Archiv Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann © Stephan Rabold
Es wundert nicht, dass man beim Lesen von Reviews über Christian Thielemann eine Art von Langeweile verspürt – denn sie sind immer hymnisch. Im Wiener Musikverein hat er Sonntagabend hören lassen, wie sehr er mit dem für ihn neuen Orchester harmoniert. Das untermauert seine Genialität vor allem in Sachen Richard Strauss.
Richard Strauss: Acht Orchesterlieder
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 6 in F-Dur, op. 68 “Pastorale”
Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel „Egmont“, op. 84
Julia Kleiter, Sopran
Konstantin Krimmel, Bariton
Staatskapelle Berlin
Dirigent: Christian Thielemann
Musikverein Wien, 19. April 2026
von Herbert Hiess
Die Monate April, Mai und Juni bedeuten für Rezensenten Monate der Schwerarbeit; man könnte fast täglich irgendwelche Veranstaltungen besuchen. Und in Wien ist es wie im Schlaraffenland. Wie die „Milchreisberge“ dort, kommt man da im Klassiksektor mit der Auswahl der besten Veranstaltungen kaum nach.
Da die Qualität dabei höchst unterschiedlich sein kann, muss man sich trotzdem die „Rosinen rauspicken“.
So auch bei Thielemanns einzigem Konzert diese Saison in Wien, wo er erstmals die Staatskapelle Berlin präsentieren konnte.
Das Orchester, das er seit der Saison 2024/25 leitet, ist – ähnlich wie in Wien bei Staatsopernorchester und Wiener Philharmoniker– die Konzertformation des Orchesters der „Staatsoper unter den Linden“.
Bewundernswert, wie Maestro Thielemann in relativ kurzer Zeit einen Klangkörper allererster Güte formte, wie das Konzert im Wiener Musikverein hören ließ.
Begonnen hat es mit Richard Strauss-Liedern, wo der Maestro auf gewohnte Art in den Klängen des Komponisten schwelgte; die Lieder sind auch berauschend instrumentiert – und das hörte man bei jedem einezelnen Lied.
Die Sopranistin Julia Kleiter und der Bariton Konstantin Krimmel konnten nicht unterschiedlicher sein. Versuchte Frau Kleiter jedes Lied zu interpretieren, machte ihre relativ schwache aber wunderschöne Stimme ihr einen „Strich durch die Rechnung“, da man sie kaum hörte, obwohl Thielemann das Orchester lautstärkenmäßig fast minimalistisch erklingen ließ. Einer der Höhepunkte war das Lied „Morgen“ (Und morgen wird die Sonne wieder scheinen), das tiefe Ergriffenheit erzeugte. Meisterhaft dabei der Konzertmeister an der Violine und die Harfe.

Ganz anders der Bariton Konstantin Krimmel. Im Gegensatz zu Frau Kleiter verfügt er über eine mehr als sonore Stimme und diese war auch deutlich über dem Orchester zu hören. Was Frau Kleiter wunderbar interpretierte, war Herrn Krimmels Sache nicht. Manchmal hatte man das Gefühl, dass er eher eine Verordnung vortrug, als gesanglich über die Werke zu sinnieren. Bei aller Bescheidenheit – das gilt es noch zu lernen, denn die Strauss-Lieder leben hauptsächlich durch Interpretation.

Ludwig van Beethoven hat Wien zu seinem Lebensmittelpunkt auserkoren; das merkt man vielen seiner Werke – vor allem an der 6. Symphonie, der „Pastorale“ an.
Wienbesuchern sei es empfohlen, mit der Straßenbahnlinie D bis an die Endstation zu fahren; dort beginnt nämlich der „Beethovengang“ entlang des Schreiberbaches. Informationen darüber sind online zu finden; da werden schöne Spaziergänge präsentiert. Beethoven wurde vor allem für die „Szene am Bach“ inspiriert.
Eine mehr als beeindruckende musikalische Führung durch diese Naturerzählung bescherten uns Thielemann und das Berliner Ensemble. War der Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern nicht sehr beeindruckend, zeigte diese Pastorale ein völlig neues Beethoven-Bild des Komponisten.
Thielemann verstand es, das Werk mit minimalischen Bewegungen zum Erleuchten zu bringen. Großartig die minimalen Rubati und dynamischen Abstufungen. Der zweite Satz, die „Szene am Bach“ war der Höhepunkt des Konzertes. Trotz der Gottseidank nur mittleren Streicherbesetzung (sechs Kontrabässe) rückten die Holzbläser trotzdem manchmal allzu sehr in den Hintergrund. Letztlich tat das der Interpretation keinen Abbruch.
Man darf sich glücklich schätzen, dieses Konzert erlebt zu haben. Und die daran gehängte „Egmont“-Ouvertüre ließ hören, was für dramatische Ausbrüche Dirigent und Orchester hören lassen können.
Ein wahres Klangerlebnis!
Herbert Hiess, 20. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann/Erin Morley Staatsoper Unter den Linden, 5. Juli 2025
Asmik Grigorian, Richard Strauss, Vier letzte Lieder Musikverein Wien, 18. Jänner 2025
„Christian Thielemann steht unangefochten an der Weltspitze der Dirigenten“
Eine mehr als kühne Behauptung und dazu noch unzutreffend.
Dass Herr Thielemann in diesem oder jenem Repertoire ganz oben dabei, ja hrvorragend ist, kann nicht bezweifelt werden. Jedoch muss er die Weltspitze doch mit mehreren Kollegen teilen. Besonders derjenige, den die Berliner Philharmoniker ihm vorgezogen haben, behauptet sich souverän ganz ganz oben.
Abgesehen von Geschmacksfragen, Hörgewohnheiten und andere Faktoren, die bei einem Dirigenten ins Gewicht fallen, ist es doch allein den weiteren Künstlern gegenüber sehr unhöflich, einen einzigen so absolut an die Spitze zu definieren………
DI Waltraud Becker