nicht.
Eine im wahrsten Sinne des Wortes gemischte Bilanz bot das Orchester unter der Leitung von Festspiele-Chefdirigent Asher Fisch. Zwar starteten die ihre Einzelstimmen eigentlich sehr gut spielenden Musiker mit stolzem Blechklang in das Vorspiel, doch wurden im Verlauf des Abends die Koordinationsprobleme zwischen Bühne und Orchester immer zahlreicher und die Tempi immer undifferenzierter. Insbesondere im dritten Aufzug schien Fisch die Melodien eher zu überfliegen als auszuspielen, anderswo geriet das Orchester fast schon ins Schleppen. In Ordnung, ja, allerdings nicht in einer Klasse mit dem Gesang.
Trotzdem verließ man diesen wohl einzigartig verzaubernden Parsifal-Abend wie verwandelt. Zum heiligen Ostern gehört auch ein allerheiligster Parsifal! Man muss übrigens nicht bis nächstes Jahr waren: Für diesen Ostersonntag gibt’s noch Karten.
Johannes Karl Fischer, 3. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Parsifal: Jamez McCorkle
Gurnemanz: René Pape
Amfortas: Michael Nagy
Titurel: Falk Struckmann
Klingsor: Audun Iversen
Kundry: Ricarda Merbeth
Richard Wagner, Parsifal Tiroler Festspiele Erl, 17. April 2025
Zweite Halbzeit Tiroler Festspiele Erl, 5. bis 28. Juli 2024 Tiroler Festspiele Erl
Ich kenne zwar diese Aufführung nicht, verstehe aber nicht, warum die erwähnten und im Bildmaterial erkennbaren Mängel als beiläufig abgetan werden, während schon im Begriff Musik-Theater mindestens 50% des Gesamteindrucks der Bühne und der Regie zuzuschreiben sind. Mir scheint zur Zeit nur die in der nächsten Saison abgesetzte Inszenierung von Stölzl an der Dt. Oper Berlin, die ich am Karfreitag zum 3. Mal eindrucksvoll erlebte, auf die um sich greifende Entweihung des Bühnenweihfestspiels zu verzichten.
Gerd-Uwe Dastig