Ks. Ina Schlingensiepen, Badischer Staatsopernchor © Felix Grünschloß
Trotz des großen Erfolges bei der Uraufführung 1829 an der Mailänder Scala und der darauffolgenden Eroberung der Opernbühnen Europas und der ganzen Welt verschwand die Oper “La Straniera” von Vincenzo Bellini ab Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts in der Vergessenheit.
Auch vereinzelte Aufführungen in den letzten Jahrzehnten ließen das Melodramma nicht mehr an seinen Anfangserfolg anknüpfen. Raritätenjäger können jetzt dieses Werk in einer halbszenischen Aufführung in Karlsruhe erleben. Unter der Leitung von Attilio Cremonesi erbringt das Ensemble des Badischen Staatstheaters eine großartige Leistung, allen voran Ks. Ina Schlingensiepen in der Hauptrolle der Adelaide.
Vincenzo Bellini
LA STRANIERA
Melodramma in zwei Akten (Libretto von Felice Romani)
Musikalische Leitung: Attilio Cremonesi
Inszenierung & Austattung: Tobias Ribitzki
Badische Staatskapelle
Badischer Staatsopernchor (Einstudierung: Ulrich Wagner)
Badisches Staatstheater Karlsruhe, 19. April 2026
von Jean-Nico Schambourg
Viele Handlungen von Opern sind verwirrend und schwer zu verfolgen. Das Melodramma “La Straniera”, komponiert von Vincenzo Bellini nach einem Libretto von Felice Romani nach dem Roman “L’Étrangère” (Die Fremde) von Victor d’Arlincourt, gehört sicherlich in dieser Kategorie zu den Spitzenreitern.
Um dem Publikum den Abend zu erleichtern, entschied sich das Badische Staatstheater Karlsruhe für eine halbszenische Aufführung, die durch eine begleitende Moderation, geschrieben von Regisseur Tobias Ribitzki, den Zuhörern die nötigen Erklärungen gibt. Vorgetragen werden die mit manchem Augenzwinkern gespickten Kommentare von Ks. Matthias Wohlbrecht, der nebenbei noch den Fiesling Osburgo singt.
Adelaide, in Wirklichkeit Königin Agnese, die zweite Frau des französischen Königs Filippo, lebt zurückgezogen und inkognito am See von Montolino, nachdem der König vom Papst gezwungen wurde, zu seiner ersten Frau Isemberga zurückzukehren.
Von den Einheimischen wird sie argwöhnisch als Fremde betitelt und als Hexe bezeichnet. Nur Herzog Arturo ist ihr verfallen, obschon er sich mit Isoletta, der Tochter des Herrn von Montolino, vermählen soll. Adelaide weist Arturos Liebesbekundungen zurück, auch wenn sie selbst Gefühle für ihn hegt. Ihr Bruder Leopoldo, als Baron Valdeburgo getarnt, rät ihr mit ihm fortzuziehen. Arturo, der glaubt in Valdeburgo einen Rivalen um die Liebe Adelaides zu haben, verletzt diesen in einem Duell und stößt ihn in den See. Als Adelaide enthüllt, dass es sich um ihren Bruder handelt, springt Arturo in den See, um ihn zu retten. Das herbeigeeilte Volk findet Adelaide allein mit dem blutigen Schwert Arturos und Osburgo bezichtigt sie des Mordes.
Adelaide, die ihre wahre Identität noch immer nicht preisgeben will, soll vor Gericht zum Tod verurteilt werden. Da erscheint Arturo und erklärt er selbst sei der Mörder von Valdeburgo. Dann erscheint plötzlich auch der totgeglaubte Valdeburgo, der die Verletzung und den Sturz überlebt hat.
Arturo erklärt sich bereit Isoletta zu heiraten, wenn Adelaide ihm bei der Hochzeit beisteht. Doch er flieht vor dem Altar und schwört Adelaide seine ewige Liebe. Da kommt die Nachricht vom Tode der Königin Isemberga. Adelaide ist also wieder zur Königin Agnese ernannt. Arturo erkennt die Ausweglosigkeit seiner Liebe und ersticht sich, was Agnese in den Wahnsinn verfallen lässt.

Wie so oft in der Oper hätte also ein einziges Wort das tödliche Drama vermeiden können. Aber hätte Adelaide ihre wahre Identität preisgegeben, hätten wir auf zweieinhalb Stunden wunderbarer Melodien von Vincenzo Bellini verzichten müssen.
