Der RIAS Kammerchor Berlin zwitschert uns was

Mit den Vögeln singen RIAS Kammerchor Berlin   Kraftwerk Berlin, 8. Mai 2026

Foto: RIAS Kammerchor Berlin 25-26 01 (c) Thomas Koy + Matthias Heyde

Der RIAS Kammerchor Berlin, einer der weltweiten besten Chöre überhaupt, singt a capella außergewöhnliche Stücke an einem außergewöhnlichen Ort: Vogellieder im Kraftwerk Berlin, das früher den Bezirk Mitte mit Wärme versorgte.

 

Mit den Vögeln singen
RIAS Kammerchor Berlin

Justin Doyle Dirigent

Dr. Uwe Westphal Vogelstimmenimitation

Werke von Clément Janequin, Charles Villiers Stanford, Judith Bingham, Thomas Vautor, Edward Elgar, Edward Cowie, Orlando Gibbons, Jacques Arcadelt, Maurice Ravel, Ralph Vaughan Williams, Áine Mallon, Felix Mendelssohn Bartholdy, William Byrd, Gerald Finzi, Manning Sherwin.

 Kraftwerk Berlin, 8. Mai 2026

von Sandra Grohmann

Die Eichenstämme alias Betonsäulen wachsen in den Himmel und tragen ein Blätterdach, das von einer Lichtprojektion auf die Wände und Decke des Kraftwerks Berlin getupft wird. Wir sitzen im Obergeschoss des heute als Konzert- und Ausstellungsraum dienenden Baus, also quasi kurz unter den Baumwipfeln. Hierher sind wir über eine bauhausartig schwebende Treppe gelangt, die zugleich Lichtinstallation ist. Der Raum fasziniert. „Wie eine Kathedrale“, sagt die Nachbarin zu meiner Linken. „Die Kathedrale einer Naturreligion“, spricht die Religionswissenschaftlerin zu meiner Rechten. „Und das in der naturfeindlichsten Umgebung, die die Stadt zu bieten hat.“

 Naturreligion trifft es. Der anbetungswürdige RIAS Kammerchor unter seinem Leiter Justin Doyle füllt den Beton-Eichen-Wald mit den unterschiedlichsten Vogelstimmen. Die zeitgenössische Vogelpredigt hält ein moderner Franz von Assisi, nämlich Dr. Uwe Westphal, der nicht nur Biologe ist – Ornithologen gäbe es viele -, sondern außergewöhnlicherweise um die 130 Vogelstimmen imitieren kann. Bereits im Vorgespräch legt er davon köstliche Proben ab und lässt sich sogar Vogelarten zurufen, deren Gesang er sodann zu Gehör bringt.

 Der RIAS Kammerchor steht dem in nichts nach, auch wenn er weniger spontan agiert. Sein a capella-Programm reicht zeitlich von der Renaissance bis in die Gegenwart. Und ja doch, der Blackbird der Beatles kommt als Zugabe, aber sonst gibt es dankenswerterweise gar keine Schlager, auch nicht den allfälligen Rameau, sondern ausgesuchte unbekannte Perlen der Vogelstimmenliteratur. Thematisch hören wir eine große Bandbreite von Schauerromantik bis zu trockenen, ironischen Anmerkungen (Goethe über die Nachtigall: „sie war entfernt/der Frühling lockt sie wieder/was Neues hat sie nicht gelernt…“ – stimmt ja gar nicht, lehrt uns Dr. Westphal, der Vogel komponiert selbst und lernt alle Jahre was Neues). Sprachlich überwiegt die Zunge des englischen Chefs.

RIAS Kammerchor Berlin 25-26 01 (c) Thomas Koy + Matthias Heyde

 Musik und Gesang sind sanft an diesem Abend. Die zarten Stücke geben Sängerinnen und Sängern aufs Herrlichste Gelegenheit zu zwitschern, zu gurren und zu tirilieren. Lautmalerisch in Text und Ton seit der Renaissance (im Chant des Oiseaux von Clément Janequin: ti, ti, piti, tu dis, que dis-tu? – ti, ti, piti, sagst du – was sagst du?) setzt die Musik noch eins drauf und lässt, etwa in dem nebenbei als „UA“ gekennzeichneten Stück Bellbirds-Aubade von Edward Cowie, nicht nur die Bewohner der Baumkronen vor uns erstehen, sondern bringt gleich noch einige Insekten- und Froschlaute ein.

