Wonjun Kim, Robin Frindt, Natalie Beck, Viktor Aksentijević , Delia Bacher und Almog Aharoni (Photo Andreas Ströbl)
In zahlreichen Opernproduktionen der vergangenen Jahre begeisterten junge Sängerinnen und Sänger aus dem Lübecker Opernstudio das Publikum durch hochprofessionelle und ausgesprochen reife Leistungen. Ihnen allein gehörte am 10. Mai 2026 die Bühne; bei einem zauberhaften Konzert im Mittelrangfoyer des Lübecker Theaters überzeugten sie erneut mit einem bunten Programm, unter anderem aus aktueller und kommender Spielzeit.
Theater Lübeck, Mittelrangfoyer, Konzert für die Gesellschaft der Theaterfreunde Lübeck am 10. Mai 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Eine große Chance für junge Talente
Das Lübecker Opernstudio ist ein gemeinsames Kind des Theaters Lübeck und der Musikhochschule der Hansestadt; gefördert wird es von der Possehl-Stiftung. Die jungen Solisten werden durch ein individuelles Studienprogramm gefördert und begleitet; sie übernehmen meist kleine und mittlere Partien, springen aber auch schonmal ein, wenn eine große Rolle krankheitsbedingt umbesetzt werden muss. Ist das Opernstudio ohnehin ein Sprungbrett in die Professionalität, gerät der Erwerb der Berufspraxis dann mitunter – um in der Metapher zu bleiben – zum Sprung nicht nur ins kalte Wasser, sondern in den Erfolg.
Geleitet wird das Opernstudio durch die renommierte Pianistin und Solorepetitorin Magda Amara, die weltweit auftritt und mit namhaften Solisten und Orchestern zusammenarbeitet. Sie und der Pianist, Cembalist und Korrepetitor Almog Aharoni begleiteten die Sängerinnen und Sänger.
Ein hochaktiver Partner des Lübecker Theaters und damit auch Förderer des Opernstudios ist die 1986 gegründete „Gesellschaft der Theaterfreunde Lübeck e.V.“. Das facettenreiche Theaterleben in Lübeck unterstützt die GTL finanziell und ideell durch Mitgliedsbeiträge, besondere Spenden und außerordentliche Veranstaltungen, wie dem Konzert am 10. Mai.
Eine Stimme überzeugender als die andere
Dass die Sopranistin Natalie Beck mühelos anspruchsvolle Barock-Koloraturpartien meistert, aber auch in der Oper des 19. Jahrhunderts zu Hause ist, beweist sie einerseits mit der Arie „Volate, amori“ aus Georg Friedrich Händels „Ariodante“ und andererseits mit „Saper vorreste“ aus „Un ballo in maschera“ von Giuseppe Verdi. Ihr heller, brillanter Sopran mischt sich mit dem fülligen, warmen Mezzo von Delia Bacher, wenn beide mit hinreißendem Charme die „Barcarole“ aus Jacques Offenbachs „Les contes d’Hoffmann“ zum Besten geben.
Delia Bacher ist ein Phänomen, denn sie schafft es, dass bei „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ aus „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns und „Di tanti palpiti“ aus Gioachino Rossinis „Tancredi“ die Gläser auf den Tischen zu vibrieren beginnen. Hier verbinden sich gesangliche Schönheit und enorme Klangfülle.
Sie singt mit dem Tenor Wonjun Kim das berühmte „Lippen schweigen“ aus „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár. Klar, kraftvoll und absolut höhensicher präsentiert dieser vom selben Komponisten das nicht minder bekannte „Dein ist mein ganzes Herz“ aus „Das Land des Lächelns“. Dass er nicht nur die bekanntlich schwer umzusetzende leichte Muse, sondern auch romantischen Schmelz beherrscht, zeigt Kim mit „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“ von Giacomo Puccini, die am 13. Juni in Lübeck Premiere feiern wird. Dafür am besten jetzt schon Karten sichern!
Viktor Aksentijević ist ein ungemein viriler Bariton, der mit der Arie „Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen“ aus „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss zeigt, dass er auch ein ausgesprochen guter Liedsänger ist. Jedes Wort betont und füllt er inhaltlich angemessen, ohne dabei den natürlichen Fluss zu verlieren. In der „Vision fugitive“ aus Jules Massenets „Hérodiade“ beweist er ein feines Gespür für die sensible Wiedergabe von Leidenschaft und Sehnsucht.

Die beiden Herren sind mit Bassbariton Robin Frindt eine harmonische Einheit in „La mia Dorabella capace non è“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Così fan tutte“. Frindt hat zwar eine Mittelohrentzündung, aber in professioneller Selbstverständlichkeit lässt er seine Mitstreiter nicht im Stich. Großartige Haltung!
Einen humorvollen Abschluss bildet „The Best of All Possible Worlds“ aus Leonard Bernsteins „Candide”. Ob diese Welt die beste aller denkbaren ist, hat schon Voltaire bezweifelt. Unzweifelhaft ist allerdings, dass diese jungen Stimmen einmal aufs Neue die Herzen des Publikums erobert haben. Das entlässt sie nach begeistertem Applaus nicht ohne eine Zugabe und so erklingt „Im Feuerstrom der Reben“ aus Johann Strauß’ „Die Fledermaus“. Stundenlang hat man das nachher noch in den Ohren und denkt mit viel Sympathie und Dankbarkeit an ein zauberhaftes, sehr besonderes Konzert junger Leute mit großen Stimmen.
Wehmütiges „P.S.“: Einige dieser Künstler werden Lübeck bald verlassen, und um Magda Amara zu zitieren – es ist ein bisschen so, als entließe man erwachsen gewordene Kinder in die Welt. Da fließen schonmal die Abschiedstränen, aber man wünscht diesen jungen Talenten von Herzen Erfolg, wo auch immer. Die dürfen aber auch gerne mal wieder zurück nach Hause kommen!
Dr. Andreas Ströbl, 11. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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Alban Berg, Wozzeck, Brigitte Fassbaender Inszenierung Theater Lübeck, 25. April 2026 PREMIERE
Brahms Doppelkonzert, Tanja Tetzlaff und Christian Tetzlaff MUK, Lübeck, 22. März 2026