So Bruch-romantisch hätte es gerne noch endlos weitergehen dürfen!

Musikfest Bremen: Spätromantische Geniestreiche, María Dueñas  Violine  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 31. August 2026

Foto: Maria-Duenas Giedre Slekyte © Hannes von der Fech

Musikfest Bremen: Spätromantische Geniestreiche

Für bekennende Romantiker gehört bei einem als „Spätromantische Geniestreiche“ betiteltem Konzert Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 geradezu unverzichtbar dazu. Vor allem der 2. Satz, mit hochgradigem Ohrwurmpotenzial, der allerdings nach Meinung so mancher geschmacklich anders orientierter Musikfreunden eher mit einer Art musikalischer Zuckersteuer zu belegen sei.

Programm:
Franz Schubert 
Ouvertüre C-Dur zu „Die Zauberharfe“ D 644 („Rosamunde-Ouvertüre“)
Max Bruch 
Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26
Johannes Brahms  
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

María Dueñas  Violine
Giedrė Šlekytė 
Dirigentin
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Das Bremer Konzerthaus Die Glocke, 31. August 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Heute Abend steht Bruchs Werk in toto im Mittelpunkt. Und gleich beim einfühlsam vorgetragenen Eingangsmotiv hat man den Eindruck, dass die spanische Violinistin María Dueñas auf ausgeprägt emotionales Spiel setzt.

Nahezu jeder einzelne Ton bekommt seinen eigenen Akzent, ein deutliches Rubato unterstreicht den expressiven Charakter. Das Orchester antwortet kraftvoll; das ganze Geschehen wird zunehmend emphatischer. Mit markanten Strichen kann sich Dueñas zumeist gut gegen die groß aufspielende Kammerphilharmonie behaupten, gerät mitunter aber auch etwas ins Hintertreffen. Aus derart gleißender Klangintensität erblüht wie ein zunächst noch zarter Spross der melodische 2. Satz: von Dueñas auf ihrer sanft singenden Guadagnini wie zum Hineinkuscheln schön inszeniert– gerade so, als wollte sie auf diese Weise traute Erinnerungen an längst Vergangenes heraufbeschwören. Kurzzeitig heftig kumulierende Klangwogen leiten das zutiefst berührende Satzende ein… dabei hätte es doch gerne noch schier endlos so weitergehen dürfen.

Duenas Maria (c) Sonja Mueller

Klangfarbenreiches violinistisches Feuerwerk

Doch jetzt startet, mit nur kurzem Anlauf, das von überschäumender Leidenschaft durchdrungene Allegro energico (Satz 3). Da darf und kann Dueñas ihr virtuoses Potenzial mit spanischer Heißblütigkeit voll ausspielen: Mit tragfähig warmem, blitzsauberem Ton absolviert sie rasante Figurationen, steigt locker hoch bis in allerhöchste Lagen. Ihre meisterhafte Bogenführung erinnert streckenweise an die souveräne Eleganz und Grandeza eines die Muleta schwenkenden Matadors, dann wiederum an die Heftigkeit, mit welcher jener den Degen zum letzten Todesstoß auf den Toro ansetzt. Dueñas‘ Vortrag wird zum grandios sprühenden violinistischen Feuerwerk, erstellt mit so ziemlich allem, was ihr Instrument hergibt.

Das Orchester sorgt mit äußerst ambitioniertem Einsatz für immer neue, forsch vorantreibende Impulse. Heftig akzelerierend, steuert alles einem an Fulminanz dann kaum noch steigerbaren finalen Höhepunkt entgegen.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (c) Julia Baier

Das ist allerschönste Romantik in üppiger Klangfarbigkeit! Die Zuhörer sind wie  aus dem Häuschen, es wird heftig getrampelt und applaudiert, Bravo-Rufe ertönen. Als ob sie die Gemüter damit wieder etwas herunterfahren wollte, beglückt die sympathische Geigerin das Auditorium mit einem eher schlichten, aber sehr gefühlvoll und mit viel Herzblut vorgetragenen „Valse triste“ von Franz von Vecsey.

Zauberhafte Melodien und geballte orchestrale Energie

Angefangen hatte der Konzertabend unter der  sehr exakten und mit gehörigem Nachdruck ausgeführten Stabführung der litauischen Dirigentin Giedrė Šlekytė indes mit Schuberts „Rosamunde-Ouvertüre“. Ein paar wuchtige Eingangsakkorde markieren darin den Beginn einer zauberhaften, feinsinnig akzentuierten Melodie in ruhepulsigem Metrum. Folkloristisch tänzerische, von Lebenslust und leuchtendem Klang durchdrungene Themen schließen sich an; das Orchester präsentiert sie mit musikantischer Leichtigkeit bis hin zum turbulenten Finale.

Slekyte Giedre (c) Simon Pauly

Nach der Konzertpause, bei der Sinfonie Nr. 2 von Johannes Brahms, ist von einer solchen Leichtigkeit nicht mehr allzu viel zu spüren, wenngleich zum Anfang doch noch einiges zu erahnen ist von jener gemütvollen Sommerfrischen-Atmosphäre, die der Komponist dereinst im idyllischen Pörtschach am Wörther See erlebt hatte. Zunehmend überwiegt eher ein mittels satter Tutti-Fortissimos pittoresk nachgezeichnetes Alpenpanorama, umtost von entfesselten Naturgewalten und von derart majestätischer Klangopulenz, als solle der Große Glockensaal zum Bersten gebracht werden. Von pastoraler Heiterkeit keine Spur, trotz vereinzelt im Hintergrund schimmernder melancholischer Elemente.

Giedre Slekyte © Hannes von der Fecht

Effektvoll ist diese Interpretation zweifellos; immerhin haben etliche Zuhörer das unbedingte Bedürfnis, nach dem Kopfsatz zu applaudieren. Und es geht weiter in die Vollen – auch im Satz 2 Adagio, bei dem die anfängliche Beschaulichkeit schnell wieder umschlägt in voluminöse Klangdichte: Alles unter Mezzoforte scheint deutlich unterrepräsentiert zu sein. Gelöster, und mit einem Hauch Sehnsucht eingefärbt, gerät Satz 3 als etwas zurückhaltender dargebotenes  Allegretto grazioso.

Doch dann geht es mit einem Maximum an geballter Energie unter kolossalem Getöse und schier unaufhaltsam an den letzten Satz. Es mutet an, als werde man von kolossalen Kaventsmännern überrollt, mit kaum einer Chance, wenigstens für Augenblicke Luft holen zu können. Differenziert ausgeführte Nuancierungen sind allenfalls marginal zu erahnen; die zweifellos raren Partien, bei denen das Orchester sich zurücknehmen könnte, bleiben zumeist ungenutzt. Nun ja, auch das mag man als romantisch empfinden.

Ob letztlich der frenetische Schlussbeifall mit dem vorherigen Schalldruck des Orchesters mithalten kann, lässt sich schwerlich ermitteln. Doch auch diesmal bietet die deutlich gemäßigter dargebotene Zugabe, Schuberts Zwischenaktmusik aus „Rosamunde“ D797, willkommene Entspannung für mächtig beanspruchte Ohren.

Dr. Gerd Klingeberg, 1. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Berner Symphonieorchester, Krzysztof Urbański / María Dueñas Casino Bern, 20. Februar 2026

Maria Dueñas, Violine, Pittsburgh Symphony Orchestra, Manfred Honeck, Dirigent Wolkenturm, Grafenegg, 26. August 2024 

 

 

Musikfest Bremen, Finan Jones & The Constellation Choir & Orchestra Das Bremer Konzerthaus Die Glocke, 28. August 2026

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