Dirigent Philippe Herreweghe, Gewandhausorchester ©
Urheberrecht: Michiel MC Hendryckx – Gent © Michiel Hendryckx
„Ein musikalisches Erlebnis, das mit Sicherheit unvergesslich bleibt“ schreibt ProArte, der Konzertveranstalter, auf seiner Seite und soll damit recht behalten.
Johann Sebastian Bach (16851750)
Matthäus-Passion BW 244
Chor & Orchester des Collegium Vocale Gent
Philippe Herreweghe Leitung
Guy Cutting Evangelist (Tenor)
Florian Boesch Jesus (Bariton)
Grace Davidson Sopran
Johanna Ihrig Sopran
Alex Potter Countertenor
Benno Schachtner Countertenor
Samuel Boden Tenor
Florian Sievers Tenor
Mikhail Timoshenko Bariton
Florian Störtz Bassbariton
Philipp J. Kaven Bariton
Elbphilharmonie, 2. April 2026
von Iris Röckrath
Wieder einmal zeigte sich, dass die Elbphilharmonie genau der Raum ist, in dem diese geniale Musik mit kleinem barocken Orchester, bestehend aus nur 24 begnadeten Musikern und Musikerinnen mit alten Instrumenten, und kleinem sensationell singenden vereinten Chor- bzw. Solistenensemble, die unglaublichste intensivste Klangschönheit erzeugen kann.
Bei all dem Getöse in der Welt um uns herum ist es ein wunderbares Ritual, für 3 Stunden in die wunderschöne sacrale Musik von Johann Sebastian Bach eintauchen zu dürfen und dabei komplett abzuschalten.
Das Geheimnis der Aufführung lag in ihrer Bescheidenheit und der spirituellen Tiefe. Alle Mitwirkenden spürten die Aussage der Passion, dadurch lag eine intensive Stimmung in der Luft. Die Chöre klangen ruhig, leise, unaufdringlich, deutlich atmend, kleine Akzente setzend, bis hin zu großen Bögen, die zentralen Choräle, die Stimmen der Gemeinde, wurden jeweils noch verstärkt durch einen kleinen Frauenchor und wirkten daher besonders feierlich und gemeinschaftlich.
Am Gründonnerstag in Hamburg war alles aus einem Guss. Am liebsten würde ich mich direkt in den Zug nach München setzen, um die Aufführung heute noch einmal erleben zu dürfen. Meine Seele wurde zutiefst berührt. Die Tragik der Alt-Arie „Erbarme dich“, die zu den wunderbarsten Stücken auf Erden gehört, hier intensivst interpretiert von dem sensationellen Countertenor Alex Potter gemeinsam mit der Konzertmeisterin Christine Busch, war ob ihrer Schönheit kaum zu ertragen. Da liefen die Tränen einfach so über die Wangen.
Schöner kann man das Werk nicht aufführen. Ergriffenheit, Demut, eine tiefe Verbeugung vor allen Ausführenden, die dieses Ereignis möglich gemacht haben.
Wie oft habe ich schon Dirigenten gesehen, die mit ausladenden Bewegungen Orchester und Chor zusammenbringen und sich mit großer Geste durch das Werk arbeiten.
Philippe Herreweghe braucht nur kleinste Bewegungen mit den Händen, um das Werk zu modellieren. Es war so angenehm, zuzusehen, wie er das ganze Stück über fast drei Stunden mit minimalen Hand- oder Arm-Bewegungen zusammen hielt und aus seinem Ensemble einen Klang herauszauberte, der seinesgleichen sucht.
Zur von Florian Störtz wunderbar vorgetragenen Bass-Arie „Mache dich, mein Herze rein“ trat er sogar ins Orchester hinein als wenn er die Hoffnung auf Auferstehung in der Musik mitgeben wollte.
Selten habe ich einen so intensiv gestaltenden Evangelisten gehört, wie Guy Cutting. Die Partie erfordert ein hohes Maß an Schlichtheit, da sie ja „nur“ erzählen soll. Dieser großartige Sänger lebt, was er spricht: geheimnisvoll, feierlich, ausdrucksstark immer ganz dicht am Text. Dabei nie aufdringlich, sondern zurückhaltend mit fließendem klar klingendem tenoralen Glanz. Während seiner Worte „da kam Jesus mit ihnen zu einem Hofe, der hieß Gethsemane“ war ich mit meinen Gedanken bei meinem ersten Besuch am Gründonnerstag in Jerusalem an ebendiesem Ort vor einigen Jahren.

Eine Traumbesetzung war auch Florian Boesch als Jesus. Er trug stimmlich und vom Ausdruck her die ganze Tragik mit Trauer, Wut, Dramatik, Spannung und Vertrauen in das, was kommen wird.
Florian Sievers’ schöne Tenorstimme floss mit durchgehender Linie durch die Arie „Geduld“ und packte mit besonderen Akzenten „falsche Zungen stechen“ und „Schimpf und Spott“.
Engelsgleich geriet die Arie „Ich will dir mein Herze schenken“, die von der Sopranistin Grace Davidson sehr zurückhaltend mit reinstem Ton vorgetragen wurde.
Der Bariton Mikhail Timoshenko darf hier auf keinen Fall fehlen. Seine markante warme dunkle Stimme im Rezitativ „Der Heiland fällt vor seinem Vater nieder“ sowie anschließender Arie verbindet Text und Musik auf außergewöhnliche Weise durch starke Ausdruckskraft.
Die Solisten und Solistinnen traten für ihre Arien jeweils aus dem Chor hervor und fügten sich anschließend wieder hinein. Dadurch verschmolz es immer wieder zu einer musikalischen Einheit des gesamten Ensembles.
Bravo bravissimo möchte ich laut rufen für jeden einzelnen Musiker. Die Transparenz, die Leichtigkeit und die Farbigkeit des Klangs waren schlicht phänomenal. Die Klangwelt, die hier entstehen konnte, zeugte von musikalischer Intelligenz jedes Einzelnen.
Bemerkenswert, dass nicht nur das Ensemble als Ganzes glänzte, sondern in den Solostellen jeder einzelne Musiker brillieren konnte.
Von mir aus hätte das Stück am Ende noch einmal von vorn beginnen können. Ich könnte es in Dauerschleife, insbesondere in dieser Interpretation, weiter hören.
Iris Röckrath, 3. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at