Glückwunschrede zur Feier aus Anlass des zehnjährigen Bestehens von klassik-begeistert
von Sandra Grohmann
nach der Idee und unter Verwendung von Zitaten aus
Eric Baumann, Ferdinand Loh und sein opus magnum: Der Flohwalzer
Klassik begeistert uns alle schon lange Zeit – die meisten von uns seit Kindertagen -, und dass Du den zehnten Geburtstag Deines Blogs, lieber Andreas, mit uns gemeinsam feierst, ist der schönste Anlass zusammenzukommen.
Runde Geburtstage sind ja immmer auch ein Anlass zurückzublicken. Zurückzublicken auf das Erreichte, ebenso aber zurückzublicken auf Versäumnisse. Auch hierauf gilt es einzugehen.
Meine intensive Recherche auf der Website des Blogs hat nämlich ergeben, dass das meistgespielte Werk der internationalen Klavierliteratur auf klassik-begeistert noch nie besprochen wurde.
Dies ist umso tragischer, als der Schöpfer dieses Werks längst der Erinnerung entschlüpft ist und das Stück, ein wahrer Ohrwurm, sich unabhängig von ihm weltweit in die Herzen von Klavierspielern und Zuhörern gegraben hat. Ich möchte die Gelegenheit heute nutzen, um Euch als Überaus erlauchtem Publikum den Meister vorzustellen.
Nicht völlig untergegangen ist nämlich der Name dieses so überaus erfolgreichen Komponisten. Er heißt Ferdinand Loh. Sein Name hat wohl deshalb nicht überdauert, weil er nur verstümmelt täglich tausende Male im Munde geführt wird.
Loh pflegte nämlich seinen Vornamen abzukürzen, er zeichnete daher F. Loh. So schrieb er, in enger Schrift, über sein opus magnum als Titel: F Punkt Loh Doppelpunkt Walzer.
Schicksal oder Zufall wollten, dass dies in allerkürzester Zeit als „Flohwalzer“ gelesen wurde. Ferdinand Loh ist als Komponist dieses ganz außergewöhnlichen, auch ganz außergewöhnlich erfolgreichen Werkes letztendlich nicht vergessen worden. Sondern, viel schlimmer: er wurde als Schöpfer dieses genialen Werkes niemals wahrgenommen.
Dies erscheint heute umso bedauerlicher, als es sich bei Lohs „Walzer“ um eines der ironischsten und großartigsten Meisterwerke des 19. Jahrhunderts handelt.
Das Stück ist zunächst ironisch, es steht nicht im 3/4-Takt. Ein Einfall, den – wie wir heute wissen – drei Jahre später Tschaikowsky in seiner 6. Sympohnie aufgegriffen und abgewandelt hat, deren zweiter Satz bekanntlich im 5/4-Takt notiert ist.
Zweitens: Das Stück ist großartig, weil es bis 1890, dem Jahr seiner Vollendung, ungekannter Prägnanz und Kürze musikgeschichtliche Tradition mit einer geradezu prophetischen Vorausahnung des Kommenden, nämlich der Zwölftonmusik, verbindet.
Nur zwei Beispiele:
Loh beginnt seinen „Walzer“ mit der Vorstellung zweier Motive.
Motiv a gibt den Gedanken der Bewegung wieder und kontrastiert wirkungsvoll mit Motiv b, das die Ruhe versinnbildlicht.
Diese beiden widerstrebenden Elemente, Ausdruck dualistisch gefärbter Weltschau, dürfen wir getrost als formale Werkanlage im Sinne der Exposition der Sonatenhauptsatzform deuten, der – nach Wiederholung – sogleich die knappe Durchführung folgt. Dabei wird Motiv b durch einen kühnen Baßlauf gesprengt, der zugleich an Motiv a erinnert.
Es würde zu weit führen, hier die intermotivischen Zusammenhänge im einzelnen zu analysieren. Wir haben aber den Bezug zur hergebrachten Form deutlich gesehen.
Noch deutlicher tritt in Lohs Meisterwerk das Vorausahnende zutage, denn Loh hatte sich dem Vorläufer der Zwölftonmusik, der Hexaphonie – also der Sechstonmusik – verschrieben.
Loh selbst schreibt hierüber ausdrücklich in einem Brief vom 8. Juli, wahrscheinlich des Jahres 1889, in dem er auf die auch in der Zwölftonmusik verwendeten vier möglichen Reihungen anspielt.
Zitat: Ich werde die sechs Töne in vier Weisen ordnen: Vorwärts, rückwärts, und dazu die beiden Spiegelungen. Zitatende.
Diese wegweisende Bedeutung des Flohwalzers ist anderen Komponisten nicht entgangen. Wie alle prägenden, stilbildenden Werke, so wurde auch der Flohwalzer von vielen bedeutenden Komponisten zitiert.
Allein die Eröffnung von Rachmaninoffs berühmtem Prélude cis-moll zitiert die Motive a und b des Flohwalzers fast tongetreu, wenn auch extrem verlangsamt und nach moll eingefärbt. Der Charakter des Stückes wendet sich hierdurch ins Tragisch-Düstere.
Nur hinweisen will ich im heutigen Rahmen auf die Verwendung der Motive etwa auch in Mahlers 4. Symphonie und Hindemiths Sonate für Oboe und Klavier.
Was ich heute nur andeuten konnte, mag das interessierte und versierte Publikum vertieft nachlesen in dem verdienstvollen Band des Kollegen Baumann, „Der Komponist Ferdinand Loh und sein opus magnum: Der Flohwalzer“, auf dem dieser kleine Festvortrag beruht. Ich möchte ein Exemplar dieser Forschungsarbeit heute als Geschenk für die sicherlich bereits ausufernde Bibliothek unseres Blogs überreichen in der Hoffnung, dass das schmale Buch noch Platz im Regal findet.
Und damit möchte ich das Glas erheben und auf alle Klassik-Begeisterten herzlich anstoßen. Schön, dass es uns gibt!
Sandra Grohmann, 29. Juni 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at