LSO, Pappano, Kozhukin © Oliver Hitzegrad
Das London Symphony Orchestra gastiert mit Werken von Britten, Bernstein und Tschaikowski in Dortmund.
Benjamin Britten (1913-1976) – Sinfonia da Requiem op. 20
Leonard Bernstein (1918-1990) – Sinfonie Nr. 2 „The Age of Anxiety” für Klavier und Orchester
Peter Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) – Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 „Pathétique“
Denis Kozhukhin, Klavier
London Symphony Orchestra
Sir Antonio Pappano, Dirigent
Konzerthaus Dortmund, 1. Mai 2026
von Brian Cooper
Benjamin Brittens War Requiem war erst vor einem Monat in Baden-Baden zu erleben. Seine Sinfonia da Requiem hat auf den ersten Blick nichts damit zu tun, zumal sie ein reines Orchesterwerk ist, aber wie sein groß angelegtes Requiem ist es eine Trauermusik eines zutiefst pazifistisch eingestellten Komponisten. Und genau aufgrund dieser klagenden Grundstimmung sowie der Bezüge zur katholischen Totenmesse wurde die Sinfonia, ein Auftragswerk zum 2600. Jahrestag der Gründung der japanischen Kaiserdynastie, von der dortigen Regierung abgelehnt.
Bei der New Yorker Uraufführung durch John Barbirolli hingegen wurde das dreisätzige Werk im März 1941 (!) mit Begeisterung aufgenommen. Es beginnt mit fulminanten Akkorden und Paukenschlägen, die hier absolut kompromisslos waren, in der Requiem-Tonart d-Moll. Von Anbeginn strömte ein sublimer Orchesterklang des London Symphony Orchestra unter Leitung seines Chefdirigenten Sir Antonio Pappano in den großen Saal des Dortmunder Konzerthauses.
Der Mittelsatz, das Dies irae, erinnert mit einer Art Pferdegetrappel an die Wilhelm-Tell-Reminiszenz in der 15. und letzten Sinfonie von Schostakowitsch, mit dem Britten befreundet war. Tatsächlich lernte ich die Sinfonia da Requiem zuerst durch Simon Rattles Aufnahme kennen, und auf jener CD ist das Werk mit Schostakowitschs 10. Sinfonie gekoppelt.

Die Aufführung lebte von einer Präzision und orchestralen Farbigkeit, die nicht zuletzt durch das Saxophon entstand. Elektrisierte der Mittelsatz das Publikum, bestach der pulsierende Dreiertakt des letzten Satzes durch ganz andere Farben (Flöte, Harfe, exquisite Hörner). Das Ende erinnerte mich an Faurés Requiem und den Schluss von Mahlers vierter Sinfonie.
Leonard Bernstein war ein Genie, als Dirigent wie als Komponist. Seine zweite Sinfonie ist zwar alles andere als easy listening, aber es fasziniert durch eine Mischung aus Sprödigkeit und Wollust, etwa im effektvoll komponierten Schluss, der an das Ende von Ravels Ma mère l’oye in der Orchesterfassung erinnert. Überhaupt gehen einem etliche musikalische Schöpfungen durch den Kopf: von Schönberg und Ligeti über Nino Rota bis hin zum Jazz, den auch Bernstein so perfekt in seine Kompositionen einbrachte. Er war ja auch, neben vielem Anderen, ein Jazzer: Hören Sie nur die Candide-Ouvertüre oder die Sinfonischen Tänze aus der West Side Story.
Oder eben den vorletzten Teil dieses Werks, The Mask. Insbesondere hier glänzte der fabelhafte Denis Kozhukhin, der die ursprünglich vorgesehene Beatrice Rana in der Klavierpartie ersetzte. Denn eigentlich ist diese zweite Sinfonie ein verkapptes Klavierkonzert. Kozhukhin beherrscht die gesamte Anschlagspalette von kraftvoll bis zart. Vom Tablet spielend, wirkte er stets hochkonzentriert, das Zusammenspiel mit dem Orchester war beeindruckend. Besonders unter die Haut ging das Duett der beiden Klarinetten zu Beginn; das sechstönige Motiv zieht sich durch das ganze Werk.

