Das Ensemble vor dem Vorhang: Fricka, Loge, die acht Walküren, Wotan, Siegmund, Brünnhilde, Sieglinde und der Dirigent Vladimir Jurowski (Foto: RW)
Tobias Kratzers Inszenierung ist im besten Sinne des Wortes konservativ. Er dringt weit in den Wagner’schen Ringkosmos vor. Er nimmt das Libretto ernst, zeigt Empathie für alle Personen, auch wenn sie zu den „Bösen“ zählen. Er richtet nicht, er berichtet.
Die Walküre, Oper von Richard Wagner
Bayerisches Staatsorchester
Leitung Vladimir Jurowski
Inszenierung Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme Rainer Sellmaier
Video Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi
Münchner Opernfestspiele, Nationaltheater, München, 28. Juni 2026
von Dr. Ralf Wegner
Was man sonst nie erlebt, es gab zu Beginn des dritten Aufzugs Zwischenbeifall. Die Ursache: Eine herabgezogene Leinwand zeigte die prächtig kostümierten Walküren, wie sie zu Pferde die Münchner Residenz verlassen und in der Stadt verunfallte, ertrunkene oder getötete Mitbürger aufsammeln und, später, real auf der Bühne, in das als Leichenhalle dienende Nationaltheater verfrachten. Dort liegen sie zunächst entblößt auf Bahren, werden gewaschen, durch Zauber wiederbelebt und als Krieger ohne eigenen Willen eingekleidet.
Doch dazu und weiteren Einfällen des Regisseurs Tobias Kratzer später. Denn zu meinem großen Leidwesen geriet der erste Aufzug zu den gesanglich schwächsten, die ich je erlebt habe. Joachim Bäckströms (Siegmund) Tenor klang eng mit leicht blechigem Timbre, ohne die nötige Farbmodulation. Alles hörte sich an wie gesungenes e oder ä. Die lyrischen Passagen blieben flach, ohne tiefere emotionale Gestaltung und am Ende des ersten Aufzugs beim so blühe denn, Wälsungen-Blut verrutschte noch die Stimme.
Optisch entsprach Bäckström dem Bild eines jugendlichen Helden, ebenso wie Irene Roberts als begehrenswerte Sieglinde. Aber auch sie schien im ersten Aufzug stimmlich überfordert. Ihre Stimme klang in der Mittellage schmal, ohne den Raum füllendes Volumen. Nur im Forte entfaltete sich ihr (Mezzo)-Sopran und strahlte in den Raum. Der dritte Aufzug gelang ihr deswegen auch deutlich besser.
An Stimmschönheit und bruchloser Emission war ihr die Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova (Fricka) überlegen. Deshalb erfüllte erst die Auseinandersetzung Frickas mit Wotan im zweiten Aufzug die Hörerwartung, die man an eine Walküren-Aufführung haben sollte.
Das Wälsungenpaar mit attraktiven jungen Künstlern zu besetzen, mag auch der Regie geschuldet gewesen sein. Im Vergleich mit dem sonor und schallstark auftretenden Ain Anger (Hunding) blieb sängerisch aber eindeutig klar, wer hier der Held auf der Bühne ist, nämlich der Bass und nicht der Tenor.

Auch Miina-Liisa Värelä war für mich gesanglich keine Idealbesetzung der Brünnhilde. Es fehlt der Sängerin nicht an Durchschlagskraft oder an langem Atem, ihrer Mittellage mangelt es aber an Breite und farblicher Modulation. Das beeinträchtigte vor allem die Wirkung der Todesverkündung im zweiten Aufzug. Ihre Bitte an Wotan, beginnend mit War es so schmählich, was ich verbrach, klang besser. Dass mag auch an dem als Wotan großartigen Partner Nicholas Brownlee gelegen haben, bei dem es der Sängerin offensichtlich gelang, ihre Emotionen stärker in Gesang umzusetzen.
Der Bassbariton Nicholas Brownlee zeigte stimmlich die beste Leistung des Abends. Kraftvoll sonor klingend, mit großer Strahlkraft über dem Orchester liegend und seine Emotionen farblich variantenreich ausdrückend gelang es ihm, die innere Zerrissenheit des Göttervaters nicht nur darstellerisch zu vermitteln, sondern auch mit stimmlichen Mitteln in die Herzen der Zuschauer zu dringen.
Tobias Kratzers Inszenierung ist im besten Sinne des Wortes konservativ. Er dringt weit in den Wagner’schen Ringkosmos vor. Er nimmt das Libretto ernst, zeigt Empathie für alle Personen, auch wenn sie zu den „Bösen“ zählen wie Hunding, den er als tief gläubigen, sich den gottgegebenen Regeln unterwerfend schildert. Für Kratzer hadern die Unsterblichen ebenso mit ihrem Schicksal wie jene, die versuchen, ihr Glück während ihrer kurzen Lebensphase zu finden.
Wenn Wotan sich im Gespräch mit Brünnhilde die Speichenarterie einritzen will, was ihm als Unsterblichen nicht gelingt, und nicht gelingen kann, symbolisiert Kratzer damit Wotans Verzweiflung ob der Unausweichlichkeit der Geschehnisse, die ihn zwingen, seinen Sohn Siegmund zu verraten oder sich von Brünnhilde abzuwenden (Eines nur will ich noch: das Ende – das Ende!). Brünnhilde lernt daraus. Auch ihre Unverletzlichkeit entspringt ihrer göttlichen Herkunft. Wenn sie sich bei Wotans Abschied (Denn so – kehrt der Gott sich dir ab: So küsst er die Gottheit von dir) ebenfalls die Pulsadern (probeweise) aufschneidet, fließt zu ihrem Erschrecken Blut. Sie ist Mensch geworden.
Und wenn die Walküren zu Beginn des dritten Aufzugs hoch zu Ross aus der Münchner Residenz reiten, ist das einerseits ein Gag, sozusagen das Logo des Regisseurs, andererseits handelt es sich um die Visualisierung dessen, was der ikonisch gewordene, vom bayerischen Staatsorchester unter der Leitung von Vladimir Jurowski martialische-dramatisch intonierte Walkürenritt aussagt.
Kratzer erzählt uns auch, was wir immer wissen wollten. Wer hat die Wälsungenhütte in Schutt und Asche gelegt? Es war Loge auf Frickas Veranlassung. Und was geschieht mit den gefallenen Helden? Sie sind zu willenlosen Zombies mutiert, die für den kämpfen, der die Macht über den Ring besitzt (Wotan im Monolog des zweiten Aufzugs: der Helden Mut entwendet’ er mir, die Kühnen selber zwäng’ er zum Kampf; mit ihrer Kraft bekriegte er mich).

