© Wiener Konzerthaus / Andrea Humer
Gustav Mahler steht nicht nur in Österreich (vor allem in Wien) auf den Spielplänen der Konzertveranstalter, sondern weltweit. Jeder Dirigent, der auf sich hält, dirigiert eines von den symphonischen Werken des genialen Komponisten des Alpenlandes an der Donau. Das geht dann manchmal so weit, dass noch sehr junge Dirigenten an Mahlers Werken scheitern.
Der Geist des Komponisten hat dies bisher überlebt. Sogar ein reifer Stardirigent scheitert manchmal an allzu gigantischen Vorbildern.
Gustav Mahler Symphonie Nr. 9 in D-Dur
Wiener Philharmoniker
Dirigent Sir Simon Rattle
Wiener Konzerthaus, 16. April 2026
von Herbert Hiess
Dieser Artikel ist in der mir sonst unbeliebten „Ich-Form“ verfasst; er ist kein Review im klassischen Sinne, sondern viel mehr eine Reminiszenz, da ich dieses Werk mit vielen persönlichen Erinnerungen verbinde.
Vor knapp 33 Jahren, also am 4. März 1993 gab es in Wien das allererste Konzert von Sir Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern. Ich erinnere mich sehr genau an die allererste Probe im Wiener Musikverein, wo Sir Simon extrem nervös und schweißgebadet vor der Tür zum Podium stand und wartete, dass er den Orchesterraum betreten konnte. Hochgradig angespannt, als ob man ihn in einen Löwenkäfig schicken würde.
Das Schicksal will es, dass er bei dieser Konzertserie ebenso wie am 16. April Gustav Mahlers 9. Symphonie dirigierte. Und mehr als 100
Mahler-9- Konzerte (inkl. Tourneekonzerten) später spielten die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker wieder dieses Mammutwerk.

Man muss sich vorstellen, dass hier mittlerweile zwei bis drei Generationen Orchestermusiker im Orchester spielen. Nun hat sich die aktuelle Generation geändert. Spielte man früher mit Herz und Seele und fast leiblicher Interpretation, hat mittlerweile immer mehr die Spieltechnik Platz gegriffen. Unbenommen, dass die Damen und Herren Musiker technisch mehr als ausgefeilt spielen; leider ruft das vielmehr nur Bewunderung als Ergriffenheit hervor. Also eine von Herz zu Herz gehende Interpretation kann man mittlerweile nur selten bis gar nicht mehr erleben.
So auch im Wiener Konzerthaus beim ersten Konzert dieser Konzertserie. Ich nahm meinen Platz ein und wartete auf das, was kommen mag.
Man muss wissen, dass das ca. 80-minütige Mammutwerk nicht nur geistig, sondern auch körperlich sehr anstrengend ist. Und die Aufgabe des Dirigenten ist es, das Orchester so zu lenken, dass akustisch ein gesamter spiel- und interpretatorischer Eindruck entsteht. Der sollte so sein, dass er auf ewig beim Hörer in Erinnerung bleiben soll.
Nicht so gestern im Wiener Konzerthaus. Sir Simon betrat den Konzertsaal mit dem ihm eigenen Lächeln. Erwartungsvoll harrte man da der Dinge und hoffte auf eine richtungsweisende Darstellung dieses gewaltigen Werkes.
Hoffte ich auf eine seltene Sternstunde war ich nach diesen 80 Minuten eher frustriert. Höchstens nur eine Handvoll der Musiker spielte 1993 dieses Werk. Interessanterweise wird diese neunte Symphonie äußerst selten gespielt; sie ist nicht so ein Publikums-„Reißer“ wie beispielsweise die 2. („Auferstehung“) oder gar die 8. („Symphonie der Tausend“).
Da sind Orchester und Dirigent gefordert, mit technischer Perfektion als Grundgerüst, diesen großen Bogen über die vier Sätze zu spannen.

Rattle versteht es zumindest, den Tempoanweisungen und den geforderten Nuancen seitens des Komponisten umzusetzen. Vor allem beim „Landler“, dem zweiten Satz. Da kamen nach den Tanzrhythmen (hervorragend hier die Holzbläser und Hörner) gleich die als „täppisch und sehr derb“ bezeichneten Teile, die von den Streichern dominiert wurden. Auf gleiche Weise der dritte Satz, die „Rondo-Burleske“. Da hörte man mehr als beeindruckend die Virtuosität des gesamten Orchesters.
Ein Ereignis waren die Streicher im Hauptthema des vierten Satzes. Dieser Satz ist eigentlich vom ersten bis zum letzten Takt ein großer Bogen, von Anfang bis zum Schluss ein gewaltiges „Morendo“ (Anm.: So viel wie „ersterbend“). Perfekt und beeindruckend gespielt der Anfang dieses vierten Satzes bis zum nächsten Teil mit Streichertremolo und Fagott.
Ab da verlor Rattle leider sehr oft den Faden. So perfekt alles gespielt wurde; die Übergänge waren irgendwie recht verkrampft – letztlich verpasste der Maestro hier das „Große Ganze“.
Schade, ansonsten wäre es ein Ereignis gewesen.

Bekannt eigenwillig ist die Akustik des großen Konzerthaussaales; es müsste jedoch bekannt sein, dass hier die Bläser (Holzbläser und vor allem Blechbläser) sehr dominieren. Hier verpassten Dirigent und Orchester die Abstufungen. So wurde nach einer leisen oder verhaltenen Sequenz bei Einsatz der Bläser dieser Teil oftmals „zugedeckt“. Auch das trübte das Erlebnis.
So war das Fazit nur eine anständige Aufführung – leider nicht mehr.
Und ich verließ das Konzert und schon nach ein paar Minuten beim Erreichen der U-Bahnstation war die Erinnerung an die Philharmoniker und Rattle hier bei Mahler völlig verblasst.
Sehr schade, ich hätte mir von dieser Produktion weit mehr erwartet.
Nun hoffe ich doch, dass man bei der nächsten Serie wieder auf das „alte“ Niveau zurückkommt. Nicht zu vergleichen mit Abbado, Bernstein, Haitink und vor allem Herbert von Karajan mit den Berlinern.
Dieses Mal konnte Rattle nicht annähernd an diese Giganten heranreichen.
Herbert Hiess, 18. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Symphoniker, Vladimir Jurowski, Dirigent Konzerthaus Wien, 9. Jänner 2025
Auf den Punkt 85: Sir Simon Rattle Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll Elbphilharmonie, 21. März 2026