Düsseldorf feiert 100 Jahre Jubiläum wie ein Titan!

100 Jahre Jubiläum, Ádám Fischer, Dirigent, Düsseldorfer Symphoniker  Tonhalle Düsseldorf, 8. Mai 2026

Ádám Fischer © Susanne Diesner

Düsseldorfer Symphoniker
Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf

Ádám Fischer, Dirigent

Béla Bartók – Der wunderbare Mandarin – Pantomime in einem Akt op. 19
Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 1 D-Dur “Titan”

Tonhalle Düsseldorf, 8. Mai 2026

von Daniel Janz

Es ist eine ganz besondere Gelegenheit, zu der diesmal in die Düsseldorfer Tonhalle geladen wird. Auf den Tag genau eröffnete heute vor 100 Jahren dieses Konzerthaus, das zunächst auf der Ausstellung „GeSoLei“ (kurz für „Gesundheit, soziale Fürsorge und Leibesübungen“) als eines der weltweit größten Planetarien abertausenden Gästen vorgestellt wurde. Das will natürlich besonders groß gefeiert werden! Kein Wunder, dass begleitet von Medienrummel und mehreren Sonderveranstaltungen zu diesem Anlass auch besonders große Werke erklingen.

Damals wie heute: Béla Bartóks Musik verstört immer noch

Den Beginn macht ein Werk, das wie auch die Tonhalle im Jahr 1926 dem Publikum vorgestellt und nach seiner Uraufführung direkt wieder verboten wurde. Als anstößig, gar sittenwidrig stieß „Der wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók das Publikum vor den Kopf. Tatsächlich ist die Handlung harter Tobak: der namenlose Mandarin verfällt einer Prostituierten und fällt bei dem Versuch, sich ihr zu ermächtigen drei Halunken in die Hände, die ihn ausrauben und dann mehrfach versuchen, ihn umzubringen. Der Mandarin überlebt jedoch diese 3 Mordversuche auf magische Weise, bis seine Angebetete ihn umarmt und er endlich sterben kann.

Ádám Fischer © Susanne Diesner

Was nach schroffem Programm klingt, stellt sich auch musikalisch schroff, in Teilen gar harsch dar. Dieses Werk grenzt konzeptionell fast an szenische Stimmungsmusik. Immer wieder brechen dissonante Schreckmomente hervor. Viele Stellen laden zum Erschaudern ein, während mächtige Schlagzeugeinsätze diese Musik torpedieren, die nie so recht schön klingen will. Es wirkt unversöhnlich, ja in Stellen sogar bewusst furchteinflößend. Und das, obwohl die Komposition auch Momente der Ruhe kennt.

Sehr hervorzuheben sind dabei die Klarinetten, die immer wieder mit ihren melodischen Elementen auffallen und die gänzlich düstere Geschichte auskleiden. Auch das Englischhorn kann gleich mehrere Einsätze zelebrieren. Und trotz der stets brodelnden und in Ausbrüchen endenden Gefahrenstimmung kommen auch Details sehr gut heraus. Harfe, Celesta und Klavier sind bei jedem ihrer sparsamen Einsätze präsent und werden plastisch vom ungarischen Chefdirigent Ádám Fischer (76) herausgearbeitet. Das Schlagzeug spielt heute in der allerhöchsten Liga! Und der Chor hat zwar nur einen kleinen Einsatz, bereichert aber dennoch das Geschehen. Man merkt, Dirigent und Orchester haben dieses Stück vollständig durchdrungen.

Programmatisch erklärt sich die Musik stattdessen nicht unbedingt von selbst. Man muss den Verantwortlichen daher zugutehalten, dass sie zu den einzelnen Szenen auch den Text des Programms an die Wand projizieren. Die Orientierung ist dadurch stets gegeben. So gelingt es auch, diese krude Musik zu einem Erlebnis zu formen, anstatt im Rätselraten zu enden. Vielleicht hätte es nicht ausgerechnet solch ein Werk gebraucht, um ein Jubiläum zu feiern. Aber dass es ein beeindruckendes Ereignis war, wird spätestens zum Ende deutlich, als das Publikum in einen tosenden Applaus ausbricht und das Orchester mit wohlverdientem Jubel in die Pause entlässt.