Rainer Sellmaier hat für Tobias Kratzer ein beeindruckendes Bühnenbild entworfen. Für den ersten Aufzug schuf er ein modernes hölzernes Familienhaus im Tannenwald. Es hätte auch ein Bühnenbild für Hänsel und Gretel sein können. Auftritt Siegmund: Wess’ Herd dies auch sei, hier muss ich rasten. Er ist verletzt, dringt nicht in die Wohnung ein, legt sich am Grillplatz (!) auf eine Sitzbank. Sieglinde sieht ihn durch das tief reichende Fenster: Ein fremder Mann? Ihn muss ich fragen. Später erscheint Hunding, im Geländewagen, mit einem erlegten Widder, den er vor einem Fricka geweihten Bildstock niederlegt. Später nutzen Siegmund und Sieglinde den Geländewagen zur Flucht.
Zu Beginn des zweiten Aufzugs verlässt Hunding auf Rache sinnend die Hütte. Mit Wotan erscheinen dort auch Brünnhilde und die Walküren. Fricka erscheint und weidet den von Hunding erlegten, ihr gewidmeten Widder in Hundings Hütte aus. Mit dem blutigen Herzen in der Hand lässt sie Wotan schwören, von dem Wälsung zu lassen. Danach begeben sich Wotan (Monolog) und Brünnhilde auf Wanderschaft, während die Waldlandschaft per Video an ihnen vorüberzieht.

Großartig ist auch Kratzers Einfall, Siegmund und Sieglinde im zweiten Aufzug an der verkohlten Wälsungenhütte mit Motorschaden stranden zu lassen. Dort finden beide das Etagenbett, in dem sie ihre Kindheit verbrachten und glücklich miteinander waren. Diese Szene, der geradezu romantische Inszenierungsansatz, spricht für die tiefe Empathie des Regisseurs um das Schicksal der Wälsungenzwillinge.

Den Feuerzauber lässt uns Kratzer nicht. Brünnhilde darf eine Matratze in den nachempfundenen Festsaal des Nationaltheaters schleppen. Auf die Rufe Wotans nach Loge erscheint dieser (Charit Pidikiti), stellt ein Teelicht neben die Eingeschlummerte und zündet sich, die weitere Szene beobachtend, im Hintergrund eine Zigarette an. Er wird überleben, sieht den Untergang der Götter wohl schon voraus. Für ein großes Feuerspektakel nach Wunsch Wotans ist er nicht mehr zu haben. Den Feuerzauber hatte er bereits für Fricka arrangiert, was auf der zum Ende hin herunterfahrende Videowand zu sehen ist: Die in Flammen auflodernde Wälsungenhütte, davor als Zuschauer Loge und Fricka sowie, wohl etwas später, ein entsetzter Wotan mit seinem Sohn. Ein starker, unerwarteter Schluss.

Fazit: Die Aufführung lohnt sich vor allem wegen der vielen neuen Sichten auf das Werk, auch gesanglich war es dank der großen musikalischen Gestaltungskraft von Nicholas Brownlee und dem unter Vladimir Jurowski meisterlich aufspielenden Bayerischen Staatsorchester kein verlorener Abend.
Der Jubel im ausverkauften Rund des Münchner Nationaltheaters war am Ende schier grenzenlos.
Dr. Ralf Wegner, 30. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Das Rheingold Nationaltheater München, 28. Juli 2025
Richard Wagner, Siegfried (1876) Wiener Staatsoper, 10. Juni 2026
Richard Wagner, Götterdämmerung, Wiener Staatsoper klassik-begeistert, 15. Juni 2026