Foto: Kirill Petrenko (c) Stephan Rabold)
Wieder muss man die Virtuosität aller Mitglieder dieses Orchesters bewundern, von denen jeder Einzelne Solistenqualitäten besitzt. Sie zu einem homogenen Klangkörper zu verschmelzen, ist das immer stärker zutage tretende Verdienst Kirill Petrenkos.
Igor Strawinsky: Pulcinella Suite
Peter Tschaikowsky: Variationen über ein Rokoko-Thema
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr.2
Gautier Capuçon, Violoncello
Kirill Petrenko
Philharmonie Berlin, 8. Mai 2026
von Peter Sommeregger
Das Programm dieses Konzertes, mit dem die Berliner Philharmoniker bereits ihr traditionelles Europakonzert am 1. Mai in Eisenstadt absolviert hatten, dem sich noch weitere Gastspiele anschlossen, war durch drei völlig unterschiedliche Werke von besonderer Vielfalt.
Strawinskys launige Pulcinella-Suite mit ihren virtuosen Soli war eine perfekte Einstimmung für den Abend, der bewusst von stilistischen Brüchen bestimmt war. Strawinsky bedient sich für seine Komposition beim Barockkomponisten Pergolesi, findet aber schnell zu einer eigenen musikalischen Sprache, die beim Publikum beste Stimmung erzeugt.
Tschaikowskis Rokoko-Variationen, etwa ein halbes Jahrhundert früher entstanden, sind nicht wirklich Variationen über ein „geliehenes“ Thema, sie sind aber im Stil jener Epoche komponiert. Durchgesetzt hat sich das Werk von Beginn als großartiges Vehikel für einen Cello-Virtuosen, einem solchen, dem Deutschen Wilhelm Fitzenhagen, hatte der Komponist das Werk auch gewidmet.
Für diese Konzertreihe hatte man den Franzosen Gautier Capuçon verpflichtet, den aktuell prominentesten Solisten aller Cellisten. Capuçon wird seinem vorauseilenden Ruf mehr als gerecht, er entpuppt sich als wahrer Klangzauberer auf seinem kostbaren historischen Instrument, im Saal konnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, ehe sich frenetischer Jubel ausbreitete. Der Cellist dankte es dem Publikum mit einer besonderen Zugabe: ausdrücklich widmete er den „Gesang der Vögel“ von Pablo Casals dem Wunsch nach Frieden auf der Welt, ein momentan fast utopischer Wunsch, den er auf Deutsch von seinem Handy ablas.

Letzter Programmpunkt war Beethovens energische 2. Symphonie, entstanden bereits während des Kampfes des Komponisten gegen seine beginnende Schwerhörigkeit. Dem strahlenden D-Dur, dem leuchtenden musikalischen Sonnenstrahl, ist die existentielle Not Beethovens noch nicht anzuhören. Petrenko arbeitet die klaren, klassischen Strukturen deutlich heraus, spitzt sie bis zur Schroffheit mancher Wendungen zu. Wieder muss man die Virtuosität aller Mitglieder dieses Orchesters bewundern, von denen jeder Einzelne Solistenqualitäten besitzt. Sie zu einem homogenen Klangkörper zu verschmelzen, ist das immer stärker zutage tretende Verdienst Kirill Petrenkos.
Zurück bleibt ein begeistertes Publikum. Vor der Philharmonie ist es kühl und regnerisch, aber durch den gerade erlebten musikalischen Hochgenuss fühlt man sich trotzdem leicht und glücklich.
Peter Sommeregger, 9. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Kirill Petrenko dirigiert Wagners „Das Rheingold“ Philharmonie Berlin, 10. April 2026