Foto: Staatskapelle Berlin, Staatsoper unter den Linden Berlin Christian Thielemann Igor Levit (c) Stephan Rabold
Thielemann und Levit sind schon seit einiger Zeit ein eingespieltes Team, das ist deutlich zu merken, auch in der Weise, wie der Dirigent seismografisch auf den Pianisten, den er kaum sehen kann, reagiert. Beide befinden sich energetisch eng auf Tuchfühlung. Das Pfitzner-Konzert hätten sie mit der Kapelle nicht trefflicher einstudieren können.
Hans Pfitzner: Klavierkonzert Es-Dur op.31
Franz Liszt:
Symphonische Dichtungen
Orpheus, Symphonische Dichtung Nr4 S98
Prometheus, Symphonische Dichtung Nr.5 S99
Richard Wagner:
Ouvertüre zu „Tannhäuser“
Berliner Staatskapelle
Christian Thielemann, musikalische Leitung
Igor Levit, Klavier
Philharmonie Berlin, 19.Mai 2026
Er steht anhaltend im Zenit seiner Laufbahn und ist derzeit fast noch präsenter als Barenboim in seinen letzten Jahren als Generalmusikdirektor: In dichter Folge dirigiert Christian Thielemann seit Wochen die Berliner Staatskapelle, wechselweise in Konzert und Oper. Noch dazu weniger bekannte Stücke, die der Kapellmeister mitnichten aus dem Ärmel schüttelt. Und schwer dazu.
Nach Orchesterliedern von Richard Strauss und Beethovens „Pastorale“ sowie der Wiederaufnahme der „Schweigsamen Frau“ mit mehreren Vorstellungen präsentiert Thielemann diesmal Raritäten von Pfitzner und Liszt.
Das erscheint mutig, da der Mensch Pfitzner mehr Aufmerksamkeit erfährt als seine Musik. Aber über den üblen Nazi Pfitzner wurde nun schon alles gesagt, ungeachtet dessen, dass Komponisten nicht unweigerlich bessere Menschen sind.
Deshalb respektiere ich es voll und ganz, dass Thielemann sich auf Pfitzners Musik konzentriert und nicht mit dessen Person beschäftigt. Und rechne es Igor Levit hoch an, dass er sich mit seinen jüdischen Wurzeln auf das Klavierkonzert op.31 eingelassen hat. Das ist ohnehin schon 1922/23, also noch vor der NS-Herrschaft entstanden und allemal eine Entdeckung wert!
Auch das Berliner Publikum lässt sich nicht davon abschrecken, ein kaum bekanntes Stück aus der Feder eines Antisemiten hören zu wollen. Die Philharmonie ist immerhin am bereits zweiten Abend sehr gut besucht, und der Beifall verdient groß.
Der erste Satz kommt einem vielleicht nicht gleich entgegen mit einer sehr eigenwilligen Architektur; aber die hat ihren Reiz. Die Anfangstakte wirken mit großen Blockakkorden inspiriert von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert. Aber schon kurz darauf verflüchtigt sich der Pomp in die leiseren, lyrischen Gefilde einer spröden Melodik, durchsetzt von zarten Holzbläser-Kantilenen und düsteren Strecken der tiefen Streicher. Levit scheint die Tonsprache sehr entgegenzukommen, teils sehr virtuose Strecken perlen ihm von den Fingern, in komplizierte harmonische Verläufe taucht er mit großem Ernst ein.

