Beim Sommernachtskonzert zieht Wotan ins Schloss Schönbrunn ein

Sommernachtskonzert Wiener Philharmoniker Lorenzo Viotti  Schönbrunn, Wien, 19. Juni 2026

Foto: Lorenzo Viotti © Márcia Lessa

Sommernachtskonzert, Schönbrunn, Wien, 19. Juni 2026

Wiener Philharmoniker

Lorenzo Viotti, Dirigent

von Jürgen Pathy

„Sie sehen aus, als wären Sie aus einer Modezeitschrift gefallen.“ Das Kompliment nehme ich gerne an. Wann sonst sollte ich mich in Schale werfen als beim Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker? Die Dame in der Straßenbahnlinie 10 hatte fest versprochen, sie würde auch noch einen Abstecher nach Schönbrunn machen.

Dort fand bereits zum 22. Mal das Sommernachtskonzert statt. Das hatte Vorstand Daniel Froschauer in seiner kurzen Eröffnungsansprache erwähnt. „Gott sei Dank!“ habe die Stadt Wien auch ihren Obolus geleistet. Dieser Seitenhieb musste sein, hatte die Stadt doch zuerst die Subvention (bislang 250.000 Euro) komplett gestrichen. Danach ruderte man zurück und schoss immerhin 100.000 Euro zu. Den Rest finanzieren Sponsoren und Partner.

Dirigent Lorenzo Viotti am Pult dürfte sich damit nicht herumgeschlagen haben. Der hatte sich bei der Programmauswahl dafür ausgetobt. Von Operette über Oper, Musical bis hin zu Ballett hatte das Programm ein buntes Potpourri geliefert.

„Es klingt outdoor besser als drinnen“, meint meine Mutter während des Konzerts. Die Soundanlage ist definitiv hervorragend, für eine Outdoor-Veranstaltung ein toller Klang. Selbst die Meditation aus Massenets Oper Thaïs klingt atemberaubend. Konzertmeisterin Albena Danailova hat hier all ihr Können ausgepackt.

Ebenso Stargast Sir Bryn Terfel, der für ordentlich Stimmung sorgte. Neben Wotans Monolog „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ aus Wagners Rheingold gab er Szenen aus Verdis Falstaff, Boitos Mefistofele und auch den Pubsong „If I Were a Rich Man“ zum Besten, gepaart mit einigen Schmäh-Einlagen. „Wiener Schnitzel“ mag ich gehört haben und auch „Schweinsbraten“ aus dem Mund des walisischen Bassbaritons.

Bryn Terfel © Adam Barker

Das war enorm erfrischend, bedenkt man, dass Ravels Suite Nr. 2 aus Daphnis et Chloé durchaus am Geduldsfaden der Zuhörer zehren kann. Nicht, weil Viotti es nicht beherrschen würde, die Musik ist einfach schwer zugänglich und wollte einfach nicht enden. Bezaubernd dazu die Ballett-Einlagen in der Choreographie von Eno Peci. Links und rechts von der Bühne hatten Scheinwerfer die Tänzer als Schatten auf die Fassade des dahinterliegenden Schlosses Schönbrunn gemalt.

Ob es die kolportierten 50.000 Gäste auch so gesehen haben, kann ich nicht beurteilen. Überwiegend auf Stehplätzen, das Sommernachtskonzert ist ein Geschenk für die Wiener, von den Wiener Philharmonikern, bei freiem Eintritt. Sitzplätze und VIP-Empfang gibt es nur für geladene Gäste.

Zum Ende gab’s dann einen Walzer, Wiener Blut, ganz in Manier des Neujahrskonzerts. Vielleicht hat sich Viotti schon dafür empfohlen. Viele Medien mögen das so gesehen haben. Wenn nicht heute, dann die Woche zuvor im Musikverein Wien. Zur Einstimmung hatte man dem jungen Schweizer, 36, ein Abokonzert anvertraut. Mit einem ebenso gewagten Programm. Poulenc, Debussy und Zemlinsky – so fein und zart von den Wiener Philharmonikern zelebriert, als hätte man die Musik auf Seide schweben lassen.

Jürgen Pathy, 21. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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