Foto: Julie Rossland (c) Ole Wuttudal
Auf zu einem erfrischend unterhaltsamen Kurztrip in die reizvollen Musikgefilde Skandinaviens!
5nachsechs Afterwork-Konzert: Skandinavische Romanze
Programm:
Jean Sibelius En Saga op.9
Johan Svendsen Romanze für Violine G-Dur op. 26
Geirr Tveitt Hundred Hardanger Tunes op. 51
Johan Svendsen Norwegische Rhapsodie Nr. 3 op. 23
Julie Røssland Dirigentin
Jacques Forestier Violine
Die Bremer Philharmoniker
Bremer Konzerthaus Die Glocke, 22. April 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Das Format der etwa 75 Minuten dauernden „5nachsechs Afterwork-Konzerte“, das für ein nicht ausschließlich klassik-affines Publikum konzipiert ist, erfreut sich längst außerordentlicher Beliebtheit.
Umso mehr, wenn es diesmal unter dem Motto „Skandinavische Romanze“ um Musik aus Finnland und Norwegen geht, Ländern also, deren Bewohner nachweislich zu den glücklichsten der Welt zählen. Dass das Orchester dabei in zumeist zivilem Outfit aufspielt, bedeutet indes keineswegs, dass man im Hinblick auf den Einsatz weniger engagiert als bei „großen“ Konzerten zur Sache ginge. Was sich im Übrigen auch schwerlich umsetzen ließe bei einem Werk wie „En Saga“ von Sibelius, bei dem der volle Einsatz des Orchesters gefordert ist.
Faszinierende Bilder und gemütvolle Idylle
Unter der präzisen, äußerst umsichtigen Stabführung der noch jungen, aber für ihr außergewöhnliches Talent bereits mehrfach preisgekrönten norwegischen Dirigentin Julie Røssland geht es dunkel, dissonant los, mit kraftvollen Bassmotiven der Bläser über zarter Streichergrundierung, die frappant an das Plätschern eines Baches erinnert. Das zunehmend dramatischer werdende, in weit gespreizter Dynamik vorgetragene Geschehen (streckenweise sind deutliche Anklänge an Sibelius‘ sinfonische Dichtung „Finlandia“ erkennbar) mit kurzen folkloristischen Einschüben verebbt zum kaum noch hörbaren Pianissimo.
Faszinierende Bilder werden generiert, wie aus längst vergangenen Zeiten, von gewonnenen oder verlorenen Schlachten, von grenzenloser Tristesse, vom Werden und Vergehen. Welche „Saga“ er seiner Komposition zugrunde gelegt haben mag, hat Sibelius niemals verraten, wie Røssland bei ihrer lockeren Moderation angemerkt; es sei vielmehr den Zuhörern überlassen, sich ihren eigenen Fantasien und Höreindrücken zu widmen.
Andere, merklich bedächtigere, hochromantische Töne schlägt, besser noch: streicht der junge Geiger Jacques Forestier an mit der Romanze op. 26 des Norwegers Johan Svendsen. Forestiers Tongebung erfolgt unschwülstig und klar, mit niemals übertriebenem Vibrato empfindsam verfeinert. Es ist kein Baden in ausgeprägt schwärmerischen Klängen, eher eine angenehm gemütvolle, serenadenhafte Idylle unmittelbar zugänglicher Musik, mit groß angelegtem Spannungsbogen, der durch die optimal austarierte Orchesterbegleitung zusätzlich unterstützt wird. Auch dieses, die Herzen berührende Werk endet pianissimo entschwindend wie im Nichts.

Vom Weinfass-Plopp und einem tapsigen Prahlhans
Zum hierzulande zumeist unbekannten, gelegentlich etwas schrullig auftretenden norwegischen Komponisten Geirr Tveitt hat Røssland auch einige Anekdoten parat; etwa, dass Besagter dereinst seine Steuererklärung in Runenschrift verfasst habe. Vor allem aber habe er Volksmusik aus der Hardanger-Region gesammelt und sie in seinen zahlreichen Kompositionen verwendet.
Fünf Titel werden vorgetragen: „Seid herzlich willkommen“, „Flöten der unterirdischen Nymphen“, „Klagelied über ein leeres Branntweinfass“, „Altnorwegische Bauernharfe“ und „Lied des Prahlhans“. Die episodischen Titel sprechen für sich, die Musik ist in ihrer bildhaften Darstellung problemlos nachvollziehbar. Etwa wenn an das leere Weinfass geklopft wird und ein letzter Plopp am Spundloch die Leere bestätigt; die Bauernharfe wird in langen Pizzikato-Partien von Harfe und Saiteninstrumenten hörbar; der Prahlhans kommt ungestüm polternd daher – um schließlich mit einer tapsigen Bewegung mit lautem Getöse das Tischtuch samt sämtlichem Geschirr zu Boden zu reißen. Witzig und humorvoll ist diese Musik, heiter und unbeschwert, wenngleich immer auch ein bisschen melancholisch angefärbt. Unter Røsslands engagierten Dirigat wird sie von den enthusiastisch aufspielenden Bremer Philharmonikern mitreißend temperamentvoll präsentiert.

Das gilt auch für Svendsens „Norwegische Rhapsodie Nr.3“, die sich verschiedener Melodien und Motiven aus der norwegischen Volksmusik bedient. Auch hier überzeugt die gefühlvolle Ausführung, der gelungene Wechsel zwischen ausgelassenem Frohsinn und nachdenklichen, schwermütigen Momenten, die letztlich doch in einer unterhaltsamen Unbeschwertheit im orchestralen Tutti-Fortissimo als große Geste enden.
Das Publikum im ausverkauften Glockensaal spendet begeisterten Beifall für den erfrischend abwechslungsreichen Kurztrip in skandinavische Musikgefilde.
Worauf das Orchester zum allgemeinen Vergnügen noch einmal gänzlich unprahlerisch, aber selbstbewusst Tveitts „Prahlhans“ als Zugabe intoniert.
Dr. Gerd Klingeberg, 23. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at