 Der Chor nutzt dabei die Halle mit der erstaunlichen Akustik aus, teilt sich auf oder schreitet singend durchs Publikum. Dass das künstlerische und sängerische Niveau bis in die absoluten Spitzentöne des Soprans (Esther Tschimpke und Viktoria Wilson mit den Soli im zeitgenössischen Stück Liminal Dawn der irischen Komponistin Áine Mallon) durchgängig hervorragend ist, darf bei diesem Ensemble vorausgesetzt werden. Nicht nur völlig zu einem Klangkörper verschmelzend, sondern auch rhythmisch äußerst präzise füllt es den Raum.

 Wie reich an Bezügen das Programm ist, erläutern Justin Doyle und Dr. Westphal zwischen den Stücken. Daher wissen wir, dass der im Programmheft erwähnte Joachim Ringelnatz in unserem Klangwald durchaus der Königin Elisabeth I. von England unter ihrem Spitznamen Oriana begegnen könnte, während sich die Stücke von Charles Villiers Stanford und Judith Bingham ineinander verschränken. Eulen und Turteltauben, Lerchen und Nachtigallen schwingen sich in die Lüfte, derweil der Schwan auf dem Teich singt, welcher sich zwischen den Galerien des Kraftwerks in schwindelerregenden Kratern aufzutun scheint. Was es mit dem Schwanen-Todesgesang auf sich hat, erfahren wir bei dieser Gelegenheit natürlich auch. Plinius d. Ä. erklärte ihn bereits 44 n. Chr. schlicht zu Quatsch.

https://www.nachgeharkt.de/die-nachtigall/

Gekrönt wird der Abend – dann doch traditionsgemäß – von der Nachtigall. Dass sie als der König der Singvögel gilt, hat mir bei all dem Schlagen zwar noch nie eingeleuchtet – und das wird von Dr. Westphal durch ein ohrenfällig vogetragenes Gedicht einer Biologen-Kollegin amüsant bekräftigt. Aber Justin Doyle berichtet, wie er in der Nachtigallen-Hauptstadt Berlin um Mitternacht herum am Priesterweg erstmals diesem Vöglein lauschen durfte und fasziniert seine Mutter anrief, um sie daran teilhaben zu lassen. (Mich erinnert das an ein Projekt des Berliner Naturkundemuseums, das vor Jahren einmal herausfinden wollte, ob sich der Nachtigallengesang von Bezirk zu Bezirk eigentlich unterscheidet. Wir haben damals andauernd Aufnahmen gefertigt und in der App des Museums gespeichert.)

 Ein faszinierender, künstlerisch-wissenschaftlicher Konzertabend vor restlos ausverkauftem Haus geht zu Ende. Bislang war ich froh, wenn ich die Vögel in meinem Garten halbwegs auseinanderhalten konnte (das setzte ich an diesem Wochenende wieder für die Nabu-Vogelzählung ein: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/stunde-der-gartenvoegel/mitmachen/index.html). Tiefergehend habe ich mich für Ornithologie allerdings nie interessiert und frage mich nun, was ich im Leben noch so verpasst habe.

 Sollten Sie indes das Konzert verpasst und auch für die Wiederholung in Augsburg-Göggingen am Sonntag keine Karte mehr bekommen haben, hören Sie es doch am 12. Mai 2026 um 20 Uhr im Deutschlandfunk Kultur nach (oder in den 30 Tagen danach im Netz oder auf der Deutschlandfunk App).

Am besten, so schlage ich vor, über Kopfhörer bei einem Waldspaziergang. Naturreligion betreibend, sozusagen.

 Ti, ti, piti, tu dis, que dis-tu?

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