Mit Mahler reißt ein Titan wirklich alle aus den Stühlen

Auch nach der Pause geben sich Orchester und Dirigent keine Blöße. Mit Mahlers erster Sinfonie folgt ein Werk, dem bis heute der Beiname „Titan“ anhaftet. Ein Stück, das nahezu jedes Mal Garant für einen atemberaubenden Konzertabend ist.

Ádám Fischer © Susanne Diesner

Schon die ersten Klänge gehen ins Extreme. Mit Flageolett-Tönen der Streicher eröffnen die Düsseldorfer Symphoniker eine ganze Welt, die Ádám Fischer mit ihnen im Laufe der Sinfonie bunt auskleidet. Zunächst entfalten sich Naturklänge mit Vogelruf-Motiven. Mit dem Einsatz der Celli beginnt dann jene Phase, die Mahler aus seinem eigenen Lied „Ging heut’ morgen über’s Feld“ entnommen hatte, nur um den Satz am Ende mit einem feurigen Höhepunkt zu beenden. Vom Publikum ernten sie bereits hierfür ganz weltmännisch Applaus, noch bevor der zweite Satz beginnt.

Die Zeichen stehen also auf vollen Erfolg. Geschulten Ohren fallen dennoch ein paar Wermutstropfen auf. Denn wie für die Tonhalle typisch, fällt die Balance der Stimmen wieder einmal unausgewogen auf. Besonders in der Mitte matscht es zu sehr – die Vogelrufmotive der Flöten bleiben sehr leise und im Tutti verschwinden ihre Klänge gar vollständig. Auch die Celli entfaltet erst mit der Zeit ihre Strahlkraft. Dem gegenüber stehen die Hörner, die von Anfang an sehr kräftig sind, zeitweise aber sogar zu laut spielen und dadurch die Streicher verdrängen.

Glücklicherweise bleibt es hier bei Details, die sich im Verlauf von Satz 2 und 3 bessern. Zunehmend stellt sich eine ausgewogene Balance ein, wobei es ein paar Abschläge in der Sauberkeit gibt. Trotzdem gibt es auch nach dem zweiten Satz Zwischenapplaus. Und auch der sehr nuancierte, in Teilen vielleicht etwas gehastete dritte Satz hätte sicher Zwischenapplaus geerntet. Dem beugt Ádám Fischer allerdings vor, indem er ihn mit einem buchstäblichen Knall direkt in den vierten Satz münden lässt.

Dieser Kontrast zwischen den Tieren, die in Satz 3 den Jäger zu Grabe tragen und Orpheus Abstieg in die Unterwelt in Satz 4 ist aber auch immer ein bombastisches Erlebnis. Mit voller Energie sind alle dabei. Die Streicher kitzeln einen Höhepunkt nach dem anderen aus ihren Instrumenten. Das Holz geht in den schrillen Tönen bis an die Grenzen. Trompeten, Posaunen und Schlagzeug sind Garanten für prächtige Klangausbrüche. Und als im Finale die sieben Hörner auch noch von ihren Plätzen aufstehen, ist das Ekstase pur. Kein Wunder, dass es das Publikum anschließend fast geschlossen aus den Stühlen jagt und sie das Orchester begeistert umjubeln.

Ádám Fischer © Susanne Diesner

Für ein Jubiläum war das jedenfalls eine gelungene Aufführung. Auch wenn manch ein Detail noch prägnanter hätte sein können, so hat sich der Besuch auf jeden Fall gelohnt. Für die nächsten Aufführungen lässt das jedenfalls Großes erwarten. So können die nächsten 100 Jahre Tonhalle ruhig kommen!

Daniel Janz, 10. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Das Konzert wird mit identischem Programm am Sonntag den 10. Mai um 11:00 Uhr und Montag den 11. Mai 2026 in der Düsseldorfer Tonhalle um 20:00 Uhr wiederholt. Es gibt noch einige Restkarten.

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