Die Uraufführung am 14. Februar 1829 an der Mailänder Scala war ein riesiger Erfolg. Die Oper wurde schnell in Europa und in der ganzen Welt aufgeführt, ehe sie dann Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts in der Versenkung verschwand und auch heute noch nur sehr selten aufgeführt wird.
Somit ist es dem Badischen Staatstheater hoch anzurechnen, diese Rarität wieder auf der Opernbühne zu präsentieren, und zwar in der italienischen Originalfassung. Im Jahre 1837 war das Werk bereits einmal in Karlsruhe aufgeführt worden, allerdings in einer deutschen Übersetzung.
Bei dieser halbszenischen Aufführung ist das Hauptaugenmerkmal natürlich auf die Musik gerichtet. Nichtsdestoweniger erweist sich die Personenführung von Tobias Ribitzki als sehr effizient bei der Erzählung der wirren Handlung. Die Figuren haben klare emotionale Konturen und mehr Rampensingen als bei vielen vollszenischen Inszenierungen gibt es auch hier nicht. Eine breite Treppe im hinteren Teil der Bühne erlaubt nicht nur das Positionieren des Chores wie im Konzert, sondern ist auch Bestandteil des Bühnenbildes, das durch Naturfotos im Hintergrund atmosphärisch gestaltet wird.
Die Badische Staatskapelle spielt im Graben, der allerdings angehoben wurde, sodass man die Musiker bei der Ausführung besser beobachten kann. Unter der Leitung von Attilio Cremonesi erfüllt das Orchester seine ihm von Bellini zugedachte Rolle des Begleiters der Sänger ausgezeichnet. In den reinen Instrumentalpassagen trumpft das Orchester mit rundem Klang auf und zeichnet die jeweilige Atmosphäre sehr gut aus.
Letztendlich steht bei der Musik von Vincenzo Bellini aber immer der Gesang im Vordergrund. Dass die Sänger der Aufführung alle dem Ensemble des Badischen Staatstheaters angehören, zeugt von dessen hohem Niveau.
Besonders hervorzuheben ist natürlich Ks. Ina Schlingensiepen in der Rolle der Adelaide. Sie meistert alle Schwierigkeiten ihrer Partie und weiß sowohl in den ekstatischen als auch in den elegischen Teilen ihrer Rolle zu brillieren. Dank ihrer gut geführten Stimme füllt sie Bellinis lange Melodiebögen mit Leben und meistert auch die Spitzentöne problemlos.

Ihr zur Seite steht Jenish Ysmanov als unglücklich verliebter Arturo. Dessen Partie ist zwar anspruchsvoll, verweilt aber in großen Teilen in der Mittellage der Tenorstimme. Das Timbre von Ysmanov passt sehr gut zu dem melancholischen Charakter des Arturo. Auch die Wutausbrüche des Verliebten weiß Ysmanov musikalisch gut umzusetzen.
Ks. Armin Kolarczyk gestaltet mit hellem Bariton und viel Gefühl im Ausdruck Valdeburgo, den Bruder von Adelaide. Florence Losseau zeigt in ihrer Arie und in ihren kurzen Auftritten ihren flexiblen Mezzosopran. Liangliang Zhao gefällt in seinen wenigen Sätzen als Priore mit klangvollem Bass.
In schwarzem Kleid und Anzug gekleidet singt der Badische Staatsopernchor einstudiert von Ulrich Wagner in dieser halbszenischen Aufführung mit der Partitur in der Hand und erledigt seine Aufgabe mit höchster Professionalität.
Für Bühnenbild und Kostüme wurde der Regisseur anscheinend im Fundus des Staatstheaters fündig. Es wäre zu wünschen, dass auch diese Oper von Vincenzo Bellini von einer musikalischen “Nachhaltigkeit” profitieren könnte. Der starke Applaus des Publikums zeigt auf jeden Fall dessen Gefallen an diesem Werk und an der großartigen Leistung aller Beteiligten.
Jean-Nico Schambourg, 20. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Vincenzo Bellini, Norma Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 16. April 2025
Vincenzo Bellini, I Capuleti e i Montecchi Opéra Royal de Wallonie-Liège, 20. Mai 2024
Vincenzo Bellini, LA SONNAMBULA Opéra Royal de Wallonie-Liège, 24. Januar 2023
Cavalleria rusticana/Pagliacci Badisches Staatstheater Karlsruhe, 8. Dezember 2024