Romely Pfund dirigiert mit Esprit und Eleganz

Festkonzert Romely Pfund Joseph Haydn, Symphonie Nr. 102  Theater Lübeck, Großes Haus, 9. Mai 2026

Romely Pfund und Orchester Photo Andreas Ströbl

Festkonzert Romely Pfund

50 Jahre auf dem Dirigentenpult – wer eine der ersten Damen mit Taktstock überhaupt am 9. Mai 2026 im Großen Haus des Lübecker Theaters in geradezu jugendlicher Frische erlebte, fragte sich, in welchem zarten Alter sie die Bühne denn zuerst betreten haben mochte. Die überraschende Aufklärung gab sie selbst während des Konzerts.

Joseph Haydn, Symphonie Nr. 102 B-Dur Hob 102
Johanes Brahms, Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a
Leonard Bernstein, Divertimento for Orchestra

Romely Pfund, Dirigentin
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Theater Lübeck, Großes Haus, 9. Mai 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Frühlingsfroher Haydn

Die Hörer der Uraufführung von Haydns Symphonie Nr. 102 im Jahre 1794 dürfte der einleitende singuläre Ton überrascht haben; hier hat der Komponist echtes Neuland betreten. Eine spannungsvolle Unruhe steckt in diesem Largo und seinem Spiel mit reinem Klang und der Entwicklung der Motive. Auch im Vivace mit seinen aufeinanderprallenden Themen ahnen Interpreten und Musikwissenschaftler schon Beethovens Neuerungen.

Romely Pfund dirigiert diese Musik trotz der ernsten Aspekte mit beschwingter Leichtigkeit, zuweilen fast tänzerisch. Die Instrumentengruppen sind dynamisch harmonisch ausgewogen, und von Beginn an ist die Spielfreude bei den Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck sicht- und hörbar; hier stimmt ganz offensichtlich die Chemie.

Im getragenen, etwas schwermütigen Adagio bestechen die Erste Geige von Carlos Johnson und das Cello von Hans-Christian Schwarz durch eine feierliche Feinheit, während das volktanzhafte Menuett in eine munter-unbeschwerte, ja mitreißende Leichtfüßigkeit entführt. Die Lübecker spielen diesen Satz mit anpackender Natürlichkeit, Romely Pfunds Einsätze sind von einer fast zackigen Pointiertheit. Ihre eleganten Handbewegungen sind charakteristisch; wer sie im Gespräch erlebt, dem fällt auf, dass sie auch beim Sprechen gleichsam den Duktus ihrer Worte mit ebendiesen Gesten unterstreicht.

Im beschließenden Finale sprudelt ein frühlingsfrisches Bächlein mit kühlem, bewegtem Wasser durch die grüne Aue; so zumindest mag man diese lebhafte Interpretation assoziieren – wenngleich es dem Festkonzert angemessen gerne perlender Champagner sein darf.

Wohldifferenzierte Haydn-Variationen

Das titelgebende „Thema von Haydn“ stammt übrigens wahrscheinlich gar nicht von ihm, aber er verwendete es in seiner Bläserserenade und machte es bekannt. Sei´s drum – bevor es zu diesem Programmpunkt geht, erklärt Romely Pfund, dass sie bereits mit neun Jahren auf der Theaterbühne stand; ihre Karriere als Dirigentin allerdings begann 1976. Alle Details zu ihrem erfüllten Künstlerleben, ihre prominenten Weggefährten und interessante Anekdoten sind nachzulesen im zweiteiligen Interview mit „Klassik begeistert“ (https://klassik-begeistert.de/interview-kb-im-gespraech-mit-romely-pfund-teil-i-klassik-begeistert-de-6-mai-2026/ und https://klassik-begeistert.de/interview-kb-im-gespraech-romely-pfund-dirigentin-teil-ii-klassik-begeistert-de-7-mai-2026/).

Brahms´ „Opus 56a“ wird ja häufig gespielt, und manchmal gerät das Werk zu einem bloßen Nacheinander der verschiedenen Variationen. Hier aber erklingt jede einzelne so eigenständig und mit individueller Farbgebung, dass man manche Details in ganz neuer Frische wahrnimmt. Es ist ein bisschen so, als sei jede Variation durch ein anderes farbiges Glasquadrat aus einem Gerhard Richter-Fenster beleuchtet.

Mit jugendlichem Esprit und einer Beseeltheit, die sich auf alle Mitwirkenden überträgt, führt die Dirigentin durch dieses Spiel mit klassischem Erbe, das ja erst das symphonische Schaffen von Johannes Brahms vorbereitete.

Großer Spaß mit Bernstein

Leonard Bernstein komponierte sein „Divertimento for Orchestra“ anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Boston Symphony Orchestra. Das Stück ist eine muntere, humorvolle Serie aus acht kurzen Sätzen, die auf zwei Noten basierten: B für Boston und C für Centennial. Und gerade in diesen Tagen tut es gut, einmal etwas zu hören, was sehr USA-typisch ist, aber in seiner augenzwinkernden Liebenswürdigkeit fernab von all den pathologischen Entwicklungen jenseits des Atlantik steht, die jeden kulturliebenden Demokraten auf Abstand zum zweifelhaften Verbündeten gehen lassen.

Rhythmisch hochanspruchsvoll, manchmal stolpernd-widerspenstig, kommen einige der Kurzsätze daher wie Erfindungen eines Strawinsky mit überraschend guter Laune. Nun ja, dessen „Zirkuspolka für einen jungen Elefanten“ scheint da durchaus verwandt.

Das Divertimento ist durchströmt von selbstironischem Witz, es ist von der Instrumentierung und den vielfältigen Einfällen her musikgewordene gute Laune. Es gibt viele filmmusikalisch anmutende Passagen, die in der Orchestrierung leicht anklingend die Spätromantik zitieren, aber immer humorig-leicht bleiben.

Romely Pfund und Orchester Photo Andreas Ströbl

Romely Pfund hat sichtlich Spaß am Dirigieren und dem Miteinander – fröhliche Gesichter spiegeln wider, was das Publikum von der Mimik der Leiterin nur ahnen kann. Dieses Dirigat besticht durch Natürlichkeit und Freude, aber bleibt stets exakt und akzentuiert.

Der jubelnde Beifall gerät zu einem herzlichen Glückwunsch für eine ganz besondere Künstlerin, die es in ihrer sympathischen, unkomplizierten Art leichtmacht, sie mit vielen „Brava“-Rufen gleichsam applaudierend zu umarmen.

Dr. Andreas Ströbl, 10. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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