Stefan Geiger © Stefan-Geiger.com
Anton Bruckner, 9. Sinfonie
Landesjugendorchester Bremen
Stefan Geiger Dirigent
Bremer Konzerthaus Die Glocke, Ostersonntag, 5. April 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Gut siebzig ambitionierte junge Musizierende im Alter von etwa 13 bis 25 Jahren haben sich auf der Bühne der Glocke positioniert. Sie alle haben einen Großteil ihrer Osterferien für intensive Vorbereitungen genutzt, um jetzt, zum bereits vierten Mal an aufeinanderfolgenden Tagen (nach Hambergen, Verden und Uelzen) auf einer veritablen Tour de Force mit Bruckners Neunter einen sinfonischen „Achttausender“ zu bezwingen. Klingt einigermaßen vermessen, wenn …, ja, wenn es da nicht mit Stefan Geiger einen gleichermaßen erfahrenen wie motivierenden „Bergführer“ gäbe, der als langjähriger künstlerischer Leiter des Landesjugendorchesters Bremen sehr wohl in der Lage ist einzuschätzen, ob das Ensemble einer derartigen Aufgabe gewachsen ist.
Andachtsvolles Misterioso und tsunamische Kaventsmänner
Dass dem so ist, beweist sich bereits bei der eingangs äußerst behutsam angegangenen Streichergrundierung und dem durchaus heiklen, aber gänzlich ohne „glücksspiralige“ Kiekser sauber erfolgenden Hornmotiv: ein grandios inszeniertes Misterioso mit Bruckner-typischem Aufwallen.
Andachtsvolle Breite und voluminöse hymnische Dichte wechseln sich ab in weitgestreckter Dynamik. Das Orchester übernimmt prompt jede einzelne Angabe von Geigers großgestischem, jedes Detail des Werkes berücksichtigendem Dirigat. Den opulenten Blechbläserfanfaren begegnen die Streicher mit heftigem Bogeneinsatz. Die wie entfesselt anmutenden Fortissimo-Partien donnern wie tsunamische Kaventsmänner durch den Saal. Da mag (was indes allenfalls bei sehr genauem Hinhören feststellbar ist) mancher Einsatz, mancher Abschlag nicht immer millisekunden-homogen erfolgen. Aber, um beim Eingangsbild zu bleiben: ein klitzekleiner Ausrutscher gefährdet noch längst nicht den erfolgreichen Aufstieg!

Satz 2, ein zunächst scheinbar heiteres, doch schnell ins Ironische abkippende Scherzo, imponiert mit aufgeregt schnellen, präzisen Pizzicato-Sequenzen, die sich auswachsen zu martialisch hämmerndem Höllentanz. Geiger geht voll ins Tempo; Rücksichtnahme ist bei dem jungen Ensemble weder angebracht noch notwendig. Das durchweg engagierte Spiel bringt den ausgeprägten Kontrast des Trios mittig im Satz dazu umso besser zur Geltung.
Elegischer Abschied von der Welt
Schließlich das Adagio, mit Bruckners Vorgabe „langsam und feierlich“. Der von den Streichern zu Beginn intonierten, wie ein schmerzlicher Ruf anmutenden kleinen None folgt elegisch Feierliches, angereichert mit viel Blechbläserpathos. Lange Steigerungsphasen gipfeln wiederholt in geradezu bedrohlich ohrenbetäubend donnernden Tutti-Fortissimos; dazwischen lassen Generalpausen zumindest für einen sehr kurzen Moment durchatmen, sorgen aber zugleich für eine Fortführung des sehr weit angelegten Spannungsbogens in diesem, sich über nahezu eine halbe Stunde erstreckenden Satz. Das sehr einfühlsam vorgetragene, zunehmend resignierend ruhige, dann ersterbende Pulsieren am Ende wirkt wie der stille Abschied von dieser Welt.
Bekanntermaßen hatte Bruckner eigentlich noch einen 4. Satz angedacht und ihn in Teilen sogar bereits komponiert, konnte ihn aber vor seinem Tod nicht beenden. Nach dieser außerordentlich fesselnden Aufführung entsteht indes nicht der Eindruck, hier müsse noch etwas kommen. Der Gipfel ist erreicht, der Abstieg gelungen. Das Landesjugendorchester Bremen hat wieder einmal eine auf ganzer Linie überzeugende Leistung geboten. Chapeau!

Und auch ein großes Kompliment fürs Bremer Publikum, darunter auch eine Vielzahl junger Zuhörer: Zwischen den Sätzen keinerlei Beifall, am Schluss sehr geduldiges Warten, bis der Dirigent die Arme ganz nach unten genommen hat. Und erst dann begeisternd jubelnder, lang anhaltender Beifall.
Dr. Gerd Klingeberg, 6. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
NDR Elbphilharmonie Orchester, NDR Percussion, Simone Rubino, Stefan Geiger, Elbphilharmonie Hamburg
Raphaela Gromes & Julian Riem “Fortissima” Sendesaal Bremen, 15. März 2026