Das MusikTheater an der Wien präsentiert ein barockes Wunder

Leonardo Vinci Alessandro Nell’Indie  MusikTheater an der Wien, 21. April 2026

Fotos: Alessandro nell’Indie  © Marco Sommer

Der Komponist Leonardo Vinci schuf mit dieser Opern-Produktion eine Weiche für das damalige wie das heutige  Publikum. Es war bestechend, wie fünf Countertenöre in den drei Akten auf der Bühne das Geschehen übernahmen. So was war in Wien in dieser Form und in dieser Qualität noch nie zu hören!

Leonardo Vinci
Alessandro Nell’Indie

Dramma per musica in drei Akten
Libretto von Pietro Metastasio
Österreichische Erstaufführung

Alessandro: Maayan Licht
Poro: Dennis Orellana
Cleofide: Bruno de Sa
Erissena: Jake Arditti
Gandarte: Stefan Sbonnik
Timagene: Nichola Tamagna

Max Emanuel Cencic, Regie

Arnold Schoenberg Chor
{oh!} Orkiestra

Martyna Pastuszka, Dirigentin/Konzertmeisterin
Koproduktion mit Bayreuth Baroque Opera Festival

MusikTheater an der Wien, 21. April 2026

von Herbert Hiess

Mit dem Gewinner des Eurovision-Songcontests 2025 Johannes Pietsch zeichnete sich deutlich ab, auf welchem überaus gehobenen Level sich mittlerweile die Countertenöre befinden. Man erinnere sich noch an Countertenöre wie Paul Esswood oder Jochen Kowalski, der 1986 – also vor 40 Jahren – eine Ausnahmeerscheinung war, wie in der grandiosen Produktion von Georg Friedrich Händels „Giustino“ an der Wiener Volksoper damals eindrucksvoll zu hören war.

So perfekt beispielsweise diese zwei Sänger gesungen haben; man hörte doch noch einen männlicher „Stimmanteil“.

Das Theater an der Wien schaffte den Clou, diese einzigartige Produktion von Leonardo Vincis „Alessandro Nell’Indie“ vom Bayreuth Baroque Opera Festival ins Repertoire aufzunehmen und lieferte für das Wiener (und auch österreichische) Publikum ein Musikerlebnis, das man lange nicht vergessen wird.

Dazu kommt noch die geniale Regie von Max Emanuel Cencic; selbst ein gefeierter Countertenor, der schon oft im Theater an der Wien auftrat.

Musikgeschichtliche Relevanz hat auch der Uraufführungsort Rom im Jahre 1730. Im Kirchenstaat waren Frauen in der Musik verpönt; provokant gesprochen hatten Frauen keine „menschliche Stimme“. Da blieb nichts anderes übrig als die Frauenrollen mit Kastraten zu besetzen.

Alessandro nell’Indie  © Marco Sommer

Heutzutage besteht die Möglichkeit, männliche superb ausgebildete Stimmen für Frauenrollen einzusetzen.

Und das ist bei dieser Produktion mehr als gut gelungen. Die einzig männliche Partie ist der großartige Tenor von Stefan Sbonnik, der die Rolle des Gandarte mehr als eindrucksvoll darstellte – die Arie „Se viver non poss’io“ sang er seelenvoll und Gänsehaut erzeugend.

Von den Damenrollen, die unvergleichlich besetzt waren,  ist Bruno de Sá als Cleofide ein sogenannter Knüller; schon allein die Arie „Digli ch’io son fedele“ war den Besuch dieser 4h30 dauernden Aufführung wert.

Und überraschend dabei war, dass alle fünf männlichen Frauenstimmen oft besser sangen als ihre weiblichen Counterparts der internationalen Opernszene. Unglaublich, mit welcher Schönheit vor allem die Soprane Spitzentöne und Koloraturen erklingen ließen.

Alessandro nell’Indie  © Marco Sommer

Um auf die Regie zurückzukommen; Cencic zeigte nur augenscheinlich eine klassizistische Regie; tatsächlich baute er die Aufführung fast revueartig auf. So wurden viele Arien von Balletteinlagen begleitet, die die da Capos von Arien, die oftmals automatisch langatmig werden können, erträglicher machten. Und faszinierend, mit welcher Präzision man hier diese Szenen genießen konnte.

Und an Humor wurde absolut nicht gespart; ein Beispiel dafür war eine plötzliche Parodie der „Traviata“-Arie der Violetta und von „Rigoletto“ das „La Donna e mobile“. Die lange Aufführungsdauer verstrich da wie im Fluge.

Und was wäre dieses geniale Werk Leonardo Vincis mit diesen Spitzensängern ohne einem luxuriösen Klangteppich, wie ihn das polnische Ensemble {oh!} Orkiestra mit dem wenig marketingtauglichen Namen hören ließ. Die Musiker spezialisieren sich auf die „historisch informierte“ Sichtweise, die nicht unbedingt echte barocke Instrumente benötigt, sondern einfach die Spielweise dieser Epoche nachempfindet.

Alessandro nell’Indie  © Marco Sommer

Dirigentin Martyna Pastuszka machte daraus ein Klangfest; sowohl in den markanten Fortepassagen als auch bei den lyrischen Teilen merkte man, wie sehr sich die Damen und Herren mit diesen Werken identifizieren.

Zu guter Letzt muss man erwähnen, dass sich das Theater an der Wien zu Recht den Titel „Bestes Opernhaus des Jahres 2025“ verdient hat.

Nur ein paar hundert Meter weiter darbt die Wiener Staatsoper in ihrer Mittelmäßigkeit dahin. Sich allein auf absurde Regien bei musikalisch oft unterirdischem Niveau zu verlassen – das kann es auf Dauer nicht sein.

Hier sollten die Leute vom Haus am Ring sich das Theater an der Wien als Vorbild nehmen. Dieses edle Haus hat schon lange die Führungsrolle als Wiener Spielstätte von Opern übernommen.

Herbert Hiess, 23. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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