Die ganze Fülle des Lebens ist in Bernsteins Musik enthalten, die Gier nach Leben, die Lust am Leben, und auch wenn sich die zweite Sinfonie dem Titel nach mit der Angst bzw. Verstörung befasst (Vorlage ist das Pulitzer-gekrönte Auden-Gedicht The Age of Anxiety), so enthält es doch erstaunlich viel Heiteres. Mitten im triumphalen Ende schaute mein Nebenmann auf seine Armbanduhr. Noch irritierender war das inzwischen obligatorische Handyklingeln im Saal.
Tschaikowskis Pathétique habe ich oft live gehört, und diese Dortmunder Darbietung des LSO unter Antonio Pappano gehört zu den drei besten meines Lebens, neben dem Mariinsky unter Gergiev in Köln sowie dem New York Philharmonic unter Alan Gilbert.
Der Soloklarinettist des LSO ließ mich in Dortmund im ersten Satz dieselbe Frage stellen wie weiland Anthony McGill vom NY Phil: Wie schafft man es, derart leise zu spielen? Der Saal war unmittelbar vor dem berühmten Schlag, dem losbrechenden Sturm im Kopfsatz, in stiller Andacht verzaubert.
Nie zuvor war mir im zweiten Satz, der vor Charme nur so strotzte, eine Stelle von Pauke und Kontrabässen aufgefallen, die gewissermaßen ein Vorgriff auf das pulsierende Aushauchen jeglichen Lebens im Finale ist. Dessen lange Coda, in der das noch matt pulsierende Herz aufhört zu schlagen, hinterließ Erschütterung.
Und nie zuvor war mir aufgefallen, dass der so vermeintlich heitere Überschwang des Scherzos, dieser vermeintlichen Feier des Lebens, eigentlich ein absolut tragischer Marsch ist, ein Tanz gen Abgrund. Nichts war hier heiter, wiewohl das Orchester derart alle Register zog, dass der auch hier inzwischen fast obligatorische Applaus des Publikums losbrach.
Pappanos Tempi und Zeichengebung – er dirigierte ohne Stab und alle drei Werke mit Partitur – sind exquisit. Er brennt für die Musik, die er dirigiert, und an diesem Abend merkte man das nicht nur in der sattsam bekannten Sinfonie, sondern auch und vor allem in den beiden Werken der ersten Konzerthälfte.

Auffallend ist die Körperlichkeit seines Musizierens, und ein Dirigent dirigiert ja stumm, aber Pappano formt die Musik nicht nur mit seiner ausladenden und inspirierenden Gestik, sondern auch durch seine Mimik. Bisweilen formt er mit seinen Händen eine Klarinette: Prompt achtet man auf das Spiel des Solisten. Und bisweilen scheint er mit seinem Mund förmlich die ihm wichtigen Stellen nachzuzeichnen. Er wirkt wie ein Gourmet, der Köstliches zu sich nimmt. Und köstlich war dieser Abend – trotz der Tragik aller drei Musikwerke. Das zu unser aller Glück sehr reisefreudige LSO bleibt eines der ganz großen Orchester dieser Welt.
Die wunderbar musizierten Zugaben des Abends waren das melancholische In der Kirche aus Tschaikowskis Kinderalbum op. 39 (Denis Kozhukin vor der Pause), sowie die Polonaise aus Eugen Onegin.
Dankbar trat man also die nicht ganz unbeschwerliche Heimreise per Bahn an: „In der Zeit, die man nach Bonn braucht, fährt man von Nürnberg nach Berlin“, so der lakonische Kommentar meiner Begleiterin.
Brian Cooper, 3. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
London Symphony Orchestra, Denis Kothukhin, Sir Antonio Pappano Alte Oper Frankfurt, 30. April 2026
Vilde Frang Violine, London Symphony Orchestra, Sir Antonio Pappano Musikverein Wien, 27. April 2026