Bei Alexei Ratmanskys Ballett Wunderland bleibt das Wunder aus

Wunderland, Ballett von Alexei Ratmansky  Uraufführung, Hamburgische Staatsoper, 20. Juni 2026

Olivia Betteridge (Alice) und Daniele Bonelli (Der Weiße Ritter) (Foto: RW)

Wer choreographische Tiefe erwartet sowie sehen und hören möchte, wie Tanz und Musik miteinander verschmelzen, wird von Alexei Ratmanskys Ballett Wunderland eher enttäuscht sein. Wem es schon immer darum ging, den Personenkosmos von Lewis Carroll in schönen Dekorationen und wundervollen Kostümierungen auf der Bühne zu erleben, der wird wohl beglückt nach Hause gehen.

Wunderland,  Ballett von Alexei Ratmansky nach Lewis Carroll

Bühnenbild:  Sebastian Hannak
Kostüme:  David Szauder
Musik arrangiert und orchestriert von:  Philip Feeney

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Musikalische Leitung:  Vello Pähn

Hamburg Ballett, Uraufführung in der Hamburgischen Staatsoper, 20. Juni 2026

von Dr. Ralf Wegner

Man tat ein wenig so, als ob in der Hamburgischen Staatsoper ein bisher nie dagewesenes Ballettereignis bevorstünde. Alexei Ratmansky sollte die von Lewis Caroll erdachte Geschichten von Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln zu einem Ballettabend zusammenfassen. Aus der Besetzung wurde bis zuletzt ein Geheimnis gemacht, erst einen  Tag vor der Premiere erschien diese auf der Internetseite des Hamburg Balletts. So als ob alle Hamburger Tänzerinnen und Tänzer stupende und ersatzlos austauschbar seien.

Dabei ist es geradezu ein Kennzeichen des Hamburger Balletts, von unterschiedlich Solisten durchaus abweichende, persönliche Interpretationen auf der Bühne zu sehen. Gerade deswegen sind die Auslastungszahlen ja auch so hoch, denn viele Zuschauerinnen und Zuschauer sehen sich dasselbe Stück einer Serie mehrfach an, wenn die Besetzungen wechseln. Aber das wird hinsichtlich des Kaufverhaltens der Ballettkunden nicht recht bedacht.

Hat sich nun diese Geheimnistuerei gelohnt? Ist Großes entstanden? Ich würde das nicht bejahen. Das Stück gleicht eher einer Nummernrevue, die sich formal an der literarischen Vorlage entlanghangelt und dabei die Entwicklung der Figuren aus den Augen verliert. Nur weniges bleibt haften: Die Schwester (Alice Mazzasette), die bereits vor Beginn an einen Blumen-übersäten Hügel gelehnt in ein Buch vertieft ist, das Weiße Kaninchen (Aleix Martínez), welches Alice in die Unterwelt führt und mit zahlreichen Sprüngen mit nach vorn abgeknicktem Spielbein ein Eigenleben gewinnt oder die Krabbe, der Lormaigne Bockmühl Profil verleiht. Weder bleibt Zeit, um sich mit den wichtigen Figuren des Hutmachers (Gabriel Barbosa) oder der Herzkönigin (Ida Praetorius) anzufreunden, sei es mit Empathie oder Antipathie, noch ist im ersten Akt (Alice im Wunderland) eine choreographische Entwicklung zu erkennen.

Es wird mit klassischem Stil getanzt, was die Truppe hergibt, und alles in sehr schönen Bühnenbildern (Sebastian Hannak) und beeindruckend vielfältigen Kostümen (David Szauder). Und doch geht nichts von alledem in die Tiefe. Dem Choreographen Alexei Ratmansky war es offenbar wichtiger, ja nichts auszulassen, als eine stringente Geschichte mit sich über die Spieldauer entwickelnden Charakteren zu erzählen.

Das Krocketspiel, links Ida Praetorius als Herzkönigin, rechts Aleix Martínez als Weißes Kaninchen sowie Olivia Betteridge als Alice © Kiran West

Zudem stellt die häufig atonal bis an die Schmerzgrenze kreischige Musik und auch das unter Vello Pähn oft zu laut aufspielende Orchester die Trommelfelle immer wieder auf die Probe.

Ratmansky macht es sich auch zu leicht. Anstatt sich in der Musikauswahl zu beschränken, um Choreographie und Komposition mit künstlerischen Mitteln in Übereinklang zu bringen, werden mehr als 40 Einzelkompositionen, darunter Werke von Telemann, Wagner, Ravel, Ligeti oder Kagel gespielt, ohne dass sich ein innerer musikalischer Zusammenhang erschließt. In einem der insgesamt 28 Einzelszenen wird gar Johann Strauß mit Béla Bartók kombiniert (Der Tränensee und ein tierischer Marathon) oder am Ende von Alice hinter den Spiegeln Wagners Walkürenritt mit anderen Kompositionen verbunden.

Der zweite Teil (Alice hinter den Spiegeln) war musikalisch leichter zu ertragen, auch wurde tänzerisch mehr geboten. Aus der 19. Reihe waren die Tänzerinnen und Tänzer wegen ihrer auch die Gesichtspartie verdeckenden Kostümierungen nicht zu erkennen. Die Weiße Königin wurde mit innerer Spannung, grazil-eleganten Ports de bras und geschmeidigen Drehungen getanzt. Es war Charlotte Larzelere, welche diese kurze Rolle auf ein bemerkenswertes tänzerisches Niveau hob. Auch der von Daniele Bonelli getanzte Weiße Ritter beeindruckte mit technischem Können und Liebenswürdigkeit im Pas de deux mit Alice, die von Olivia Betteridge überzeugend mit kindlicher Naivität und technisch versiert über die gesamt Aufführungsdauer ohne Ermüdung getanzt wurde. Eine schöne Leistung.

Der Dirigent Vello Pähn mit dem Wunderland-Ensemble (Foto: RW)

Der Pas de deux von Alice und dem Weißen Ritter, der einzige längere in dem ganzen Stück, war Erholung für die Augen, erschöpfte sich aber bald in Wiederholungen. Zumindest war von der Choreographie her keine Entwicklung zu erkennen, ganz anders als es in dem hinreißende Pas de deux von Marie und Günther in John Neumeiers Nussknacker im zweiten Bild der Fall ist (Olivia Betteridge hatte diese Partie hier erst kürzlich getanzt).

Das Publikum schien am Ende ganz begeistert zu sein und feierte die Protagonisten, den Choreographen und den Dirigenten überschwänglich. Das schloss auch Francesco Cortese und Louis Musin ein, die beide mit fabelhaften Sprüngen und hinreißender Komik Tweedledum und Tweedledee tänzerisch charakterisierten.

Louis Musin (Tweedledee), Francesco Cortese (Tweedledum), Aleix Martínez (Der Löwe) und Ana Torrequebrada (Das Einhorn) (Foto: RW)

Fazit: Wer choreographische Tiefe erwartet sowie sehen und hören möchte, wie Tanz und Musik miteinander verschmelzen, wird von Alexei Ratmanskys Wunderland eher enttäuscht sein.

Wem es aber schon immer darum ging, den Personenkosmos von Lewis Carroll in schönen Dekorationen und wundervollen Kostümierungen auf der Bühne zu erleben, der wird wohl beglückt nach Hause gehen.

Dr. Ralf Wegner, 21. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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