Eleonora Buratto und Freddie De Tommaso lassen die Musik der Oper MARINA von Umberto Giordano erglühen

Umberto Giordano (1867-1948) MARINA  klassik-begeistert.de, 5. August 2026

 

CD-Besprechung:

MARINA, die erste Oper von Umberto Giordano ist jetzt beim Label DECCA erschienen. Unter der Leitung von Vincenzo Milletarì singen Eleonora Buratto und Freddie de Tommaso die unglücklichen Liebhaber zweier auch noch im 20. Jahrhundert verfeindeten Völker. Das Resultat ist großer Verismus.

Umberto Giordano (1867-1948) MARINA
Melodramma in einem Akt (Libretto Enrico Golisciani)

Dirigent: Vincenzo Milletarì

Coro della Fondazione Teatro Petruzzelli
Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano

Decca 576 7566 (1 CD)

 von Jean-Nico Schambourg

 1888 reichte der junge Giordano die Partitur seiner ersten Oper MARINA beim berühmten Kompositionswettbewerb des Verlagshauses Sonzogno ein. Es gewann Pietro Mascagni mit seiner Oper CAVALLERIA RUSTICANA. Giordano belegte unter 73 Kandidaten den 6. Platz. Sonzogno beauftragte den jungen Komponisten eine Oper zu schreiben für die Saison 1891/92. Giordano schrieb die Oper MALA VITA, in die er Teile der Musik aus MARINA einfließen ließ. Sein Erstwerk wurde jedoch nie aufgeführt.

Dies bis zum 12. Februar 2026, wo die Uraufführung am Teatro dal Verme in Mailand stattfand, die Basis dieser Aufnahme ist.

Die Geschichte könnte aus dem 20. Jahrhundert stammen. Marina, eine junge montenegrinische Frau wartet auf die Rückkehr ihres Bruders Daniele, der die Montenegriner zum Sieg im Krieg  gegen die Serben geführt hat. Da erscheint Giorgio Lascari, ein verwundeter serbischer Soldat. Marina entscheidet, dass die Gastfreundlichkeit höher einzuschätzen ist als die Liebe zum Vaterland. Sie pflegt den “Feind” und versteckt ihn als ihr Bruder mit seinen Soldaten zurückkommt.

Lambro, ein Mitstreiter, rühmt sich, den Tod des Vaters von Daniele und Marino gerächt zu haben, indem er dessen Mörder getötet hat und hält um die Hand von Marina an. Diese will sich jedoch ein wenig Bedenkzeit geben. Als Lambro ein Hohnlied auf die Serben anstimmt, kommt Giorgio aus seinem Versteck und wird verhaftet. Daniele ist entsetzt, dass Marina einen Feind in ihrem Haus versteckt hielt. Sie wird zur Strafe der Hinrichtung Giorgios beiwohnen müssen.

Marina will Giorgio retten. Sie besucht ihn in seinem Gefängnis und gibt ihm ihren Mantel, damit er verkleidet fliehen kann. Bevor Giorgio flieht, gestehen sich beide ihre gegenseitige Liebe. Ein Schuss verrät Marina, dass Giorgio auf der Flucht erschossen wurde. Lambro tritt auf, rasend vor Wut, dass Marina ihn wegen eines Feindes abgelehnt hat und ersticht sie. Der hinzueilende Daniele kann nur den Tod seiner Schwester feststellen.

Diese erste Oper von Umberto Giordano ist ganz klar dem Verismus zuzuschreiben. Die Handlung  ist (auch schon damals) aktuell und basiert nicht auf historischen Vorlagen. Auch stammt sie aus dem Leben einfacher Menschen und nicht Persönlichkeiten der Geschichte.

Die Musik ist emotional, schwelgerisch, aufrührerisch, verbindet melodiöse mit dramatischen Momenten. Für die beiden Hauptprotagonisten hat Giordano jeweils Arien und Duette geschrieben. Typisch für den Verismus ist auch der relative abrupte Schluss: Flucht Giorgios und Tod von Marina sind in zwei Minuten abgehandelt. Auch der Chor hat seine eigene Rolle, die hier sowohl mit dem kriegerischen Auftritt, als auch mit dem Trinklied versehen ist.

Diese Oper braucht Interpreten, deren Stimme dem Stil des Verismus angepasst sind. Das heißt nicht, dass sie schreien sollen, wie es leider so oft vorkommt! Seien sie beruhigt: Bei dieser Aufnahme ist das nicht der Fall! Ein Pluspunkt dieser Aufnahme ist es sicherlich, dass als Hauptinterpreten mit Eleonora Buratto und Freddie De Tommaso zwei Sänger aufgeboten wurden, die heute in allen großen Opernhäuser der Welt zu bewundern sind.

Eleonora Buratto verfügt über einen klangvollen Sopran, der besonders in der Mittellage sehr schöne Farben entfaltet und für diese Rolle total geeignet ist. Sie besitzt aber auch die nötigen Tiefen und vor allem Höhen um der Partitur über die ganze Spannweite gerecht zu werden. Ihre Spitzentöne blühen wunderbar!

Auch Freddie de Tommaso hört man seine Erfahrung in diesem Repertoire an. Werden vom Tenor einige volle Spitzentöne verlangt, so wird bei dieser Rolle doch auch seine Mittellage sehr beansprucht. Mit seinem Spinto-Tenor hat De Tommaso keine Probleme die Schwierigkeiten seiner Partitur bravourös zu meistern. Seine Arie im 2. Teil beschließt er mit einem schönen Diminuendo auf dem hohen B.

Sowohl Daniele als auch Lambro sind Bariton-Stimmen zugeschrieben. Dabei zeigt Nicholas Mogg in der Rolle des Bruders eine weichere Klanggebung als Mihai Damian, dessen etwas rauere und schwärzere Stimme sehr gut zur Rolle des Lambro passt. Sein Trinklied mit Chor erinnert an Alfios Arie in Mascagnis CAVALLERIA RUSTICANA.

Am Dirigentenpult hält Vincenzo Milletarì die emotionale Spannung über das ganze Werk hoch. Er lässt das Orchester I Pomeriggi Musicali di Milano in den romantischen Passagen schwelgerisch dahinfließen und heizt es in den dramatischen Momenten zu wuchtigem Klang auf, genauso wie Verismus sich eben anhören soll. Der Chor der Fondazione Teatro Petruzzelli erledigt sich seiner Aufgabe mit viel Elan und sattem Klang.

Decca hat mit dieser Aufnahme eine sehr interessante musikalische Entdeckung auf CD verewigt, die nicht nur Raritätensammler Freude macht. Sicherlich verdient es dieses Werk, ebenso wie Frühwerke anderer Komponisten, öfters mal auf einem Opernprogramm zu erscheinen.

Jean-Nico Schambourg, 5. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Emilio Arrieta (1823-1894), Marina Konzertante Aufführung Bad Wildbad, Kurhaus, 31. Juli 2026

37. Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad Wildbad, 23. Juli bis 2. August 2026

Charles Gounod (1818-1893), Faust, Piotr Beczała Nationaltheater München, 30. Juli 2026

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