Ganz anders der zweite Satz, eine Art Perpetuum mobile mit vielen Tonwiederholungen und heiterem Geschnatter in den Bläsern, das den duftigen Zauber von Mendelssohns „Sommernachtstraum“ verströmt.
Schwereleichte, schwebende Töne lässt Igor Levit da mit großer Spielfreude vernehmen, von einer schmetterlingshaften Leichtigkeit im Anschlag, auf die sich nur wenige verstehen. Der Kapellmeister wiederum sorgt dafür, dass sein Solist, der den Klavierpart angemessen leise und zart anlegt, gut zu hören ist. Und dass das Orchester trotzdem nie zum Beiwerk wird und seine Klasse dann voll ausstellt, wenn es an der Reihe ist. Etwa im „ruhig, versonnenen, schwärmerischen“ dritten Satz, der mit einem elegischen Hornsolo beginnt und in dem mit dem zärtlich präludierenden Klavier angelegentlich das Fagott in einen Dialog tritt.
Aber auch an Bruckner darf man sich in diesem Konzert erinnert fühlen, wenn sich vor dem grazil beginnenden Finalsatz imposant ein weihevoller Bläserchoral erhebt. Und doch, bei allen Assoziationen, die einem beim Hören so kommen, lässt sich doch eine unverwechselbare eigene, etwas kantige Tonsprache mit neoklassizistischen Anflügen entdecken.
Thielemann und Levit sind schon seit einiger Zeit ein eingespieltes Team, das ist deutlich zu merken, auch in der Weise, wie der Dirigent seismografisch auf den Pianisten, den er kaum sehen kann, reagiert. Beide befinden sich energetisch eng auf Tuchfühlung. Das Pfitzner-Konzert hätten sie mit der Kapelle nicht trefflicher einstudieren können.

Igor Levit (c) Stephan Rabold
Mit einem untypischen Klavierstück von Schostakowitsch, zart und feingliedrig wie eine Spieluhr, ließ Levit noch eine in ihrer Schlichtheit bezaubernde Zugabe folgen. Leicht wie ein Kinderspiel tönt es, aber man ahnt, dass genau darin die große Kunst des Interpreten liegt.
Im zweiten Teil stand dann Franz Liszt auf dem Programm und damit ein Komponist, der es ebenfalls im heutigen Konzertbetrieb schwer hat, wiewohl schon so manche Größen wie Alfred Brendel für ihn Verteidigungsschriften verfassten. Die beiden sinfonischen Dichtungen „Orpheus“ und „Prometheus“ ergänzen sich ideal in ihrer Gegensätzlichkeit und offenbaren, wie genial sich Liszt auf das Instrumentieren verstand. So treten, stellvertretend für den begnadeten Orpheus, der mit seinem Gesang selbst Steine erweichen konnte, Cello und Englischhorn solistisch mit Lamenti von betörender Schönheit hervor, umflort vom silbrigen Schimmer der Harfen.

Dagegen beginnt „Prometheus“ stürmisch wie ein Wirbelwind und verschreibt sich überwiegend einem dramatischen Charakter analog zu dem mythologischen Helden, der zur Strafe dafür, dass er die Befehle des Zeus missachtete und gefesselt und in der Einöde festgeschmiedet wurde.
Freilich ist in dieser Musik, deren klanglich stilistische Verwandtschaft mit Werken Richard Wagners sich nicht verkennen lässt, jede Instrumentengruppe gefordert. Thielemann lotet sie in ihrer Theatralik aus, holt dabei aus jedem Einzelnen raus, was rauszuholen geht. Die Horngruppe, an einer Stelle ganz exponiert im Fokus, hat sich schon seit geraumer Zeit unter seinem Chefdirigenten gesteigert, aber derart makellos und brillant wie an diesem von mir besuchten zweiten Konzertabend habe ich sie noch nie gehört.
An den beseligenden Rausch der „Tannhäuser“-Ouvertüre, die Thielemann zum krönenden Abschluss servierte, kommen die Liszt-Stücke meiner Meinung aber doch nicht ran. Es ist interessant, die beiden Komponisten, die privat wie beruflich bekanntlich in großem Austausch standen, einmal nebeneinander zu hören, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Tonsprache zu erfassen. Aber der „Tannhäuser“ mit seinen einprägsamen Motiven und Pilgerchören erfreut sich eben nicht zufällig größerer Beliebtheit. Auch dann noch, wenn Thielemann ein fließenderes Tempo wählt als gewohnt, die Musik dafür aber in den dynamischen Spitzen mit Gänsehaut-Effekt voll auskostet.
Kirsten Liese, 20. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Interview mit Christian Thielemann von Kirsten Liese klassik-begeistert.de, 4. Mai 2023